| Guten Tag,
Herr Schmidt, mein Problem wurde in den letzten Wochen immer drängender, so dass nun einmal gezielt bei Ihnen Rat suche. Dazu muss ich allerdings ein bisschen ausholen: Es geht um meinen 22 Jahre alten Sohn, der noch mit mir und meinem Lebensgefährten zusammen wohnt. Er studiert (Sozialwissenschaften), hat sich das nach langer Überlegung als das für ihn am besten geeignete Fach ausgesucht. Neben dem Studium hat er noch einen Nebenjob, bei dem er sich sein "Taschengeld" verdient. Bezahlen muss er zuhause nichts. Nun zu seinem, meinem (?) Problem. Er hat seit knapp drei Monaten eine neue Matraze. Die vorherige war in der Tat schon sehr durchgelegen. Seither beschäftigt er sich mit einer ständig zunehmenden Intensität mit seinem Skelett. Anfangs hat er nur gymnastische Übungen gemacht, um seinen Rücken wieder "in Form" zu bringen. Danach hat er als Atemübungen angefangen zu rappen, zu der Musik, die er ohnehin schon länger gern hört. Die zur Zeit bevorzugten Texte sind allerdings ausgesprochen aggressiv. In diesen Rap-Stil verfällt er dann auch häufiger, wenn er mit mir spricht. Inzwischen sind aus den Übungen ein stetiges Knacken aller Gelenke geworden. Er sitzt kaum noch in einer entspannten Haltung. Beim Essen richtet er sich ständig gerade aus und "zappelt" unentwegt. Zusätzlich wäscht er sich mehrfach täglich die Haare, um die Kopfhaut zu dehnen, wie er sagt. Auch die Hände werden geschrubbt, um die Haut den veränderten Knochenstrukturen anzupassen, so seine Erklärung. Ich kann nicht nachvollziehen, welcher Art diese körperlichen Veränderungen sein sollen. Wann immer ich ihn darauf anspreche, dass mehrfaches Waschen der Haut nicht nutze, sondern ihr schade und dass Gelenkknacken ebenfalls nicht gesund sei, bekommen wir Streit. Er wolle diese letzte Wachstumsphase unbedingt ausnutzen. Mein Verständnis sei ihm schon wichtig, aber er sei sich selbst jetzt am wichtigsten, auch wenn er dabei rücksichtlos sein müsse, gegen sich und andere. Da mein Sohn sich nun ausschließlich seinem Körper widmet, bleibt keinerlei Energie mehr für andere Dinge. Im laufenden Semester hat er ein wichtiges Referat "geschmissen", und damit auch noch eine Kommilitonin hängen lassen, mit der es zusammen halten wollte. Hier im gemeinsamen Zuhause tut er überhaupt nichts. Sein eigenes Zimmer befindet sich in einem chaotischen Zustand, seit Wochen kümmert er sich auch nicht mehr um die von ihm übernommenen Aufgaben (Katzen füttern, Katzenklos reinigen, Spülmaschine ausräumen, Unterstützung im Haushalt halt). Darauf angesprochen, meint er, er sei gefühlsmässig blockiert durch seine körperlichen Veränderungen, und es wäre ja klar, dass ich ihn nicht verstehen könnte,: "Du kennst meinen Vater ja nicht wirklich, wie willst du mich da kennen!!!" Ich habe sicher meinem Sohn einiges zugemutet. Von seinem Vater, mit dem ich 13 Jahre verheiratet war, habe ich mich getrennt, als mein Sohn acht Jahre alt war. 1 ½ Jahre später habe ich wieder geheiratet, einen deutlich jüngeren Mann als der Vater meines Sohnes. Er hat sich sehr intensiv um meinen Sohn gekümmert und eine sehr liebevolle Beziehung zu ihm aufgebaut. Diese glückliche Phase hat leider nicht sehr lange gedauert, etwa drei Jahre. Mein zweiter Mann war Alkoholiker und hat im weiteren Laufe der Beziehung durch sein Verhalten auch viel Streit verursacht. Gestritten haben wir vor allem ums Geld, von dem es immer zuwenig gab, und um die Erziehung meines Sohnes. Als mein Sohn 17 war, hat mich mein zweiter Mann verlassen. Mein Sohn hat sich dafür verantwortlich gefühlt, weil er ihn letztendlich rausgeworfen hat. Sein Verhalten (meines Exmannes) mir gegenüber war tatsächlich mehr als erbärmlich, ich aber wollte die Beziehung unbedingt "retten". Letztlich war ich meinem Sohn dankbar, dass er für ein Ende gesorgt hat, wo es schon lang keine "Rettung" mehr gab. Danach habe ich einige Zeit allein gelebt, verschiedene Liebhaber gehabt, diese Affären aber nur ganz selten "mit nach Hause" genommen. Vor knapp vier Jahren habe ich dann meinen jetztigen Lebenspartner kennengelernt. Vor drei Jahren sind wir zusammengezogen. Sein Verhältnis zu meinem Sohn ist ein "erwachsenes", er maßt sich nicht an, ihn noch erziehen zu wollen. Bisher schien das ja auch in keiner Weise nötig. Nun mache ich mir aber wirklich richtige Sorgen, dass mein Sohn auf dem Weg in eine Neurose, Psychose ist - oder was auch immer. Seine verschiedenen Aktionen wirken ausgesprochen zwanghaft auf mich. Zum Schluss möchte ich noch ansprechen, dass er seit seinem 14. Lebensjahr Zigaretten raucht und, seitdem er 16 ist, auch regelmäßig kifft. Anfangs habe ich nur schwer mit dieser letzteren Sucht umgehen können, inzwischen lebe ich damit. Ich hoffe, dass Sie mit diesen langen Zeilen etwas anfangen können und mir bald antworten. Mit freundlichen Grüßen |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief!
Ich glaube, Ihr Sohn befindet sich in einer stärkeren seelischen
Krise, die mit Ängsten vor Erwachsenwerden und Selbständigkeit
zu tun hat. Ihn lockt einerseits das Erwachsenwerden und das Loslösen
von zu Hause, andererseits ängstigt ihn genau dies erheblich.
Wobei die Ängste vor der Loslösung und Autonomie wohl durch die
traumatisiernden Erlebnisse im Zusammenhang mit seinen "Vätern"
zu verstehen sind. Sie schreiben nicht, wie die Beziehung zu
seinem leiblichen Vater aussieht bzw. sich entwickelte nach Ihrer
Scheidung. Auch schreiben Sie nicht, wie die intensive Beziehung
zum Stiefvater nach der Trennung weiterging. Waren das immer
totale Beziehungsabbrüche? Söhne, die miterleben, wie die
Mutter immer wieder von Männern scheinbar unglücklich gemacht
wird, entwickeln nicht selten eine zu enge Beziehung zur Mutter,
weil sie wünschen bzw. befürchten, der einzige und wirklich
passende Partner für sie zu sein. Hatte Ihr Sohn also insgesamt
eine viel zu enge Beziehung zu seiner Mutter, die ihm die Loslösung
nun dermaßen erschwert?
Wie dem auch sei: Ich verstehe das auf den ersten Blick skurrill wirkende Verhalten Ihres Sohnes so, dass er einerseits den starken Wunsch nach Wachsen im Sinne von Loslösung und Unabhängigwerden fühlt (diesen emotionalen Wunsch wendet er ins Körperliche und erlebt ihn als Wachsen seines Skeletts), und dass er andererseits die Angst davor ebenfalls ins Körperliche wendet und sie z.B. durch Waschen, Gelenkknacken und Kopfhautdehnen etc. zu bewältigen versucht, womit gleichzeitig dem Wunsch nach Autonomie Bahn gebrochen wird (wenn die Kopfhaut sich dehnt, kann der Schädel wachsen. Wenn die Gelenke knacken, kriegen sie Luft zum Wachsen. Wenn ich die Haut reinige, kriegen sie und die Knochen auch Luft zum Ausdehnen und Wachsen).
Das heisst ins Emotionale zurückübersetzt: Wenn ich erwachsen und frei von meinen Familienfesseln werden will, muss ich meine großen Ängste überwinden, die ich davor habe.
Ich glaube, dass Ihr Sohn dies im Rahmen einer Psychotherapie verarbeiten müsste. Die Schwierigkeit dabei wird nur sein, dass Ihr Sohn dazu derzeit wahrscheinlich gar nicht motiviert ist, oder? Wenn doch, verhelfen Sie ihm zu einer Psychotherapie. Vielleicht gibt es an seiner Uni eine psychologische Beratungsstelle für Studierende, die ihn kostenlos behandeln würde.
Aber wenn er nicht alleine gehen will, können Sie auch mit ihm gemeinsam in eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle gehen und dort nach Hilfe suchen (dort ist man ebenfalls kostenlos für junge Menschen bis 27 Jahre zuständig). Machen Sie ihm Druck hierzu, wenn er von selbst noch nicht motiviert ist. Wenn Sie ihn erst einmal zu einem ersten Gespräch motiviert haben, beißt er dort danach vielleicht an.
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt