Sehr geehrter Herr Schmidt!
Ich bin allein erziehende Mutter von zwei Kindern (12; 5). Meine Tochter hat
seit ihrem 9. Lebensjahr regelmäßig im Familienkreis Geld gestohlen.
Teilweise waren die Abstände groß, teilweise auch nur sehr kurz. Als das
Problem anfangs auftrat habe ich eine Kinder- und Jugendpsychologin
konsultiert, die allerdings keinerlei Auffälligkeiten bei meiner Tochter
feststellen konnte. Allerdings hörten das Stehlen nicht auf. Ich habe dann
angefangen meine Geldbörse gut zu verstecken. Nun hat sie (12 Jahre) zum
ersten Mal eine fremde Person beklaut und zwar hat sie ein Portmonee
entwendet und anschließend mit der dort enthaltenden Scheckkarte versucht an
der Bank Geld abzuheben. Durch Nachforschungen hat die Kriminalpolizei sie
als Täterin ermittelt und eindringlich mit ihr geredet. Sie musste sich
persönlich bei allen beteiligten Personen entschuldigen. Ich kann bei ihr
aber nicht feststellen, dass die Situation sie beeindruckt hat, oder dass sie
wirklich betroffen ist. Sie ist insgesamt ein sehr verschlossenes und oftmals
sehr unzufriedenes Kind.
Schlechte schulische Leistungen und ständige Misserfolge im Lernbereich
gingen dem Vorfall voraus. Aufgrund ihres dringenden Wunsches habe ich
daraufhin einem Schulwechsel zugestimmt.
Vor zwei Jahren bin ich mit meinen Kindern aus beruflichen Gründen etwa 150
Km von dem Heimatort weggezogen. Meine Tochter hat sich sehr gut eingelebt,
fühlt sich sehr wohl hier und hat viele Freunde gefunden. Der Kontakt zum
Vater, der anfangs recht gut und intensiv verlief hat immer mehr
nachgelassen, Besuche lehnt sie ab, so dass jetzt nur noch mein Sohn
regelmäßig an Wochenenden seinen Vater besucht.

Liebe alleinerziehende Mutter, ich werde nicht ganz schlau aus Ihrer Schilderung, was den zeitlichen Ablauf betrifft. Ich verstehe es so, dass Ihre Tochter vor ca. 3 Jahren angefangen hat mit dem Stehlen und Sie vor 2 Jahren verzogen sind. Der Vorfall mit dem Stehlen eines "fremden" Geldbeutels war erst kürzlich, Ihre Tochter hat sich sozial gut eingelebt, verweigert Kontakte zum Vater und hat Schulleistungsschwierigkeiten. Soweit alles richtig? Nun, mir fällt bei Ihnen wie bei vielen "alleinerziehenden" Müttern auf (ich setze das bewusst in Anführungszeichen, weil es "alleinerziehend" psychologisch meistens nicht gibt: der andere Elternteil erzieht direkt oder indirekt immer mit!), dass Sie das vermutlich Wichtigste weglassen: die Geschichte Ihrer Ehescheidung im Erleben Ihrer Tochter! Wann hat Ihre Tochter den Vater wie stark verloren? Haben Sie und Ihr Mann sich einvernehmlich getrennt, oder gab bzw. gibt es längere Nachscheidungskonflikte? Was hat Ihre Tochter vor, während und nach der elterlichen Trennung an Ehekonflikten mitbekommen? Warum will die Tochter den Vater nicht mehr besuchen, der Sohn aber schon? Vernachlässigt der Vater seine Tochter? Sie sehen, es gäbe einige Fragen zu klären, die ihre Tochter im Zusammenhang mit dem Auseinanderfallen der Familie seelisch vielleicht so nachhaltig belasten, dass sie sich durch das Stehlen unbewusst schadlos halten muss. Geld als Ersatz für verlorengegangene elterliche Liebe? Das vermute ich. Wenn Sie möchten, sollten Sie mir noch einmal schreiben und die vielen offenen Fragen beantworten. Sie können natürlich auch versuchen, sich alles selbst beantworten.

Herzliche Grüße, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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