| Sehr
geehrter Herr Schmidt, meine Tochter ist heute 6 Jahre alt geworden. Sie kommt dieses Jahr in die Schule. Sie wächst 2 sprachig (türkisch und deutsch). Wir bemühen uns, ihr beide Sprache beizubringen. Sie spricht eigentlich beide Sprachen sehr gut. Aber die Erzieherinnen im Kindergarten behaupten, dass sie im Kindergarten mit ihnen nicht spricht. Sie sagen, es gibt Zeiten, wo sie viel redet. Aber meistens, wenn sie aufgefordert wird, blockiert sie und sagt nichts. Sie spielt auch nicht mit jeden. Sie wartet, dass die Kinder zu ihr kommt. Es dauert bisschen lange, dass sie mit den anderen Kontakt aufbaut. Aber zu den Menschen, die sie schon kennt, ist sie aufgeschlossen. Was mich ärgert, dass die Erzieherinnen behaupten, dass sie die deutsche Sprache nicht kann. Sie wollten sogar, dass sie in den Schulkindergarten kommt. Sie hat bei der Schuluntersuchung alles prima gemacht. Sie kann viel. Sie kennt alle Buchstaben, kann bis Hundert zählen, rückwärts auch. Sie kann schon kleine Mathe-Aufgaben. Sie geht schon alleine einkaufen. Sie verbessert sogar mein Deutsch. Aber das weiss nur ich und mein Mann. Wenn wir es den Erzieherinnen im Kindergarten erzählen, glauben sie uns nicht. Wir sind spät Eltern geworden und haben nicht so viele Kontakt zu den Familien mit kleinen Kinder. Wir haben auch keine Verwandte. Die Kinder sind nur mit uns. Sie haben keine Gelegenheit mit den anderen allein zu bleiben oder bei den anderen zu übernachten. Ist es auch ein Grund, dass sie mit den anderen nicht reden? (Mein Sohn ist 5, hat auch gleiche Probleme).Bei meinem Sohn ist von den Erzieherinnen behauptet worden, dass er Sprachprobleme hat. Das konnten aber der Kinderarzt und der HNO Arzt nicht feststellen. Meine Kinder sind aber zu Hause mit uns ganz anders, aufgeschlossener, reden viel. Wir lesen viel zusammen, spielen viel zusammen, unternehmen viel zusammen. (Ich bin Dipl. Ing, mein Mann ist Türkisch-Lehrer). Wir glauben, dass die beiden intelligente Kinder sind. Wir sind sehr traurig, wenn die Erzieherinnen behaupten, dass sie nicht sprechen können und dass sie die Schule nicht schaffen werden. Ich weiss, dass sie schüchtern sind, dass es nicht einfach ist, zwei Sprache gleichzeitig zu lernen. Wie kann ich den beiden beibringen, dass sie mit den anderen auch reden? Wie kann ich diese Schüchternheit abbauen? Was ist, wenn meine Tochter sich in der Schule so verhält wie im Kindergarten? Wird sie grosse Schwierigkeiten in der Schule haben? (Nach den Kindern habe ich aufgehört zu arbeiten. Vor einem Jahr habe ich versucht zu arbeiten. Aber nach einem Jahr wegen dieser Problemen aufgehört). Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir helfen würden. MfG G |
Liebe G.,
vielen Dank für Ihren Brief! Also ich glaube, dass Sie sich
nicht allzu viele Sorgen machen sollten. Ihre Kinder sind doch
offenbar gut geraten, intelligent und begabt, und wachsen bei
sehr liebevollen Eltern auf. Die einzige Schwierigkeit scheint
ihre ausserfamiliäre Schüchternheit zu sein. Und die hängt
wahrscheinlich damit zusammen, dass Sie und die Kinder wohl wenig
ausserfamiliäre Kontakte haben. Wenn Sie als harmonische Familie
nach aussen hin recht isoliert leben, signalisieren Sie den
Kindern damit unmerklich, dass man mit der Aussenwelt nicht viel
zu tun haben sollte, dass man da vorsichtig und zurückhaltend
sein sollte. Und dementsprechend verhalten sich Ihre Kinder dann
auch.
Sie sollten also die ausserfamiliären Kontakte der Kinder
stärker fördern. Laden Sie gemeinsam mit Ihren Kindern
Kindergartenkinder, später Schulkinder, zu sich nach Hause ein
(in Absprache mit deren Eltern) und veranstalten Sie lustige
Spielenachmittage (mit Topfschlagen, Versteckspiel, Kuchenessen
etc.). Ihre Kinder sind die Gastgeber und gewinnen Freunde.
Planen Sie diese Tage mit Ihren Kindern gemeinsam, sie sollen das
Gefühl bekommen, Gastgeber zu sein und das "Sagen" zu
haben (wer das "Sagen" hat, ist selbstbewusst und
spricht mit den Anderen). Ganz nebenbei lernen Sie dann auch die
anderen Eltern kennen, die ihre Kinder bringen und abholen.
Vielleicht entwickeln sich daraus auch einige Freundschaften
unter den Erwachsenen? So gewinnen Sie und Ihre Kinder
ausserfamiliäre Kontakte und überwinden die Schüchternheit.
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt