Hallo,

Ich bin eine 38 jährige Frau, mit 2 Kinder, Sohn, 15 und Tochter, 13. Ich
habe, nach meiner Scheidung, vor 4 Jahre einen Mann kennengelernt den ich
sehr liebte. Dieser Mann, 23 Jahre älter, ist kürze Zeit danach sehr krank
geworden (Lungenkrebs). Ich habe Ihm 2 Jahre geflegt, durch seine OP, durch
die anschließende Chemo und Bestrahlung, es war eine sehr schlimme Zeit. Vor
einem Jahr hat mir meine Tochter gesagt, das er sie 'anfasse' und das seit
längerem. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich bin sofort
ausgezogen. Ich habe auf eine Anzeige verzichtet, weil meine Tochter es nicht
wollte und weill ich wußte das er sowieso nicht mehr länger zu leben hatte.
Er hat versucht sich bei mir zu entschuldigen, mehrmals, ich habe es nicht
zugelassen da er mir sehr weh tat. Ich war ziemlich mies zu Ihm. Er hat
gesagt, er wünsche nur, bevor er stirbt, das ich Ihm verzeihen solle. Ich
konnte es nicht. Er ist nun gestorben, ich habe ihn gefunden, da sein Bruder
ihn nicht erreichen konnte und ich einen Schlussel zur Wohnung hatte. Sein
Bruder (er nicht weiß warum ich gegangen bin) hat mir gesagt das er dauernd
nur von mir gesprochen habe, das er sich wünsche wurde das ich Ihm nur ein
mal seine Hand halte da er soviel Angst habe. Ich mache mir jetzt solche
vorwürfe das ich Ihm wenigstens nicht gesagt habe ich hätte Ihm verziehen,
auch wenn es nicht stimmt. Ich meine, der Mann lag im sterben, wenigstens das
hätte ich tun sollen. Er hat etwas furchtbares gemacht, warum fühle ich mich
so schuldig? Vielen Dank für Ihre Hilfe.

Liebe Frau, vielen Dank für Ihren Brief! Ich finde, Sie haben überhaupt keinen Grund, sich etwas vorzuwerfen, außer vielleicht die Frage, warum sie es nicht schon viel früher gemerkt haben, dass Ihr Partner Ihre Tochter sexuell belästigt. Ihrem Partner gegenüber haben Sie jedenfalls alles richtig gemacht, schließlich hat er Ihre Liebe missbraucht und egoistisch ausgenutzt. Dass er krank wurde und gestorben ist, daran sind Sie ja auch nicht schuld. Und ihm dann auf dem Totenbett noch Verzeihung vorheucheln: Seien Sie ehrlich, wollten Sie das wirklich? Wäre das fair ihm gegenüber gewesen, am Schluss noch eine solche Lüge? Ich glaube, Sie werden Ihre Schuldgefühle sofort los, wenn Sie noch einmal genau in sich hinein fühlen, wie bitter enttäuscht sie von ihm wirklich sind und wie wütend Sie auf ihn sind, weil er Sie und Ihre Tochter, also beide! missbraucht hat. So etwas kann einen so schrecklich rasend machen, dass man jemandem schon mal wünscht, dass er krepieren soll. Und wenn er dann wirklich stirbt, hat man Schuldgefühle, als hätte man ihn wirklich umgebracht. Das hat man natürlich nicht, das muss man sich dann immer wieder sagen und sagen lassen. Das ist wie bei einem Kind, das Schuldgefühle hat, weil sich seine Eltern geschieden haben, als das Kind sich geweigert hatte, seinen Spinat zu essen. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun, das Kind glaubt es aber trotzdem. So ähnlich geht es Ihnen. Sie glauben unbewusst, Sie seien schuld am Tod Ihres Partners, weil Sie so wütend und tief enttäuscht über ihn sind. Dabei dürfen Sie wütend sein! Lassen Sie die Wut und Verzweiflung zu, zerreissen Sie seine Fotos, schimpfen Sie mit ihm an seinem Grab, sagen Sie zu Ihrer Tochter, dass es hundsgemein war, was er getan hat, dass er Sie beide sehr, sehr enttäuscht hat. Das wirkt gegen Schuldgefühle. Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

P.S. Vergessen Sie bitte nicht eine Rückmeldung zu dieser Beratung. Danke!

Zurück