Unsere Tochter ist 9 Jahre alt und hat schon seit der Geburt Schlafprobleme (sowohl Einschlaf- als auch Durchschlafprobleme). Diese treten immer wieder auf, mal stärker und mal weniger stark. Z.Zt. entwickelt sie allerdings eine regelrechte Angst vor dem Einschlafen. Wir haben alles versucht: Ritual entwickelt ( gute Atmosphäre, gleiche Uhrzeit, Vorlesen, im Flur Licht brennen lassen, ich bleibe noch oben im Zimmer nebenan und lese etwas, Option, dass sie jederzeit kommen kann, wenn etwas ist etc.etc..) Nach dem Gutenachtsagen dreht sie sich zur Wand und verkriecht sich vollständig unter ihrer Decke. Sie sagt sie hat Angst vor ihrem Zimmer, dass sich ihre Stofftiere oder Puppen bewegen etc. (sie hat sehr viel Phantasie). Wenn sie tagsüber etwas erlebt hat, das eigentlich spannend und positiv war, so wird dies abends bedrohlich für sie (z.B. Besuch des Keltenmuseums, Schulausflug - "ich muss immer daran denken und kann nicht einschlafen"). Sie kommt dann nach ca. 10 Minuten und ist total durchgeschwitzt, also neuer Schlafanzug und wieder versuchen, einzuschlafen. Dies endet z.Zt. damit, dass ich ebenfalls ins Bett gehe und sie bei mir ins Bett darf. Selbst dann dauert es meist noch über 1 Stunde bis sie endlich schläft. Wir haben auch schon homöopathische Kügelchen ausprobiert (Avena Comp. von Wala) und ein Duftspray; dies hat nur kurze Zeit geholfen, das Grundproblem (das ich nicht erkennen kann) ist nach wie vor da. Ich bin auch nicht sicher, in wieweit sie mich testet und nur im Ehebett schlafen will. Jedoch hat sie oft auch "klamme" Finger, was bei ihr ein Zeichen ist, dass es vegetativ ist, also nicht mit Absicht, sondern dass sie tatsächlich Angst hat und sehr unglücklich ist, dass sie nicht einschlafen kann. Sie war jetzt 1 Woche mit Bruder (12 J.) und Oma im Urlaub. Alle haben zusammen in einem Zimmer geschlafen, sie sind später ins Bett gegangen als normal und es gab keinerlei Probleme, weil sie abends natürlich auch sehr müde war (Schwimmen, Wandern, Ausflüge). Sie ist aber zu hause tagsüber ebenfalls aktiv, aber nicht überaktiv - sie ist immer in Bewegung und braucht diese auch. Da ich mir keinen Rat mehr weiß und das Ganze alle in der Familie viel Kraft kostet, wende ich mich an Sie. Unser Hausarzt konnte mir auch nur die üblich Tipps zum Einschlafen geben. Im voraus besten Dank für Ihre Rückantwort. Mit freundlichen Grüßen

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich habe den Eindruck, dass sich um das Schlafengehen Ihrer Tochter herum im Laufe der Zeit eine familiäre Verkrampfung entwickelt hat, in der es der Tochter fast unmöglich wird, entspannt einzuschlafen. Es ist ungefähr so, wie wenn Sie satt sind und jemand Sie zwingen will, Hunger zu haben. Das geht ja nicht unter Druck oder Zwang, es muss wie von selbst entstehen. Ihre Tochter kann nicht unter Zwang oder weil es erwartet wird, entspannt sein und selig einschlummern. Sie setzt sich schon selbst unter Einschlafzwang. Das kommt der berühmten paradoxen Intervention gleich, wie sie z.B. Watzlawick in seinem berühmten Büchlein "Anleitung zum Unglücklichsein" ausführlich beschreibt. Also niemand kann sich oder einen anderen zwingen, entspannt zu sein und einzuschlafen.

Das Beispiel des Urlaubs bei der Oma zeigt, dass die abendliche Entspannung als Voraussetzung zum Schlafengehen wie von selber kommen muss. Das sollten Sie nachmachen, indem Sie mit Ihrer Tochter darüber sprechen, dass man es ab sofort so wie im Urlaub mit der Oma machen sollte. Dass sie also ab sofort selber bestimmen darf, wann sie sich abends so richtig schön gemütlich müde fühlt, dass sie ins Bett gehen will. Sie allein soll es fühlen und ganz ehrlich entscheiden, wann sie sich müde genug fühlt. Wir Erwachsenen machen es ja nicht anders. Wir gehen auch erst dann ins Bett, wenn wir Lust dazu haben und uns müde genug fühlen. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Sie schon einmal beschlossen haben, besonders früh ins Bett zu gehen, weil am nächsten Tag irgendein sehr wichtiges Ereignis auf Sie wartete. Und was passierte? Sie konnten nicht einschlafen und bekamen Angst, Sie könnten am nächsten Tag unausgeschlafen sein und den wichtigen Termin (z.B. eine Prüfung) versieben. Und je stärker diese Angst wurde, um so weniger konnten Sie einschlafen... Da wälzt man sich dann schweissgebadet und schlaflos im Bett herum. Am besten, man steht wieder auf und hört so lange Musik, schaut so lange Fernsehen, erzählt so lange mit jemandem oder liest so lange, bis man ehrlich müde ist.

Mein Rat geht also in die Richtung, jede Verkrampfung aus dem Thema Einschlafen herauszunehmen, indem Sie es der Tochter freistellen, abends selbst zu entscheiden, wann sie müde genug ist, ins Bett zu gehen. Bitten Sie sie, dabei aber ganz ehrlich zu sein. Und wenn sie sich dabei anfangs täuscht und doch wieder nicht schlafen kann, macht das rein gar nichts. Dann kommt sie eben noch mal zurück. Und wenn sie anfangs viel zu spät ins Bett kommt, macht das auch rein gar nichts, dafür wird sie am nächsten Abend umso müder sein.

Bis sich diese Entspannung wirklich durchgesetzt hat und daraus eine neue, aber dann unverkrampfte Routine entwickelt hat, können einige Wochen vergehen, die für Sie als Eltern natürlich nicht stressig sein dürfen. Sie brauchen dafür einige Gelassenheit, Geduld und Toleranz. Aber danach wird das bislang so verkrampfte und angepannte Ambiente ums Schlafengehen verschwunden sein. Ihre Tochter geht dann wie selbstverständlich ins Bett, wenn sie müde genug ist. Das wird dann auch meist um die selbe Zeit herum sein.

Meint Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt