| Sehr geehrte
Damen und Herren, unser Vater (67) leidet schon seit vielen Jahren an extremen Wahnvorstellungen. Diesbezüglich geht es ihm immer schlechter. Meine Mutter leidet als Hauptbetroffene sehr darunter, da er sie verdächtigt, fremdzugehen. Hinzu kommen bei ihm Gewaltausbrüche und Depressionen. Sicher gibt es in solchen Fällen Hilfe. Das Problem ist jedoch, daß er nicht erkennt, daß er krank ist. Er reagiert sofort aggressiv, wenn in diese Richtung eine Äußerung fällt. In seinen Augen sind alle anderen Personen krank und emotional gegen ihn eingestellt. Ab und zu deutet er auch an, sich umzubringen. Wir sind alle hilflos. Zu einem Arzt geht er nicht. Bitte geben Sie uns einen Rat, wie es in einem solchen Fall zu einer Lösung kommen kann. Ist es möglich, daß er irgendwann einsichtig wird? Mit freundlichem Gruß S. |
Liebe S.,
wenn sich ein Mensch auffällig verhält, sei es nun ein
Familienmitglied oder ein Arbeitskollege,
und Sie haben den Verdacht, daß es sich um eine geistige
Störung handelt, dann müssen Sie sich Ihrer Verantwortung
bewußt
sein und die Sache nicht von sich wegschieben. Der sich
auffällig Verhaltende ist krank und bedarf einer professionellen
ärztlichen Hilfe. Ihre Aufgabe ist es, den Kranken davon zu
überzeugen, daß er sich in ärztliche Behandlung begibt. Dabei
sollten Sie vermeiden, eine eventuelle psychische Störung zu
erwähnen. Das kann als Angriff und Komplott mißverstanden
werden. Hilfreiche "Aufhänger" sind der oft vorhandene
Erschöpfungszustand oder unbestimmte körperliche Beschwerden
und
Symptome, die Ihnen der Kranke sicher nennen kann. Auf dieser
Grundlage gehen Sie als Vertrauensperson am besten gleich zum
Spezialisten, einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.
Schildern Sie dem Arzt ihre Beobachtungen
des auffälligen Verhaltens und die Symptome des Kranken, ohne
daß dieser mißtrauisch wird. Der Arzt muß dann entscheiden,
was weiter passiert.
Ist der Erkrankte schon im Wahn und für Argumente nicht mehr
zugänglich, ist die zwangsweise Einlieferung in eine Klinik
unerlässlich, denn wer weiß, was er sich oder anderen antut.
Also muß man entweder den Krankenwagen/Notarzt oder die Polizei
rufen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber keiner nimmt sie Ihnen
ab. Hinterher wird er Ihnen vielleicht vorwerfen, das Sie ihn in
seinen Rechten als freier Bürger dieses Landes hintergangen
haben, aber es kann auch passieren, daß er Ihnen dankbar ist,
weil Sie ihn vor Unheil bewahrt haben oder zumindest vor weiteren
peinlichen Situationen. In der Klinik kann der Kranke auf
Medikamente eingestellt werden, deren Wirkung oft erst nach 14
Tagen einsetzt.
Seien Sie sich bewußt, daß der Verlauf der Krankheit chronisch
sein kann und damit eine bleibende Behinderung fortbesteht.
Lassen Sie sich nicht entmutigen durch die ständige
Unsicherheit. Holen Sie sich Hilfe in Selbsthilfegruppen und
Beratungsstellen. Dies gilt sowohl für die Patienten als auch
für die Angehörigen.
Wie sind die Aussichten?
Ein Drittel der von Schizophrenie betroffenen Bevölkerung
erkrankt nur einmal im Leben und genest
danach wieder vollständig. Damit ist schon widerlegt, daß die
Krankheit unheilbar ist. Heilung setzt auch beim zweiten Drittel
größtenteils ein, nur wird der gesunde Zustand gelegentlich von
Rückfallen unterbrochen (z.B. alle 2 Jahre). Es können aber
auch größere Zeitabstände bis zum nächsten Rezidiv auftreten.
Eine genaue Vorhersage läßt sich nicht machen. Trotz dieser
Unsicherheit ist die Schizophrenie eine Krankheit, die sich mit
entsprechender Medikation und Therapie gut in den Griff kriegen
läßt. Nur beim letzten Drittel überwiegt der chronische
Zustand und die Krankheitssymptome sind mehr oder weniger
präsent.
Leider ist das Selbstmordrisiko für alle Erkrankten erhöht.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß es neben der
"Verrücktheit" Schizophrenie auch noch andere
Krankheitsbilder
mit Wahnentwicklungen gibt, z.B. die chronische Paranoia, wo man
auf Grund des Fehlens typischer Symptome eben nicht
"schizophren" diagnostizieren kann. Diese Fälle haben
einen eher ungünstigen Verlauf, wegen fehlender
Behandlungseinsicht und
weil der Wahn schon Jahre andauert.
Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden die meisten Patienten noch in
den Irrenhäusern weggeschlossen. Seither hat sich viel getan.
Zum einen sind wirksame Medikamente verfügbar, die die Heilung
begünstigen, zum anderen hat sich die Psychiatrie der
Gesellschaft gegenüber geöffnet. Es gibt Tagesstätten und
betreute Wohnformen. Heutzutage ist es für einen an
Schizophrenie
Erkrankten möglich, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu
führen.
Mit freundlichem Gruß, Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt