Sehr geehrter Herr Schmidt,

es grüßt eine etwas niedergeschlagene und kraftlose
Mutter eines 9-jährigen Sohnes.
Ich habe in ihrem Forum nachgelesen, dass ich nicht alleine bin, was mich
erstmal ein wenig beruhigt hat. Aber trotzdem muss ich ihnen schreiben, weil
doch jede Situation anders ist.
Ich schreibe einfach mal drauflos:

Ich bin 38 Jahre alt, Mutter einer 14-jährigen Tochter und eines 9-jährigen
Sohnes. Wir leben gemeinsam in einer intakten Familie mit meinem Mann, dem
Vater der Kinder.
Ich selbst gehe jeden Vormittag ins Büro meines Bruders zum arbeiten bis
mein Sohn von der Schule (3.Klasse) kommt. Mein Mann arbeitet jeden Tag als
Abteilungsleiter einer großen Firma bis ca. 18.00 Uhr.
Wir sind seit 18 Jahren glücklich verheiratet, die üblichen Höhen und
Tiefen, haben keine größeren Geldsorgen, eine "normale" Familie eben.

Ich habe aber Sorgen mit meinem Manuel. Er ist ein sehr liebevoller Junge,
kann seine Gefühle ausdrücken, egal ob Wut, Liebe, Kummer oder so. Er
benimmt sich aber schon seit einigen Jahren sehr caotisch. Er hat kaum
Freunde in der Schule, es macht mich traurig, dass ihn äusserst selten mal
jemand anruft um sich mit ihm zu verabreden. Fast nie wird er auf
Kindergeburtstage eingeladen, weil er den anderen Muttern vermutlich zu
anstrengend ist.
Er kann sich schwer konzentrieren und immer wieder höre ich aus allen Ecken,
dass Kinder sich über ihn beschweren, weil er so wild spielt. Auch Eltern
sagen schon, er hätte einen gewissen "Ruf" in der Schule, spielt immer den
coolen und lässigen, will gerne so sein wie Jungs die um einiges älter sind
als er z.b. 12, 13 oder 14 Jahre. Er orientiert sich oft an den Größeren.
Oft benutzt er dann in der Schule auch Kraftausdrücke oder spielt den
Klassenclown. Ich habe ihn schon heimlich in der großen Pause beobachtet um
mir ein Bild zu machen, denn oft glaube ich dem "Geschwätz" der andren
nicht. Da hat er sich eigentlich normal verhalten, natürlich laut und wild,
Fußball spielend, Fangen spielend, aber nicht deutlich aus der Reihe
tanzend. Für mich ist das einfach alles im grünen Bereicht. Er hat genauso
wild gespielt wie die andren Jungs auch. Er hat genauso oft jemanden
geschubbst, wie auch er geschubbst wurde, verstehen sie, was ich meine?
Für mich sind das normale Verhaltensmuster eines sehr aufgeweckten und
voller Lebenslust steckenden Jungen.

Wie kommt es aber dann, dass mich Kinder ansprechen und petzen kaum dass ich
den Schulhof betrete: "Der Marcel hat mich heute im Clo eingesperrt"...."Der
Manuel hat mich heute geärgert"....und, und, und. Warum höre ich Mütter
sagen, sie wollen nicht, dass Marcel zum spielen kommt, weil er so ne Unruhe
reinbringt? Warum ruft ihn fast nie jemand an zum spielen? Warum wird er nie
eingeladen? Warum sagt seine Lehrerin (die leider keine Pädagogin ist) er
bringe viel Unruhe in die Klasse, kann sich nicht konzentrieren.......

Wissen sie, einerseits bin ich recht bodenständig und gebe überhaupt nix auf
das Gerede von anderen, ich gehöre nicht zu den "Weibern", die stundenlang
telefonieren, sich Rezepte austauschen und über den Zaun plaudern. Ich habe
2 Kinder, 2 Hunde, nen Haushalt und einen Mann der abends wenn er heimkommt
Hunger hat. Mir bleibt keine Zeit für solch einen Firlefanz.

Andererseits macht es mich ganz fertig, dass mein Sohn anscheinend so ein
Schlimmer ist.
Ich muss sehr konsequent sein mit ihm, ihn ständig kontrollieren, was sehr
anstrengend ist. Da klappt es dann eigentlich auch. Aber bei anderen, in der
Schule beispielsweis, oder auch bei der Oma, bei der er nicht folgt klappt
es nicht und sie schimpfen immer, er würde nicht folgen, was er dann auch
immer zugibt.
Was mache ich falsch? Und wie kann ich meinem Jungen helfen, der schon
immerwieder sagt: "ich bin halt ein Depp" oder " wenn was schief geht, dann
war`s sowieso immer erstmal ich"?

Herzliche Grüße

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Die Verhaltensschwierigkeiten Ihres Sohnes können viele Gründe haben. Obwohl Sie Ihr Familienleben als unproblematisch beschreiben, weiß ich z.B. nichts über das Vater-Sohn-Verhältnis. Gerade die "wilden" oder im Grunde selbstunsicheren bzw. orientierungslosen Söhne, die kompensatorisch den Clown machen und gerne mal Größere provozieren, leiden oft unter einer schwierigen oder gestörten Vater-Sohn-Beziehung. Entweder werden sie vom Vater leicht übersehen und ignoriert (und von der Mutter überbehütet), oder der Vater findet es gut, wie der Sohn überall aneckt (weil er früher vielleicht selber so war oder eben zu wenig so war). Wie gesagt, das müssen Sie selber überprüfen, am besten sich auch in einer Erziehungsberatungsstelle dabei unterstützen lassen, weil man so etwas selber oft nicht objektiv beurteilt. Gibt es sonst aus der Sicht Ihres Sohnes Bedingungen, warum er vielleicht mit seiner Jüngsten-Rolle in der Familie unzufrieden ist? Wie ernst nimmt ihn seine ältere Schwester?
Das Selbstwertproblem Ihres Sohnes, das er dauernd zu überspielen scheint, kann natürlich auch andere Ursachen haben. Nicht wenige wilde und oppositionelle Kinder leiden auch unter Wahrnehmungsstörungen, die sie verunsichern und die sie dann überkompensieren. Haben Sie das schon mal überprüfen lassen (in einem SPZ z.B.)?

Mit freundlichem Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt