Sehr geehrter Herr Psychologe Schmidt,
mein Problem ist folgendes:
Ich habe 3 Töchter: 12, 10 und 2,5 Jahre.
Mit der ältesten und jüngsten Tochter habe ich insoweit Probleme, dass sie unter Allergien und Diabetes leiden. Die mittlere Tochter, T macht uns seit ihrer Geburt ärger, d.h. als sie am 3. Lebenstag ihre große Schwester sah, die zu diesem Zeitpunkt fas 2 Jahre alt war, hat T nur noch geschrien, sobald sich auch mal was um die  Große drehte. Ich will damit sagen, dass T von da an sehr sehr eifersüchtig wirkte, was bis heute etwas besser geworden ist.
Ich trennte ich vom Vater der 2 großen Kinder vor 4 Jahren, da er anfing zu trinken und aggressiv gegen mich zu werden. Zur Zeit bemerke ich, dass die großen  Kinder sich so viel von ihrem Vater abguckte oder übernahm, dass sie ihre kleinste Schwester, 2,5 Jahre (Kind von meinem Lebensgefährten, den die Kinder akzeptieren und als ihren 2. Vater ansehen) andauernd ärgern, so wie ihr Vater es mit ihnen damals tat.
Seit einem Jahr meldet sich der Vater der großen Kinder nicht mehr. Wir Erwachsenen versuchen, mit diesem Problem mit den Kindern zu reden, damit sie lernen, damit klar zu kommen. Als er sich damals um die Kinder kümmerte, sagte er den Kindern, dass sie schön viel hier bei mir kaputt machen sollen, damit wir Erwachsenen uns ärgern und noch mehr Geldausgaben haben. Nun (seit diesem 1 Jahr) ist es so! T machte uns 2 Wäschetrockner, die älteste Tochter einen Elektroherd kaputt, desweitern litt unser Kühlschrank von außen schon unter Ts "Schmierhände", so dass dieser zerkratzt ist.
Lust zur Schule hat T auch nicht so recht. Sie will zwar auf Realschule, schafft es laut Zeugnis nicht, da sie zu schlechte Zensuren hat.
Uns kommt es auch so vor, als ob T durch ihr Verhalten weiterhin im Mittelpunkt stehen will, da sie sonst nicht immer im Mittelpunkt steht, da die 2 anderen Kinder eben Krankheiten haben, mit denen Kinder verständlicherweise nicht alleine klar kommen. Mir als Mutter kommt es so vor, als ob T zum Einzelkind geboren wurde und in der falschen Familie aufwächst.
Mir bleibt bald nichts anderes mehr übrig, als sie ins Internat zu schicken !! Ich weiß mir keinen Rat mehr, wie ich mit T umgehen soll.
T war immer ein Mama-Kind, seit einem Jahr benimmt sie sich so abscheulich wie ihr Vater (wird frech, haut ihre kleine Schwester, tritt ihr in den Popo, ärgert sie, wenn sie vorbei geht, hört absolut nicht auf uns, macht ständig alles kaputt, diskutiert mit meinem Lebensgefährten wegen jeder Kleinigkeit, heult dann immer noch wie ein Kleinkind, das ihren Kopf nicht durchsetzen kann). Eine Psychologin hat sie auch schon, nur sehen wir keinen Erfolg nach einem dreiviertel Jahr, sie spielen nur, wenn wir Erwachsenen eine Sitzung bei ihr haben, bekommen wir NIE einen Rat!
ICH WEISS NICHT MEHR WEITER!! WIE SOLLEN WIR UNS VERHALTEN! WAS KANN ICH ALS MUTTER TUN, damit sich das Verhalten von T, 10 Jahre verbessert?? Ist der letzte Ausweg wirklich das "Abschieben" ins Internat, was sie nicht möchte? Manchmal sage ich es ihr, weil ich mir nicht mehr zu helfen weiß und sie dann ein wenig hört und versucht für ein paar Tage sich zu besern!
Gruß T

Liebe T,
vielen Dank für Ihren Brief! Das mit dem Internat meinen Sie sicher nicht ernst, denn das käme Sie sehr teuer, weil ein Jugendamt das in Ihrem Falle sicher nicht bezahlt. Es zeigt mir aber Ihre erzieherische Hilflosigkeit.
Ihre Tochter T scheint mir ein typisches "Schattenkind" zu sein. Das sind Kinder, die in ihrer Familie sozusagen im Schatten ihrer Geschwister leben, die aus irgendwelchen Gründen mehr Aufmerksamkeit von den Eltern erhalten. Darunter leidet das Schattenkind oft sehr. In Ihrer Familie sind die Geschwister krank und stehen mit ihren Krankheiten notgedrungen immer mehr im Mittelpunkt als ein gesundes Kind wie T. T steht also im Schatten. Solche Schattenkinder lernen in ihrer Familie leider nicht selten, dass man den Eltern Sorgen machen muss, um auch im Mittelpunkt zu stehen. Die Geschwister machen ja Sorgen wegen ihrer Krankheiten. Also macht auch das Schattenkind Sorgen, eben dann psychische. Es rebelliert gegen sein Schattendasein, wird unzufrieden, aggressiv, eben genauso, wie Ihre liebe T.

Was können Sie also tun? Als erstes sollten Sie sich eine kompetentere Psychologin oder einen kompetenteren Psychologen suchen. Am besten einen (kostenlosen) Familientherapeuten in Ihrer Erziehungsberatungsstelle. Denn Sie brauchen als Eltern natürlich konkrete Beratung und Unterstützung dabei, das Verhalten Ihres Schattenkindes verstehen zu lernen und dann Ihr Erziehungsverhalten zu verbessern. Nicht T braucht Therapie, sondern Sie als Eltern sollten sich intensiv beraten lassen, wie Sie T aus ihrem Schattenkind-Dasein herausholen können, damit sie zufriedener wird und nicht mehr so stark negative Aufmerksamkeit einfordern muss. Das erreichen Sie, indem T viel mehr positive Aufmerksamkeit von Ihnen und ihren Geschwistern bekommt. Schon der gemeinsame Gang in die Erziehungsberatungsstelle zur Familiensitzung bringt einem Schattenkind endlich ein wenig mehr positive Aufmerksamkeit. Aber auch sonst müssen Sie in der Beratung viele Alltagsmöglichkeiten entdecken, in denen T positive Aufmerksamkeit bekommt, die es ihr langsam aber sicher erleichtern, ihr Streben nach negativer Aufmerksamkeit einzustellen.

Denn: Viel negative Aufmerksamkeit ist aus der Sicht des Schattenkindes besser als zu wenig positive Aufmerksamkeit. Aber positive Aufmerksamkeit ist viel besser als negative!

Viel Erfolg wünscht Ihnen und T Ihr

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt