Sehr geehrter Herr Schmidt,

im Moment ueberlegen wir uns, ob wir nach unserer Rueckkehr
nach Deutschland meine Mutter ins Haus nehmen und somit ein
Zusammenleben verschiedenerGenerationen praktizieren sollen.
Nachdem vor 8 Jahren mein Vater verstarb, meine Schwester weit
verzogen ist und ich mit meiner Familie vor drei Jahren in die
Staaten zog, blieb meine Mutter (65) alleine zurueck. In dieser Zeit
vereinsamte sie mehr und mehr.
Vor ca. 1 1/2 Jahren erkrankte sie schwer: Sie hoerte Stimmen,
fuehlte sich verfolgt und misstraute jedem. Es wurde eine
paranoide Schizophrenie diagnostiziert.
Wir konnten sie damals mit List ueberzeugen, dass sie Hilfe
braucht, sie nahm dann auch Medikamente, verkaufte ihr Haus und
kaufte sich eine schoene Wohnung.
Sie schien sehr gluecklich zu sein.
Nun erlitt sie einen Rueckschlag. Wir haben uns sofort mit den
Aerzten in Verbindung gesetzt, um es vorerst ambulant in Griff zu
bekommen.
 Nun ueberlegen wir uns, wie wir unseren Teil beisteuern koennten,
um ihr zu helfen.
Sollen wir sie mit in unser Haus nehmen? Das wuerde allerdings
fuer meine Mutter bedeuten, dass sie aus ihrer gewohnten
Umgebung herausgerissen wird und in einer neuen Stadt sich
einleben musste. Das wuerde auch heissen, dass
sie nur uns kennen wuerde und somit ganz abhaengig von uns
waere.
 Mein Mann haette soweit keine Bedenken. Die Kinder (9 und 5
Jahre alt) sind begeistert. Ich bin mir noch nicht so sicher. Wird
das Zusammenleben gutgehen? Wird es nicht eine grosse
Belastung, mit dieser Art von Krankheit zu dealen? Koennen Sie
uns aus Ihrer Erfahrung etwas raten?  Waere meiner
Mutter damit geholfen, einfach nur uns um sich zu haben?
Fuer Ihren Rat waere ich Ihnen sehr dankbar.
Mit freundlichen Gruessen

Stefanie

Liebe Stefanie,
vielen Dank für Ihre Anfrage! Verstehe ich es richtig: Sie leben in den USA
und überlegen, Ihre Mutter dorthin zu holen? Ihre Mutter würde dadurch also
den gesamten Kulturkreis (samt Muttersprache) verlieren. Das allein ist für
viele ältere Menschen schon recht schwierig, erfodert es doch eine hohe
Lernfähigkeit und psychosoziale Flexibilität, die ich bei der Erkrankung
Ihrer Mutter nicht mehr ungeschmälert voraussetzen würde.
Andererseits verstehe ich gut, dass Sie sich verantwortlich für Ihre einsame
Mutter fühlen. Das ehrt Sie! Geht es Ihrer Schwester (ich vermute mal, es
handelt sich um Ihre jüngere Schwester?) ähnlich? Dass Ihre Kinder
begeistert wären, wenn die Oma zu ihnen zöge, ist ebenfalls verständlich,
sollte aber unter den gegebenen Verhältnissen mit Vorsicht aufgenommen
werden. Die Kinder können am wenigsten abschätzen, wie lange die Freude über
die Oma im Alltag anhalten würde. Die Krankheit Ihrer Mutter kann sich ja
bei fortschreitendem Alter verschlimmern.
Hat Ihre Mutter Sie in den Staaten schon einmal besucht und ist einige
Wochen bei Ihnen gewesen? Wenn ja, welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Ich
verstehe grundsätzlich sehr gut, wenn Sie sich Ihre Entscheidung sehr gut
überlegen. Wenn Sie Ihre Mutter nicht zu sich holen, müssen Sie kein
schlechtes Gewissen haben, denn Sie machen es sich ja nicht leicht. Sie sind
schließlich nicht nur für Ihre Mutter (gemeinsam mit Ihrer Schwester)
verantwortlich, sondern auch für Ihre eigene Familie. Vielleicht lassen Sie
es auf einen Versuch ankommen (wenn das finanziell möglich ist), und holen
Ihre Mutter "auf Probe" zu sich, vielleicht für ein halbes Jahr. Wenn alles
gut geht: wunderbar! Wenn es allzuviel Ärger gibt, sollte Ihre Mutter wieder
nach Hause ziehen und sich durch einen ambulanten psychosozialen Hilfsdienst
betreuen lassen, wenn ihre Krankheit schlimmer wird. Dann haben Sie wirklich
Ihr Bestes getan.
Alles Gute wünscht Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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