Sehr geehrter Herr Schmidt,
ich wende mich heute mit einem vielleicht kleinen Problem an Sie. Unsere
älteste Tochter macht mir in der letzten Zeit sehr viele Probleme. Kurz
zur Vorgeschichte. Meine älteste Tochter hatte ich ledigerweise, dann
heiratete ich, mein Partner akzeptierte mein Kind und alles war
glücklich. Dann wurde unsere zweite Tochter geboren. Der
Altersunterschied zwischen den beiden beträgt 6 Jahre. Zwischenzeitlich
haben wir 3 Töchter (13,6,3). Nun gibt es in der letzten Zeit immer mehr
Reibereien zwischen meinem Mann und meiner großen Tochter. Vielleicht
ist sie auch nur überfordert, weil sie öfter mal auf die zwei kleinen
aufpassen muß. Im Grunde genommen hört sie nie auf mich, sondern nur auf
meinen Mann, dann aber auch nur, wenn er etwas lauter mit ihr redet. Es
helfen keine Strafandrohungen oder Verbote. Im Haushalt anfallende
kleinere Arbeiten verweigert sie einfach. Und am schlimmsten trifft es
mich, wenn sie am Essen herumnörgelt. Sie sieht aus, als ob sie
Essstörungen hat. Zum Frühstück in die Schule nimmt sie nur
Schokoladenbrot mit. Hat sie einmal ein Wurstbrot dabei, bringt sie es
womöglich wieder mit nach Hause. Auch an der Schulspeisung nimmt sie
nicht teil. Nun komme ich aber erst meist erst abends dazu, eine warme
Mahlzeit zu kochen. "Man braucht ja nichts warmes am Tag zu essen", habe
sie in der Schule gelernt. "Hauptsache man esse überhaupt etwas"sagt sie
immer. Obst ißt sie aber auch kaum. Ich weis bald nicht mehr, was ich
noch tun soll. Wie soll ich mich in all den Problemen mit ihr verhalten?
Können Sie mir einen Rat geben? Ich würde mich sehr freuen.

Liebe Frau,

vielen Dank für Ihren Brief! Ihre älteste, nichteheliche Tochter ist in der Pubertät, also in einer Entwicklungsphase, in der Kinder und Jugendliche besonders sensibel sind und frühere Lebensprobleme noch einmal "aufwärmen" bzw. wiederbeleben. Und das Lebensproblem Ihrer Tochter liegt, wie Sie selbst kurz beschreiben, eben darin, dass sie manchmal zweifelt, überhaupt in der richtigen Familie zu sein. Sie hat ja einen anderen Vater als ihre Schwestern (und wohl auch keine Beziehung zu ihrem leiblichen Vater? Umso schwerer für sie). Kinder wie Ihre Tochter glauben oft, dass sie nicht liebenswert seien, denn sonst hätten sich ihre leiblichen Eltern doch auch lieb und wären zusammen!? Sie ist derzeit sicher sehr unsicher, ob man sie genauso wie ihre Schwestern wirklich liebt. Ihre Umschreibung, Ihr Partner "akzeptierte Ihr Kind", sagt ja recht deutlich, dass es von "Akzeptieren" bis "Lieben wie ein eigenes Kind" recht weit sein kann, jedenfalls befürchtet das Ihre Tochter. Haben Sie und besonders Ihr Mann also derzeit bitte sehr viel Verständnis für IhreTochter. Sie hat es in Ihrer Familie als befürchtete "Außenseiterin" von allen psychologisch am schwersten. Übersehen Sie vieles einfach verständnisvoll. Wenn sie beim Essen besonders wählerisch ist, macht sie damit deutlich, dass ihr ihre Sorgen den Appetit verderben, dass sie sich auch auf die "Schokoladenseite" (deshalb das Schokoladenbrot!) der Familie wünscht, auf der die Halbschwestern aus ihrer Sicht leben. Nehmen Sie die Essensprobleme bitte nicht so ernst. Lassen Sie Ihre Tochter essen, was sie will. Darüber darf es keinen Streit geben, aus dem sie dann nur wieder die Bestätigung nehmen würde, dass man sie nicht so liebt wie die Schwestern. Nehmen Sie alles mehr mit Liebe und Humor. Umso schneller wird alles wieder harmonisch und umso stärker fühlt sich Ihre Tochter in ihrer Familie angenommen.

Alles Gute wünscht Ihnen und Ihrer Familie Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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