Betr.: Pubertät oder Krankheit?

Sehr geehrter Herr Schmidt,

unser Ältester wurde vor Weihnachten 15. Seit dieser Zeit geht es mit seinem Gemüt steil bergab. Er hat Teile der Einrichtung seines Zimmers mutwillig beschädigt, alle Regale ausgeräumt, und will auch die Möbel entfernen. Er hat keine Freunde und verachtet alle Menschen. Auch vom Sport hat er sich abgewandt. Er kommt zu den gemeinsamen Mahlzeiten, nimmt mit starrer Miene wortlos teil und geht, wenn er fertig ist. Auf Fragen nach Erlebnissen oder Nachrichten aus der Schule reagiert er jähzornig und abweisend. Ein Gespräch ist nicht möglich. Er kleidet sich schwarz, vermeidet frische Luft und sieht entsprechend aus. Immerhin duscht er täglich (in der Schulzeit). Seinen guten Job als Zeitungsausträger gab er auf, und auf das Taschengeld will er auch verzichten.
Er ist jetzt in der 8. Klasse Gymnasium und hatte bisher gute Zeugnisse. Jetzt legt er es bewusst darauf an, sitzen zu bleiben oder die Schule endgültig vorzeitig zu beenden. Die Schule langweilt ihn, und die Lehrer sind angeblich alle gestört.
Ein gemeinsamer Besuch bei Siemens mit seinem Vater sollte Anreize zu möglichen Ausbildungsberufen mit unterschiedlichem Schulabschluss aufzeigen. Sein einziger Kommentar: "Warum wendet Siemens nicht "Mind-Mapping" an?" Er hatte sich noch ein Jahr zuvor intensiv mit diesem Thema, Gentechnologie und Biologie beschäftigt, dicke Bücher darüber gelesen und auch verstanden. In einem Selbsttest mit Mensa-Software hatte er einen IQ von 138.
Seinen Vater bezeichnet er als irgendeinen alten Mann, der ihm garnichts zu sagen habe.
Als er seine Mutter intensiv entwürdigend behandelte, wollte sie ihm erstmals eine Ohrfeige geben. Er schlug - wohl reflexartig - zurück.
Der Junge ist 190cm groß athletisch gebaut und schlank. In seiner Kindheit hat es ihm an nichts gefehlt. Keine erkennbaren Krisen in der Familie. Wir haben noch 3 Töchter
(11,12,13 Jahre). Auch sie gehen auf das Gymnasium. Zu seinen Schwestern besteht kein Kontakt mehr. Die Familie macht häufig gemeinsame Urlaubsreisen. Während die Mädchen den Urlaub sehr genossen, hielt sich der Sohn fast nur im klimatisierten Zimmer auf.
In der Anfangsphase sprachen wir die Möglichkeit an, eventuellen Problemen mit psychologischer Hilfe auf den Grund zu gehen. Seine Antwort. "Da werdet Ihr eisiges Schweigen erleben.". Also besteht keine Hoffnung auf Zusammenarbeit mit Fachleuten.

Mit freundlichen Grüßen

G.

Hallo,
vielen Dank für Ihre Anfrage
! Ich glaube, Ihr Sohn befindet sich in einer besorgniserregenden Pubertätskrise. Er zieht sich sozial verängstigt zurück und wirkt voller Hass auf sich und die Welt. Ich empfehle Ihnen eine Familientherapie, an der Ihre ganze Familie teilnimmt. Auch wenn Ihr Sohn dort in den ersten Gesprächen nur schweigend teilnehmen sollte, besteht die günstigste Aussicht, dass er in der Familienrunde gemeinsam mit seinen Schwestern früher oder später doch mitspricht und man hinter seine Probleme kommt, wenn er sich erst einmal öffnet. Diese Erfahrung mit unzugänglichen bzw. sich zunächst verweigernden Familienmitgliedern in einer Familientherapie habe ich häufiger machen können. Wichtig ist jetzt, dass er sich jemandem seines Vertrauens öffnet. Wenn es in der Familie und privat keine solche Vertrauensperson für ihn gibt, dann kann es vielleicht ein Familientherapeut sein. Wenn die ganze Familie teilnimmt, macht man es ihm leichter, weil er sich so nicht alleine vorgeführt fühlt. Es soll ja ums Familienleben gehen, und da gehört er genauso dazu wie die anderen auch. Da würde er sich sogar übergangen fühlen, wenn man ihn nicht dazu einladen würde. Wenn er aber dabei trotzdem nicht mitgehen will, drücken Sie Ihr Bedauern aus und gehen mit Frau und Töchtern ohne ihn. Das wird ihn motivieren, später vielleicht mitzugehen.
Sie sollten in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle nach der raschen Möglichkeit für eine Familientherapie nachsuchen. Wenn Sie nicht zu weit von Brühl oder auch Bergheim bei Köln wohnen, können Sie sich gerne kostenfrei auch an mich und meine Beratungsstelle wenden.
Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt