| Hallo Herr
Schmidt, ich habe folgende Frage, meine Freundin möchte im Sommer mit Ihrem Sohn, für den sie das alleinige Sorgerecht hat, zu mir ziehen (von Göttingen nach Hannover), nun fängt die Schlammschlacht mit dem Kindesvater an, der nun per Familiengericht versucht das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Kann meiner Freundin "einfach so" das Sorgerecht entzogen werden? Umstände: Der Junge (10 Jahre) lebt zu 65% in dem Haushalt der Großeltern des Vaters, der auch in dem Haushalt noch lebt. Wenn meine Freundin Arbeitsfrei hat, durchschnittlich 2,5 Tage in der Woche, ist der Junge bei Ihr und ansonsten ist sie vor oder nach der Arbeit immer mit dem Jungen zusammen. Der Kindesvater hat bisher noch nie einen eigenen Haushalt geführt und die Großeltern werden dieses Jahr 73 Jahre alt, wenn die Großmutter ausser Gefecht war (Krankenhaus etc.) hat meine Freundin den Haushalt bisher immer geführt. Vielen Dank im voraus für Ihre Bemühungen. Mit freundlichem Gruß |
Hallo,
Ihre wenigen Angaben zu einem so komplizierten Sachverhalt
erlauben mir nur folgende allgemeine Anmerkungen: Für den
kleinen Sohn ist es ganz wichtig, dass es jetzt eben keine
"Schlammschlacht" gibt. Sie und Ihre Partnerin sollten
dies auch dem Kindesvater nicht unterstellen, denn diesem geht es
wahrscheinlich um die Sorge, seinen Sohn nicht mehr so oft sehen
zu können und die Beziehung zu ihm zu verlieren, wenn er
wegzieht. Das spricht ja zunächst einmal für den Vater!
Vielleicht setzt er sich auch für seine Eltern ein, die
ihrerseits den Enkel nicht verlieren möchten. Und das sollte
Ihre Partnerin verstehen, dann kann es schon mal keine
Schlammschlacht werden. Der Junge würde ja wohl auch seinerseits
den intensiven Kontakt zu den Großeltern verlieren, die
möglicherweise sein psychischer Lebensmittelpunkt sind. Will er
das denn wirklich selbst? Sie sind ja im gesamten Familiensystem
wahrscheinlich die fremdeste Person für den Jungen, und zu Ihnen
soll er nun ziehen, weg von den Großeltern und vom Vater? Sie
und Ihre Partnerin sollten noch einmal gründlich überlegen, ob
das eine gute Lösung wäre. Für den Jungen wäre es
wahrscheinlich besser, wenn Sie nach Göttingen zögen, in seine
Welt, statt dass Sie ihn aus seiner Welt herausreissen. Ich
würde Ihnen allen den Besuch einer Erziehungsberatungsstelle
raten, um dort mit den Fachleuten gemeinsam und ohne
Schlammschlacht (und ohne Rechtsanwälte bzw. Juristerei wie
Sorgerecht etc.) erst einmmal wie erwachsene und
verantwortungsvolle Leute zu beraten, was die für den Jungen
beste Lösung sein könnte. Die Großeltern und der Vater sollten
sich an dieser Beratung natürlich beteiligen. Es geht jetzt
nicht darum, wer von den Erwachsenen sich durchsetzt, sondern was
für den kleinen Jungen am besten wäre.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt