Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich freue mich über das Internet eine Möglichekeit zu bekommmen
mich über
die Probleme die ich mit meiner Tochter habe zu äußern. Die örtl.
Erziehungsberatungsstelle, wo ich uns bereits angemeldet habe,
hat eine
Wartezeit von 12 Wochen, in den Sommerferien werde dort wohl
den 1. Termin
bekommen und in Kinderpyscholoh. Praxen in unserer Gegend
sieht die
Wartezeit ähnlich aus, nur ich weiß einfach nicht mehr was ich
machen soll.

Ende Febr. d.J. habe ich mich von meinem Mann getrennt. Jenny
ist unsere
gemeinsame Tochter. Vorübergehend habe ich mit bei einer
Freundin gewohnt
und seit Anfang Mai habe ich nun eine eigene Wohnung für uns
gefunden. Bei
der Freundin bin ich kurzfristig wieder ausgezogen, da sich meine
und ihre
Tochter sehr oft gezankt haben bzw. Jenny oft gehauen, geschrien
oder
gekniffen hat, wenn die beiden mit einander gespielt haben und es
war nur
Unmut im Haus. In der neuen Wohnung ist es so (ich gehe den
ganzen Tag in
der Woche arbeiten, sie ist morgens in einem Kindergarten,
nachmittags bei
einer Tagesmutter), das die Wochenenden der reine Horror für mich
und meine
Tochter auch sind. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, das die
Probleme so
komplex sind.

Heute z.B. sind wir um 9.00 h aufgestanden, Frühstück: wollte mit
dem Toast
aufstehen und weiterspielen, was sie generell nicht darf und hat
dann das
Toast im Eifer des Gefechtes an die Fußleiste in der Küche
geschmiert (die
Küche ist sehr klein) - nachdem ich sie 3x aufgefordert habe, sich
wieder zu
setzen und sie es nicht getan hat, habe ich ihr dann auf die Finger
einer
Hand gehauen; sie hat sich dann wieder hingesetzt und ich hatte
ein
schlechtes Gewissen, weil ich sie gehauen habe, aber anders
komme ich im
Moment nicht durch bei mir. Bis 11.00 Uhr hat sie in Ihrem Zimmer
oben im
Dachzimmer gespielt. Ab 11.00 Uhr mich im Badezimmer vom
Haare waschen
aufgehalten und nur Dinge getan, die sie nicht darf, z.B. Tür der
Duschwand
mit vollen Wucht zugeschoben, Handtuchhalter gegen das
Waschbecken gedrückt,
daran herum geruckelt, WC aufgemacht und Hand
hineingehalten,...,
Mittagessen: so weit i.O., hatte kaum Hunger und gesagt sie ist
müde, danach
noch kurz gespielt, dann habe ich Sie nach oben in Ihr Bett
gebracht und
habe sie hingelegt und bin wieder nach unten gegangen. Nach 1
Min. war sie
an der Treppe und wollte wieder nach unten, sie sei nicht mehr
müde. Danach
bin ich wieder hoch und habe 30 Min. mit ihr diskutiert und erklärt
warum
sie jetzt schlafen soll und warum sie auch oben schlafen soll. Sie
hat
fürchterlich geweint und alles versucht. Auch wenn mich jedesmal
wieder mein
Gewissen plagt, ich habe ihr dann auch einen auf den Popo
gegeben, was aber
auch nichts gebracht hat, eher im Gegenteil, natürlich. Warum
mache ich das
dann überhaupt. Als sie dann vorhin soweit war, das sie in ihrem
Bett
liegengeblieben ist, war ich am Boden zerstört und habe erst mal
im
Badezimmer geweint, weil ich einfach nicht mehr weiß. warum es
zu diesen
Situationen kommt, ich kann ihr aber doch so etwas nicht
durchgehen lassen,
ich fange allerdings auch schon an andere Dinge nicht mehr zu eng
zu sehen.
Ich bin so verunsichert, das ich gar nicht mehr weiß, wie ich in
einem
Konflikt-Moment reagieren soll bzw. wie ich normalerweise
reagieren würde -
ruhig bleiben, zu reden, erklären warum usw....

Ich merke gerade, das ich das alles gar nicht aufschreiben kann,
weil mich
so viel bewegt und ich nicht weiß, was diese Probleme ausgelöst hat. Ich
verstehe mich bereits mit Ihrem Papa wieder besser und er kommt mind. jeden
3. Tag zu Besuch. Könnte sie das so verunsichern, das sie sich so
unberechenbar verhält?? Sie kann sich an kaum eine Regel halten, die man ihr
erklärt und alleine spielen kann ich im Kalender rot ankreuzen. Im
Kindergarten (Elterninitiative mit 10 Kindern von 1 .-- 3 Jahren) verhält
sie sich lt. Erzieherin anders als die anderen (sie kann ein großes Puzzle
mit Tieren nicht zusammensetzen) und mit den Kindern schreit sie herum und
haut. Mit den gleichaltrigen Jungen kann sie besser spielen als mit den
Mädchen, die können manchmal nicht so viel mir ihr anfangen.

Mir ist erst seit ca. 8 Wochen bewußt, das vielleicht etwas mit Ihrer
Wahrnehmung bzw. mit Ihrem Verhalten nicht stimmen könnte, vorher habe ich
immer gedacht: Ach komm, sie ist halt ein Kind. Mittlerweile habe ich auch
festgestellt, das die Probleme mit meinem Mann zwar bestehen und auch
schwerwiegend sind, das aber unsere Tochter auch eine große Rolle spielt,
denn z.B. die Wochenenden sind immer noch so schwer für mich zu bewältigen.
Ich kann das nur so beschreiben, am Wochenende möchte ich Spaß mit meiner
Tochter haben, versuche alles, damit es nicht stressig wird zwischen uns
beiden und es knallt doch früher oder später.

Können Sie mir irgendeine Empfehlung geben, an wen ich mich
wenden kann und
wo ich schnelle Hilfe für uns erhalten kann. Könnte Jenny ADS
haben und wie
lasse ich das am besten feststellen? Oder hilft da auch eine
Familienberatung für uns oder schon eine Ergotherapie für Jenny.
Wie trete
ich Ihr gelassener und auch konsequenter - und vor allen Dingen
ohne
"Hauen" -gegenüber. Als erstes werde ich Zettel aufhängen, auf
denen steht
das weder ich sie hauen, noch sie mich hauen, treten, kneifen oder
beißen
darf - ich hoffe, sie kann das in ihrem Alter schon verstehen.

Ich danke Ihnen schon jetzt für Ihre Mühe das alles zu lesen und
sich
ungefähr vorzustellen, wie ich mich fühle und wie Jenny sich erst
fühlen
muß, die ständig nur hören muß, wie ungezogen sie ist. Das stelle
ich mir
besonders schlimm vor und ich bin wirklich an einer Stelle
angelangt, an der
ich nicht mehr weiter weiß. Ich danke für Ihre Antwort und wünsche
Ihnen ein
schönes Wochenende. Falls Sie mir Adressen kompetenter
Psychologen mitteilen
können, ich wohne im Raum 31655 Stadthagen, 31675 Bückeburg,
32423 Minden.
Eine völlig aufgelöste
Anja

Liebe (hoffentlich nicht) völlig aufgelöste Anja,
Sie machen auf mich wirklich einen ziemlich unausgeglichenen Eindruck als
Frau und als Mutter. Was ist los mit Ihnen, dass Sie sich wegen jeder
Kleinigkeit mit Ihrer kleinen Tochter fetzen müssen? Ist Ihre Tochter Ihr
Blitzableiter? Ihr Nervenkostüm scheint wirklich sehr, sehr dünn zu sein,
und Sie fragen sich mit Recht, was die wirkliche Ursache dafür ist. Ihre
Tochter ist es sicher nicht, denn was sie macht, sind ja meist Proteste
gegen Ihr liebloses und ungeduldiges Verhalten. Sie scheinen sich meist
krampfhaft zu bemühen, einen liebevollen oder geduldigen Umgang mit der
Tochter zu schaffen, aber das kann ja nie lange gut gehen. Man kann nicht
krampfhaft und willentlich entspannen, wenn mann seelisch völlig angespannt
ist, das ist ein Widerspruch in sich.
Ich vermute, Ihr Eheproblem ist die Ursache für Ihre innere
Unausgeglichenheit und Ungeduld gegenüber der Tochter. Bezeichnenderweise
schreiben Sie darüber weiter gar nichts, stattdessen verlieren Sie sich in
die kleinlichen Scharmützel mit dem Kleinkind. Das bestätigt meine
Vermutung, dass Sie Ihre Tochter unbewusst als Blitzableiter für Ihr
Eheproblem brauchen. Wenn das so ist, sollten Sie sich Ihrem Eheproblem
zuwenden. Allein das komplizierte Beziehungsdurcheinander in Ihrer Familie,
das Sie Ihrer kleinen Tochter zumuten, ist ja für ein Kleinkind schon sehr
belastend (Elternstreit, Kindergarten, Tagesmutter, Ein- und Auszug bei
Freundin, neue Wohnung...). Was ist mit Ihrer Ehe denn los? Das wäre das
Thema, das im Vordergrund stehen muss, nicht das Heckmeck mit der Tochter.
In einer psychologischen Beratungsstelle sollten Sie sich zunächst und
gründlich mit diesem Thema befassen. Natürlich können Sie dies auch, indem
Sie eine fortlaufende Email-Beratung bei mir bestellen.
Alles Gute für Sie und Ihre Familie wünscht
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Zurück