Sehr geehrter Herr Schmidt,
unser 11jähriges Kind besucht die 3.Klasse einer Regelgrundschule.
Er hat auf Anraten der Lehrer die 2.Klasse wiederholt und das Klassenziel der  
3.Klasse nicht erreicht.Aus pädagogischen Gründen wird er aber in die 4.Klasse
versetzt.Er ist entwicklungsverzögert,weil er Störungen in der sensomotorischen
Integration hat,d.h.seine Wahrnehmungsbereiche greifen nicht ineinander.Ebenso 
hat er graphomotorische Probleme, die ihn in Diktaten immer wieder zur Note 5
verhelfen.
Vor einem Tag bekamen wir von einer Kinder-und Jugendpsychatrischen Abteilung  
das vernichtende Urteil:Ihr Kind hat bei dem Hamburg-Wechsler-Intelligenztest
einen IQ von 76,der im verbalen Bereich bei 88 liegt.Man verabschiedete uns mit
den Worten, das ist Schiksal und bei diesen Werten könne man noch nicht einmal
einen Lese-Rechtschreibtest durchführen.Anstatt hilfreiche Therapievorschläge zu
bekommen wurde uns empfohlen, Maximilian an der Sonderschule anzumelden.Woher
die Defizite kommen, könne man uns nicht sagen und wir müssten auch nicht
darüber nachdenken woher es kommen kann.Vielleicht sind sie ja während der
Schwangerschaft an einem Atomkraftwerk vorbeigefahren waren die Aussagen der
Ärztin gegenüber meiner Frau.

Nun meine Fragen an Sie:

1.Kann man bei einem Kind, das Probleme mit der visuellen Wahrnehmung hat, einen
  Hamburg-Wechsler Intelligenztest durchführen ohne diese Störung zu  
  berücksichtigen und ihm dann mangelnde Intelligenz diagnostizieren.
2.Sind die ermittelten Werte dieses Testes ein lebenslängliches Brandzeichen   
  ohne, daß eine sensomotorische ausgerichtete Therapie noch etwas positiv daran
  ändern könnte.
3.Ist eine gute und konzentrierte Mitarbeit bei der Testdurchführung ein  
  gesicherter Befund dafür,daß ADS auszuschließen ist,(wir haben unserem Sohn
  tagelang zuvor eingeschärft er muß bei dem Test sehr gut mitarbeiten und sich
  voll darauf konzentrieren,da sein Schulaltag lt.Aussage der Klassenlehrerin
  völlig unkonzentriert abläuft,sich sehr leicht ablenken läßt und sich selbst
  und andere ständig stört.
4 Kann ein auf Dauer verständnisloses Unterrichtsmilieu,daß vorwiegend aus  
  Bestrafungen und Misserfolgsbekundungen besteht (sehr geringes  
  Selbstwertgefühl beim Kind),den ermittelten IQ-Wert beeinträchtigen.     
5.Bezieht sich ein solcher Intelligenztest ausschließlich auf das Lebensalter
  des Kindes,oder auf die zugehörige 3.Jahrgangsstufe,oder wird beides  
  berücksichtigt.

Für eine baldige Beantwortung der zugegebener Maßen vielen Fragen wären wir
Ihnen sehr dankbar,da wir im Moment mit dem Vorgang der Dinge sehr im Regen
stehen.
 
M.f.G.

Familie F.

Liebe Familie F.,
vielen Dank für Ihre Anfrage! Das tut mir für Sie sehr leid, dass man Sie so geringschätzing und hämisch behandelt hat in dieser psychiatrischen Abteilung! Am besten, Sie vergessen es; es war hoffentlich nicht so gemeint (wenn auch sehr wenig einfühlsam. Ärzte und gerade Psychiater haben manchmal einen groben Humor, der nicht böse gemeint ist).
Zu Ihren Fragen:
1. Der HAWIK (so wird der IQ-Test abgekürzt genannt) wird angewendet, gerade weil er auch visuelle Wahrnehmungsstörungen misst. Natürlich fließen dann solche Störungen ins Testergebnis ein. Das Testergebnis Ihres Sohnes zeigt ja deshalb auch, dass solche leichten Wahrnehmungsstörungen offenbar vorhanden sind und das Gesamtergebnis nach unten drücken.
2. Solche Testergebnisse sind niemals ein lebenslängliches "Brandzeichen". Gerade die Testergebnisse des HAWIK sind stark umwelt- und bildungsabhängig, d.h. wenn in der Bildung, im Training und der Förderung des Kindes einiges getan wird, wird sich das Testergenis verbessern. Bei anderen Intelligenztests (z.B. dem sog. CFT ) wird mehr die umwelt- und störungsunabhängige Intelligenz gemessen. Ich vermute, dass Ihr Sohn insgesamt über eine normale Grundintelligenz verfügt, die aber durch seine Wahrnehmungsstörungen in der Praxis "gedrückt" wird.
3. Eine konzentrierte Mitarbeit bei der Testdurchführung zeigt zumindest, dass sich Ihr Sohn gut konzentrieren kann, denn der Test ist anstrengend, wenn auch spannend. Das ist aber kein gesicherter Befund dafür, dass "ADS" auszuschließen ist (ich schreibe das in Anführungszeichen, weil ich nach dem gegenwärtigen Wissen nicht davon überzeugt bin, dass es diese "Krankheit ADS" gibt. Dass es visuelle (und andere) Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen gibt (woher immer sie auch kommen mögen, das weiss man auch nicht genau), einhergehend mit einer Vielzahl anderer Verhaltensauffälligkeiten vielfältigster Ursachen und Wechselwirkungen, ist aber wohl unumstritten.
4. Natürlich! Deshalb wäre es bei einem Kind mit Verhaltensschwierigkeiten und leichten Wahrnehmungsstörungen ganz wichtig, dass das soziale Milieu (Familie und Schule) einfühlsam, störungs-angepasst und förderlich mit dem Kind umgeht. Das Selbstwertgefühl muss auf jeden Fall gestärkt werden, denn jedes Kind hat seine Stärken. Man muss die Stärken andauernd viel mehr herausheben als die Schwächen. Eine gute Sonderschule kann das aus meiner Erfahrung bei Kindern wie Ihrem Söhnchen meistens viel besser als eine Regelschule. Lassen Sie sich bitte durch den Begriff "Sonderschule" nicht abschrecken. Es geht nicht um eine "Sonderbehandlung" oder Herabstufung im negativen Sinne. Hier in NRW heissen diese Schulen auch "Förderschulen", was viel angemessener klingt.
5. Vereinfacht gesagt, auf beides.

Ich möchte Ihnen raten, Ihr Kind in einem Sozialpädiatrischen Zentrum oder in einem Frühförderzentrum vorzustellen. Wenn ich wüsste, wo Sie wohnen, könnte ich Ihnen eines nennen. In diesen Einrichtungen werden Sie fachlich kompetent und einfühlsam behandelt. Ihr Kind erhält dort die angemessenen Übungsbehandlungen und Fördermaßnahmen. Begleitend dazu können Sie auch noch in eine Erziehungsberatungsstelle gehen, damit Sie sich auch in der alltäglichen Erziehung begleiten lassen können; Erziehungsfehler können die Probleme leicht wahrnehmungsgestörter Kinder extrem verschlimmern. Inzwischen sollten Sie sich die Sonderschulen Ihrer Wohngegend persönlich anschauen und einmal mit den Lehrern sprechen. Vielleicht gibt es bei Ihnen eine Förderschule, in der gerade Kinder mit leichten Wahrnehmungsstörungen besonders gefördert werden können. Sie werden sehen, dass das oft wunderbare Schulen für Kinder mit leichten Entwicklungsstörungen sind. Solche Schulen sind auch keine Endstation. Sie können Ihr Kind bei entsprechenden Entwicklungsfortschritten (und die wünsche ich Ihnen und Ihrem Sohn) dann später jederzeit wieder auf eine Regelschule zurückgeben.

Mit den besten Wünschen für Sie, Ihren Sohn und Ihre ganze Familie, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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