Sehr geehrter Herr Schmidt,
vielleicht können Sie mir enen Rat geben.
Ich bin 32 und verheiratet seit fast 14 Jahren. Meinen Mann kenne ich schon seit
der Schulzeit. Wir haben uns sehr aufeinander eingestellt, wahrscheinlich weil
wir so früh geheiratet und keine Erfahrungen gesammelt haben. Es gibt viele
gemeinsame Interessen, aber auch sehr viele Dinge, die nur mich interessieren.
Mein Mann hat ein großes Problem damit, etwas nur für sich zu tun. Er sucht
in seinem Tun immer nach einem tieferen Sinn. Das vorweg, mein Problem ist immer
gewesen, mit ihm über Dinge zu reden, die unsere Beziehung betreffen. Wir waren
so sehr damit beschäftigt etwas aufzubauen, das irgendwas auf der Strecke blieb.
Bereits vor 8 Jahren sind wir in unser eigenes Haus gezogen. Wir haben keine
Kinder, ich habe nichts vermisst, da wir sehr viel gemeinsam unternommen haben,
was mit Kindern nicht möglich gewesen wär. Mittlerweile ist auch mir klar, dass
ein Kind auch eine Beziehung bereichern kann und sich andere Möglichkeiten der
Freizeitaktivitäten eröffnen. Wir haben keinen Freundeskreis und da mein Mann
sehr viel arbeitet, auch nicht viel unternommen (alles beschränkte sich auf den
Urlaub). Vor 1 1/2 Jahren eröffnete er mir dann, dass es doch besser wäre, wir
würden gute Freunde bleiben und ich sollte mir eine eigene Wohnung suchen. Es
traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nicht nur die Tatsache, dass er
sich von mir trennen wollte (und das dies nach seinen Aussagen auch nicht einmal
an mir liegen würde), sondern der Schock, ich sollte aus unserem gemeinsamen
Haus ausziehen, ließen für mich eine vermutlich heile Welt zusammen brechen.
Er wollte eine Familie mit Kindern usw. und hatte auch gleich die passende
Nachfolgerin parat. Mir blieb nichts anderes übrig, denn die Hypothek für das
Haus hätte ich nicht bezahlen können, wenn ich verlangt hätte, dass er auszieht.
Er suchte also nach einer Wohnung und tat alles dafür, mich genau am Heiligen
Abend dort allein zurück zu lassen, um ein paar Tage später seine Neue in die
Familie einführen zu können. Für mich kam alles auf einmal. Ich war ganz allein
in einer anderen Stadt, ich hatte gerade angefangen, meinen Führerschein zu
machen, mein Hund (den ich sehr liebe) mußte operiert werden und .... Meine
Nerven lagen blank. Dennoch habe ich mich damit abgefunden und den Kontakt zu
ihm nicht abgebrochen. Er konnte mir sogar von den Problemen mit seiner Neuen
erzählen und ich habe versucht, so objektiv wie möglich zu sein. Schon nach ganz
kurzer Zeit hat er dann festgestellt, dass es mit ihr nicht funktioniert und er
ja eigentlich alles hatte, was man sich wünschen kann. Nur die beiden kleinen
Kinder seiner Freundin ließen ihn einfach nicht los. Im Sommer baute er an unser
Haus ein Kinderzimmer an. Nachdem er sie dann mehrfach vor die Tür gesetzt hat,
bzw. sie auch mehrfach ein- und ausgezogen ist, stand im Oktober letzten Jahres
fest, dass es endgültig vorbei ist. Meine Genugtuung kann ich nicht
verschweigen. Gerade zu der Zeit aber hatte ich für mich beschlossen, mich nach
einem neuen Job umzusehen, der es mir ermöglicht, finanziell unabhängig von
meinem Mann sein zu können. Mehrere Bewerbungen im gesamten Bundesgebiet hatten
schließlich auch Erfolg und ich bekam einen Job im Ruhrgebiet, der mir genau das
bot, wonach ich gesucht hatte. ich wollte ganz von vorn anfangen, denn verloren
hatte ich alles, was mir wichtig war. Wieder zur Weihnachtszeit mußte ich
umziehen. Die Weihnachtszeit verbrachte ich mit meinem Mann in unserem Haus, in
dem ich mich wie ein Gast fühlte und mich lieber nicht umsah, was alles zu
meiner zeit nicht dort war. Den Umzug organisierten wir zusammen und es tat
ziemlich weh, mich dann in der neuen wieder fremden Umgebung von ihm zu
verabschieden. Bereits zu Sylvester war er aber wieder bei mir. Und so fingen
die Wochenendfahrten an, abwechselnd kam er oder ich fuhr hin. Es tat gut,
wieder ein Zuhause zu haben. Wir einigten uns eigentlich darauf, es zu
versuchen, vorerst für zwei Jahre. Er sagte mir mehrfach, dass er Angst hätte,
ich würde mich in der Zeit so daran gewöhnen, dass ich nicht zurück kommen
wollte. In mir sträubte sich alles, ihm dafür eine Garantie zu geben, zu sehr
hatte er mich verletzt. Trotzdem liebe ich ihn sehr, nur frage ich mich manchmal,
weshalb. Ein Vierteljahr sind wir jetzt 350 km auseinander
und am Wochenende jeweils ca. 4 h hin und 4 h zurück unterwegs. Von den Kosten
mal ganz abgesehen, steigt damit auch das Unfallrisiko. Letzten Sonntag ist es
dann passiert, mein Mann kam auf plötzlich glatter Fahrbahn ins Schleudern und
verursachte einen sehr teuren Unfall. Zum Glück ist ihm dabei nichts Schlimmes
passiert. dennoch stellt er jetzt unsere Zukunft in Frage. Er ist unzufrieden
mit der Situation und kann sich nicht an das gemeinsame Wochenende gewöhnen. Er
sagt, dass er am liebsten gar nicht zu Hause ist, denn das Alleinsein erträgt
er nicht, und am Wochenende denkt er ständig daran, dass er am Sonntag wieder
allein ist. Die richtige Wiedersehensfreude am Freitag kann da nicht aufkommen.
Ich will ihn nicht schon wieder verlieren. Ich dachte, es funktioniert. In der
Woche haben wir beide bis Abends unsere Arbeit und können uns auf das gemeinsame
Wochenende freuen. Ihm reicht das aber nicht. Ich komme mit der Situation besser
klar, denn ich habe ein sehr einsames Jahr hinter mir. Am Wochenende ist immer
eine unangenehme Distanz zwischen uns und er läßt mich deutlich spüren, dass er
unzufrieden ist. Mir kommt es wie Desinteresse vor und ich ärgere mich sehr
darüber. Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich mich verhalten soll.
Heute haben wir endlich mal darüber gesprochen, allerdings erst am Telefon
nachdem ich wieder gefahren war. Die Umstellung zwischen einsamen Wochentagen
und kurzem gemeinsamem Wochenende macht ihn nervlich ziemlich fertig und
vielleicht wäre es besser, vorerst nur gute Freunde zu bleiben. Das war dann der
nächste Schock für mich. Mache ich mir etwas vor? Würde sich etwas ändern, wenn
ich täglich mit ihm zusammen bin? Würde ein Kind alles ändern? Eine Untersuchung
hat ergeben, das es nicht an mir liegt, dass wir keine Kinder haben, sondern an
ihm. Das macht die Situation zusätzlich schwer. Ich habe mich über die
Möglichkeit einer Adoption erkundigt und ernüchternd war für mich, dass eine
Altersgrenze von 35 Jahren die Regel ist. Wir sind beide 32 und wenn wir wieder
eine stabile Beziehung aufbauen können ist diese Grenze wahrscheinlich genau
dann erreicht, wenn wir theoretisch die Bedingungen erfüllen würden.
Vielleicht verstehen Sie meine Unsicherheit und inzwischen auch Ratlosigkeit.
Meine Ehe und alles was wir gemeinsam erreicht haben bedeutet mir sehr viel. ich
weiß einfach nicht mehr, was ist richtig und was ist falsch.

Vielen Dank schon jetzt für Ihren Rat
Anne

Liebe Anne,

es scheint so, als könnten Sie und Ihr Mann weder zueinander finden noch sich trennen. Weder gibt es genug, was Sie verbindet, noch, was Sie trennt. Es scheint eine seelische Leere zwischen Ihnen beiden zu herrschen, die Sie damit zu füllen versuchen, dass Sie sich wechselseitig quälen und in Illusionen verzehren. Entweder Ihr Mann holt sich eine neue Partnerin ins Haus, um Sie zu quälen, oder Sie verziehen 350 km von ihm weg, um sich an ihm gütlich zu tun in dem Moment, wo er wieder frei wäre. Entweder tut er so, als wäre er fertig mit Ihnen, oder Sie tun so, als wären Sie fertig mit ihm. Und immer dann, wenn einer von Ihnen beiden so tut, als wäre er fertig mit dem anderen, dann tut man so, als erschrecke man sich zutiefst. Es ist eine einzige Heuchelei und eine einzige "vanity fair" zwischen Ihnen beiden! Das können Sie problemlos bis an Ihr Lebensende beide so weiter machen. Es schafft immer viel künstliche Abwechslung und Spannung. Hauptsache, keiner merkt, dass Ihre Beziehung vielleicht schon lange tot ist. Hauptsache, man ist nicht allein.

Ist es nicht so?

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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