| Sehr
geehrter Herr Dr. Schmidt, ich bitte Sie heute mich zu beraten, wie ich am besten mit meinem Sohn (9 Jahre) umgehen kann. Ich bin 29 Jahre und alleinerziehende Mutter. Der Vater hat sich bis heute nicht um seinen Sohn gekümmert und kennt diesen auch nicht. Was für mich auch nicht weiter schlimm ist. Mein Sohn fragt auch bis jetzt nur sehr selten nach seinem Vater. Seit der Geburt meines Sohnes lebe ich mit diesem alleine, bin also keine neue Beziehung mehr eingegangen. Ich arbeite im Wechseldienst. In der Zeit, wo ich nicht zu Hause bin, ist mein Sohn bei meinen Eltern, welche diesen mit erziehen. Meine Eltern wohnen im Nachbarort. (2 km). Ich versuche jedoch soviel Zeit wie möglich mit meinem Sohn zu verbringen und mir dementsprechend oft frei zu nehmen oder den Dienst so zu legen, daß mein Sohn bei mir sein kann. Mein Sohn hatte bedingt durch die schwere Geburt (Geburtsstillstand) schon früh Probleme. Mit ca. 2 Jahren habe ich ihn bei einem Logopäden vorgestellt, wo er ca. 3 Jahre in Behandlung war. Weiterhin habe ich ihn beim Förderverein für Psychomotorik angemeldet wo er vom dritten bis fünften Lebensjahr einmal wöchentlich und später zweimal wöchentlich gefördert wurde. Vom fünften bis zum achten Lebensjahr ging ich regelmäßig ein bis zweimal im Jahr zum Sozialpädiatrischen Zentrum, wo mein Sohn mehrfach "getestet" wurde. Mit dem Ergebnis, daß er seinem Alter zwei Jahre zurückliegt. Was sich jedoch durch die verschiedenen Therapien enorm verbessert hat. Vom achten bis zum neunten Lebensjahr ging er ein Jahr zur Ergotherapie und machte auch bis jetzt noch eine Audiotherapie. Die Therapien sind nun alle abgeschlossen. Aufgrund seiner Sprachbehinderung bekam mein Sohn einen Behindertenausweis (70 %), welcher im September diesen Jahres abläuft. Im Kindergarten fiel er schon öfter auf, daß er andere Kinder auslacht, wenn sie sich weh getan hatten. Er versuchte sich immer irgendwie in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Hause weinte er bei der geringsten Kleinigkeit und schrie oft sehr hysterisch, wenn er seinen Willen nicht bekam. Er schlief nie allein in seinem Bett, weil er immer angab Albträume zu haben. Mittlerweile geht mein Sohn zur Schule. Er besucht die zweite Klasse einer Sprachheilschule und kommt nun in die dritte Klasse. Der Lehrer hat Probleme mit meinem Sohn, da er sich nicht auf den Unterricht konzentriert sondern nur rumalbert und den Klassenclown spielt, oder rumträumt. Er hört auch nicht, wenn der Lehrer ihn ermahnt. Auch in der Schule lacht er die Kinder immer aus. Der Lehrer meint mein Sohn sei sehr schadenfroh. Deswegen bekommt er oft Strafarbeiten auf. Die Hausaufgaben erledigt er oft sehr schnell, manchmal träumt er aber auch hier rum und läßt sich von jeder Kleinigkeit ablenken. Dann braucht er oft Stunden um seine Hausaufgaben zu erledigen. Er gibt auch oft an keine Hausaufgaben aufzuhaben oder er macht nur die Hälfte von dem was er eigentlich aufgehabt hätte. In dem Haus meiner Eltern hat mein Sohn sein eigenes Zimmer. Hier schläft er auch seit gut zwei Jahren in seinem eigenen Bett. Bei mir hat er auch sein eigenes Zimmer. Schläft aber erst seit gut zwei Wochen in seinem eigenen Bett. Er fragt aber immer, ob er bei mir im Bett schlafen darf. Egal was ich ihm sage, er hört einfach nicht auf mich. Er sagt immer "Ich weiß", aber setzt es dann doch nicht um. Er vergißt viel, und kann sich oft nicht daran erinnern was er am Vormittag gemacht hat. Bei einem Gespräch mit dem Lehrer sagte dieser mir, daß mein Sohn von den Leistungen her, eine normale Grundschule besuchen könnte. Nur sein Sozialverhalten würde zu wünschen übrig lassen. Für eine Antwort wäre ich ihnen sehr dankbar. |
Hallo liebe Frau,
vielen Dank für Ihre ausführliche Darstellung der Entwicklung
Ihrers Söhnchens! Zwei Hauptproblembereiche kann man festmachen:
Einmal die Vaterlosigkeit Ihres Sohnes (die aber zumindest
teilweise wohl ausgeglichen wird durch den Opa. Ich hoffe, der
ist sich seiner Bedeutung als Vaterfigur bewusst), zum anderen
die Entwicklungsstörungen, die aber ja auch therapeutisch gut
behandelt worden sind. Möglicherweise sind Reste davon
(vielleicht eine Aufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsstörung
sowie eine Sprachstörung) noch vorhanden.
Wenn Ihr Sohn als "schadenfroh" bezeichnet wird, klingt
das nicht sehr einfühlsam vom Lehrer. Ich glaube, Ihr Sohn baut
dabei nur immer sein eigenes angeknackstes Selbstwertgefühl auf,
wenn andere Fehler machen oder sonst ein Grund besteht, sich
besser als die zu fühlen. Das kann bei oberflächlicher
Betrachtung sicherlich abstoßend wirken, aber aus seiner Sicht
tut es ihm jeweils gut. Er ist ja ein intelligenter Junge und
weiss, dass er Entwicklungsstörungen hat. Da tut es gut, ja da
freut man sich richtiggehend, wenn auch andere ihre
"Macken" haben. So verstehe ich die sog.
"Schadenfreude".
Nachdem Ihre Behandlungen im besagten Sozialpädiatrischen
Zentrum offenbar abgeschlossen sind, würde ich Ihnen (und
möglicherweise auch Ihren Eltern) eine weiterführende
Erziehungsberatung empfehlen (in derselben Einrichtung, in der
Sie bereits waren, befindet sich meine Erziehungsberatungsstelle,
wussten Sie das?) Dort könnten Sie sich kontinuierlich und
kostenfrei beraterisch begleiten lassen, wie Sie in der weiteren
Erziehung mit dem Sohn umgehen können. Das ist nämlich sicher
nicht ganz einfach, so dass eine fachliche Begleitung für Sie
und den Sohnemann sicherlich hilfreich sein könnte. Also mein
Tip: Melden Sie sich in meiner Erziehungsberatungsstelle an. Sie
bekommen innerhalb von maximal 4 Wochen einen Termin, auf Wunsch
auch rascher.
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt