| Sehr geehrter Herr
Schmidt, ich bitte um Ihren Rat und Ihre fachliche Meinung. Es geht um eine schwere Krise, in der ich mich gerade in meiner Partnerschaft befinde. Mein Lebensgefährte (35)und ich (40) haben seit dreieinhalb eine Beziehung, seit 1,5 Jahren leben wir zusammen in einer gemeinsamen Wohnung. Wir sind zusammengezogen, weil ich es wollte, mein Lebensgefährte sagt "er habe es mir zuliebe getan". Ich wollte einen weiteren Entwicklungsschritt in unserer Beziehung tun, er war mit dem status quo zufrieden. Er ist ein Mensch, der wenig über seine Gefühle spricht und zu Grübeleien und depressiven Verstimmungen neigt, in denen er alles in Frage stellt, auch immer wieder ob ich überhaupt die Richtige für ihn sei. Meiner Meinung nach verbindet uns sehr viel, wir mögen ähnliche Leute, haben ähnliche Einstellungen zu verschiedenen Dingen des Lebens, empfinden für vieles ähnlich, lieben ähnliche Musik, Literatur, Kino, usw. In der Zeit, in der wir nun zusammen wohnen, hat sich unser Verhältnis folgendermaßen entwickelt: Ich hatte immer das Gefühl, dass er nicht "mitzieht", sich nicht engagiert, unsere Beziehung in Frage stellt. Er sagte weder, ob ihm etwas passt oder nicht, auch nicht auf meine Rückfragen nach seiner Meinung. Auch er selbst sieht das so. Darüber kam es oft zu heftigen Auseinandersetzungen. Ich versuchte, zumindest wöchentliche Gesprächstermine zu finden, in denen wir uns über die Gestaltung unserer Beziehung unterhalten könnten. Er verweigerte dies, machte sich auch in sarkastischer Weise lustig darüber. Wir hatten aber trotzdem immer wieder sehr intime, glückliche Phasen. Seit Anfang dieses Jahres zog er sich allerdings völlig von mir zurück, alle meine Versuche, herauszufinden, was los sei, oder auf ihn zuzugehen waren erfolglos. Vor drei Wochen eröffnete er mir nun, auf mein eindringliches Fragen, was los sei, dass er sich in eine andere Frau verliebt habe, eine ehemalige Schulkollegin, die sich gerade in Trennung von ihrem Mann befand. Wir waren inzwischen gemeinsam auf Urlaub (hier vergaß er angeblich, dass wir überhaupt Probleme haben), leben weiterhin gemeinsam und haben auch lange Gespräche über unsere Beziehung geführt. Seine Aussagen: Er fühle sich beengt, eingesperrt, er möchte eigentlich nur tun und lassen, was er wolle, er habe immer getan, was andere von im wollten. Er glaube nicht, dass wir unsere Beziehung so gestalten könnten, dass er sich frei fühle. Aber er habe mich sehr gern, ich sei ein lieber Mensch, es sehe unsere verbindenden Gemeinsamkeiten und deshalb sei es sehr schwer für ihn sich von mir zu trennen. Er sei halt sehr in die andere Frau verliebt. Er erkennt intellektuell zwar gewisse Mechanismen (z.B. Nähe-Distanz-Problem), nun sei es aber an der Zeit "seinem Herz zu folgen". Ich denke über mich, dass ich schon ein Mensch bin, der große emotionale Nähe sucht, habe aber durchaus meine eigenen Interessen, mein eigenes Leben und bin auch bereit mich über Probleme und Beziehungsführung zu unterhalten und Kompromisse zu suchen. So ist nun die Situation: Ich schöpfe Hoffnung, er ist liebenswürdig zu mir. Nächsten Tag kann alles wieder ganz anders sein, er ist abweisend, meistens trifft er dann die andere Frau "weil er Sehnsucht nach ihr hat". Ihm ist bewusst, dass er eine Entscheidung treffen muss, konnte es aber bis jetzt nicht. Ich habe ihm gesagt, wie sehr ich in liebe und auch brauche, das er sehr wichtig für mich ist. Aber ich bin durch dieses ewige Hin und Her am Ende meiner Kräfte, habe Angst, Unruhe, kann mich nicht mehr konzentrieren. Daher habe ich heute vorgeschlagen, dass er aus unserer gemeinsamen Wohnung auszieht, möglicherweise zu einem Freund, ihm vorgeschlagen, dass er die Dinge, die er nicht braucht, in der Wohnung lassen kann, sodass er und ich Ruhe finden können und eine endgültige Entscheidung gefallen ist. Er antwortete: Ja. Daran habe ich auch schon gedacht. Finden Sie, dass meine Vorgangsweise richtig war? Sehen sie noch eine Chance, dass er wieder zu mir zurück findet? Mit vielem Dank für Ihren Rat A |
Liebe A.,
ja, ich finde, Sie haben richtig gehandelt. Irgendwie passen Sie
und Ihr Partner wohl leider nicht so richtig zusammen.
Wahrscheinlich läuft es auf eine endgültige Trennung zwischen
Ihnen beiden hinaus. Zu unterschiedlich scheint mir Ihr beider
Bindungsinteresse. Ihr Partner hat es Ihnen eigentlich sehr
deutlich gesagt, dass er sich lieber trennen möchte, aber Ihnen
nicht weh tun will. Er scheint nur aus Rücksichtnahme auf Ihre
Verletzlichkeit und aus Schuldgefühl noch nicht endgültig
Schluss gemacht zu haben. Er spürt, wie Sie ihn brauchen, und er
hat Schuldgefühle, weil er Sie nicht ebenso braucht. Deshalb
legt er es wohl darauf an, dass nicht er selber, sondern Sie die
Beziehung beenden.
Ihre Beziehung wirkt recht einseitig. Sie scheinen der bindende
Teil zu sein, Ihr Partner will aber wohl lieber keine ernste
Bindung an Sie. Aus meiner Sicht sollten Sie deshalb ein Ende mit
Schmerz den Schmerzen ohne Ende vorziehen.
Das Leben und die Liebe geht trotzdem weiter.
Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt