Sehr geehrter Dr. Schmidt,
unser familieres Problem betrifft unsern dreieinhalbjährigen Sohn. Er
schlägt und schubst und das inzwischen schon gut ein Jahr oder
längerund ich kann inzwischen nicht mehr an eine
Entwicklungsphase glauben.
Bis jetzt ist er unser einziges Kind, aber im Dezember erwarten wir
Nachwuchs. Er schlägt in Streit- und Konfliktsituationen, aber auch
manchmal bei wildem Spiel mit anderen Kindern. Ab und zu
passiert es auch aus heiterem Himmel ohne das ich
nachvollziehen kann, warum er jetzt plötzlich zuhaut. Er wird von
mir geschimpft und entschuldigt sich dann auch bei dem anderen
Kind. Inzwischen verlasse ich mit ihm auch den
Ort des Geschehens sofern das möglich ist um ihn zu bestrafen.
Er ist das auch sehr traurig und weint und wenn ich mit ihm
darüber spreche, das er nicht hauen darf zeigt er sich auch
einsichtig. Das hat mir auch die Kindergärtnerin bestätigt, denn
seit zwei Wochen geht er in den Kindergarten. Aber auch hier fällt
er durch seine Hauerei schon sehr auf. Obwohl er sonst ein sehr
aufgeschlossenes und fröhliches Kind ist,
das sehr schnell Kontakt findet, habe ich Angst, das er sich durch
sein agressives Verhalten über kurz oder lang selbst isoliert und
damit alles noch schlimmer wird.
Er selbst ist hart im nehmen und auch wenn sich ein Kind wehrt,
so zieht dieses doch meist den kürzeren. In unserer Familie ist
Schlagen übrigens keine Lösung, doch ich weiß mir bald nicht
mehr zu helfen. Ich traue mich manchmal schon nicht mehr mit
ihm zu anderen Kindern zu gehen.
Was raten Sie einer besorgten Mutter, die momentan nicht mehr
weiter weiß.
Mit freundlichen Grüßen Frau W.

Liebe Frau W.,
vielen Dank für die Schilderung Ihres Problems mit dem kleinen Sohn, der
schubst und haut. Machen Sie sich bitte nicht allzu große Sorgen, denn eines
scheint mir klar zu sein: Ihr Söhnchen haut nicht, weil er ein böses oder
grundsätzlich aggressives Kind wäre. Natürlich weiss ich aus Ihren
Schilderungen nicht sehr viel, besonders Ihr allgemeiner Erziehungsstil wäre
wichtig zu wissen (Sie sagen, dass in Ihrer Familie Schlagen keine Lösung
ist. Das ist schon mal sehr gut. Aber sonst? Man kann ein Kind auch zu sehr
verwöhnen oder vernachlässigen, oder es hatte bisher wenig soziale Kontakte
mit anderen Kindern).
Ich gehe einfach einmal davon aus, dass Sie keine schwerwiegenderen
Erziehungsfehler machen, Ihr Brief klingt mir eigentlich danach. Dann kann
man annehmen, dass Ihrem Söhnchen einfach die Gefühle durchgehen, wenn er
mit anderen Kindern aneinandergerät. Hinterher, wenn sein Verstand wieder
einsetzt, tut es ihm dann leid. Immerhin war er bisher das einzige Kind, ich
weiss nicht, wieviel Zeit er schon vor dem Kindergarten mit anderen Kindern
zusammen war und soziale Erfahrungen machen konnte.
Am besten wäre es jedenfalls, wenn Sie oder die Erzieherin im Kindergarten
möglichst oft genau in dem Moment, wo Ihr Sohn wieder hauen will oder gerade
zu hauen anfängt, als Vermittler dazwischengehen könnten. Das wäre wichtig,
als Vermittler dazwischen zu gehen, bevor es schon passiert ist.  Bisher ist
es meist schon passiert, wenn Sie dazwischengehen, und dann müssen Sie
schimpfen oder strafen. Was ich meine, wenn jemand  als "Vermittler"
dazwischengeht? Sie strafen dann nicht, sie schimpfen nicht, sondern Sie
sagen z.B. nur: "Kinder, es gibt Streit? Bitte nicht hauen! Hallo, wie
können wir das ohne Hauen regeln?" Dann müssen Sie eine friedliche Lösung
des Streits herbeiführen, mit der die Kinder einverstanden sind. Ihr Sohn
lernt auf diese Weise, dass man Konflikte viel besser friedlich regeln kann,
er wird sich das bei Ihnen mit der Zeit abgucken.
Natürlich muss auch Ihr Mann, sein Vater, dies mit dem Söhnchen
praktizieren, denn Sie sind mit Ihrer Schwangerschaft derzeit ja auch noch
eingespannt. Der Vater ist jetzt für Ihren Sohn ganz wichtig. Er besonders
muss ihm dabei helfen, mit den anderen Kindern friedlich und freundlich
umzugehen, lernen, dass Nachgeben sich oft zwar nicht kurzfristig, aber
mittel- und langfristig durchaus lohnen kann. "Wenn Mama ein neues Baby
bekommt, muss Papa besonders mein Freund sein", sagte kürzlich ein Kind zu
mir.
Schreiben Sie mir bitte, wenn mein Rat Ihnen weitergeholfen oder nicht
weitergeholfen hat!
Alles Gute für Sie und Ihre Familie, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt


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