| Sehr
geehrter Herr Schmidt, seit 5 Jahren führe ich nun eine Wochendbeziehung. Anfangs waren wir beide sehr verliebt ineinander und so glücklich, daß wir beide wußten, daß wir zusammenziehen wollten. Mein Freund sagte immer, daß er keine Wochenendbeziehung wollte und ich so schnell wie möglich zu ihm ziehen sollte. Das war allerdings für mich ein riesiges Problem, weil die Vorstellung 600 km weit weg zu ziehen so große Ängste in mir auslöste, daß es einfach unvorstellbar war. Ich war innerlich hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihm und meinen Ängsten. Als mein Freund sich aus unserer innigen Beziehung ein wenig löste, indem er auch mal wieder mit seinen Freunden etwas machen wollte (eigentlich eine normale Sache), bekam ich Panik, weil ich darin die Bestätigung fand, daß er mich doch nicht so sehr liebt, wie er sagte. Ich suchte immer weiter nach negativen Seiten an ihm und sobald ich irgendetwas gefunden hatte, verkündete ich mehrmals, daß ich mich von ihm trennen wollte (ich weiß, daß das ziemlich krank ist) . Er sagte mir jedesmal, daß er mich liebt und daß ich zu ihm ziehen sollte. Während eines Streites sagte ich einmal: "Ich werde nie zu dir ziehen und Kinder will ich auch nicht von dir." Diesen Satz vergaß ich sehr bald, weil meine Gefühle zu ihm größer waren als alles was ich bisher erlebt habe. Aber er merkte sich diesen Satz. Unser Verhältnis wurde immer kühler unsere Telefongespräche immer kürzer. Das ging 3 Monate so. Dann machte er eine Dienstreise und ich nutze die Zeit um mir über meine Gefühle klar zu werden. Ich erkannte, daß ich ein Problem mit mir selbst habe und daß ich ihn zu meinem Spielball gemacht habe. Aber gleichzeitig spürte ich, daß ich ihn liebte. Ich beschloß ihm das zu sagen, eine Therapie wegen meiner Ängste zu machen und alles daran zu setzen innerlich so stark zu werden, daß ich es schaffe zu ihm zu ziehen. Doch als ich ihm das so sagte, gestand er mir, daß er eine Affäre hatte und er jetzt selber nicht mehr weiß was mit uns los ist. Für mich brach eine Welt zusammen. Natürlich fragte ich warum das passiert ist. Ich konnte es einfach nicht glauben: Monate vorher sagte er noch wie sehr er mich liebt und dann sowas. Ich versteh es bis heute nicht. War mein Verhalten denn so schlimm, daß ihn das dazu getrieben hat? Ich kann es kaum glauben. Er sagte es sei "nur" Sex gewesen, aber lieben würde er nur mich. Ich muß noch sagen, daß wir in der Zeit davor über ein halbes Jahr keinen Sex hatten, weil ich immer wieder Scheidenentzündungen hatte. Aber ich glaubte nicht daß es ein Problem sei, denn er sagte immer wieder, daß es ihm nichts ausmachen würde. Auf jeden Fall begann für mich die schlimmste Zeit,die ich je hatte, gekennzeichnet durch Atemnot und Durchschlafstörungen. Ich habe ihn wieder genervt mit ständigen Fragen nach dem "Warum?" und mit immer wieder ausgesprochenen aber nicht vollzogenen Trennungsdrohungen. Ich hatte mich einfach nicht mehr unter Kontrolle. Das ging über ein Jahr so. Kurz vor einer erneuten Dienstreise versuchte ich wieder mich von ihm zu trennen. Eigentlich wollte ich es nicht,weil ich ihn ja liebte, aber ich wußte nicht mehr woran ich bei ihm bin.Ich wußte nicht, ob es ein Ausrutscher war oder ob er ein "Casanova" ist, auf den man sich eh nicht verlassen kann. Ich sprach also die Trennung aus und prombt lachte er sich auf seiner Reise einen One-Night-Stand an. Das erfuhr ich aber erst hinterher. Natürlich bereute ich meinen Trennungsausspruch und versuchte wieder ihn zurückzugewinnen und meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Es gelang mir aber nicht. Und so ging es hin und her. Er sagte ich solle doch endlich mal aufhören und zu ihm ziehen. Konnte ich aber aus lauter Angst nun erst recht nicht. Unsere Beziehung wurde immer schlimmer, er immer distanzierter. Ich fragte, ob wir noch eine Perspektive hätte, er antwortete nicht. Dann beschloß ich zu versuchen mich innerlich zu distanzieren, meine Liebe erkalten zu lassen und dann, wenn er es nicht schon vorher tut, einen endgültigen Schlußstrich zu ziehen. Ich wurde ruhiger. Keine Gefühlsschwankungen mehr ihm gegenüber. Und siehe da: auf einmal hörte ich nur noch begeisterte Worte über mich von ihm: du bist so toll, so süß, so lieb, die beste Frau für mich, ich liebe dich, ich will 50 Jahre mit dir zusammen sein etc. Und ich? Ich weiß seitdem überhaupt nicht mehr was los ist. Ich weiß noch nicht mal mehr ob ich ihn liebe, weil meine Angst von ihm wieder betrogen zu werden so groß ist, daß sie alles überdeckt. Ist er nicht eh nur mit mir aus Bequemlichkeit zusammen? Wie kann ich denn herausfinden, ob er nicht generell zu Seitensprüngen neigt? Hat unsere Beziehung überhaupt noch eine Chance? Oder ist zuviel passiert? Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Herzliche Grüße Katja |
Hallo,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Ich glaube, Ihre
Beziehungsprobleme sind überwiegend von Ihnen selbst
"hausgemacht". Sie liegen wahrscheinlich in einer
Bindungsangst in Ihnen begründet. Nach 5 Jahren Partnerschaft
sollten Sie eigentlich wissen, ob Sie zu Ihrem Partner ziehen
können oder nicht. Dass Sie nach einer solch langen Zeit immer
noch so hin- und hergerissen sind, scheint nicht an seinem
Verhalten zu liegen, sondern an Ihrer tiefsitzenden
Unentschlossenheit, Bindungs- und Trennungsangst, die sicher eine
längere Geschichte in Ihrer Biografie hat. Aber davon weiss ich
nichts. Jedenfalls lassen Sie Ihren Partner schon erstaunlich
lange zappeln, und dass er sich das so lange gefallen lässt,
spricht vielleicht für seine Liebe zu Ihnen. Dass er dabei ein
paarmal in seiner Wut und Verzweiflung fremd geht, wundert mich
gar nicht. Aber so kann es natürlich nicht weitergehen. Momentan
spielen Sie ihm ja nur was vor, so wie Sie überhaupt schon seit
Jahren ein auch für ihn quälendes und verletzendes
"Spiel" mit ihm spielen.
Es bleibt Ihnen nichts Anderes übrig: Sie müssen sich endlich
festlegen. Entweder Sie entscheiden sich für oder gegen ein
weiteres Leben mit Ihrem Partner, mit allen damit jeweils
verbundenen Konsequenzen. Dieses selbstquälerische
"Sowohl-Als Auch", dieses Hängen und Würgen sollten
Sie mit einer klaren, auch Ihrem Partner gegenüber fairen und
aufrichtigen Entscheidung beenden.
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt