| Sehr
geehrter Herr Dr. Schmidt, ich bin Mutter von einem Sohn der nun 3 Jahre und 2 Monate alt ist. Er wurde mit 2 Jahren und 3 Monaten trocken. Tagsüber sowie auch nachts. Sein großes Geschäft fällt ihm jedoch nicht so leicht, wie sein kleines. Das heißt, wenn wir außer Haus waren versuchte er es immer solange einzuhalten bis wir zuhause waren. Wenn er es garnicht mehr einhalten konnte ging er dann aber auch dort auf die Toilette (mit wenigen Ausnahmen in den ersten paar Wochen). In den ersten Monaten in denen er trocken war, sagte er jedesmal wenn er zuhause auf Toilette ging, da wäre eine "Hexe". Da ich gelesen habe, man solle in solchen Sachen auf die Kinder eingehen, fragte ich ihn mal, was ich denn machen solle. Er sagte mir daraufhin, ich solle sie wegjagen. Das habe ich dann halt getan und sobald diese "Hexe" aus der Tür war, machte er sofort seinen Stinker. Auf dieses Ritual bestand er dann monatelang. Ich denke mal, daß er aufgrund des Märchens" Hänsel und Gretel" Angst hatte von dieser "Hexe" in den Klo gestummt zu werden, da er des öfteren auch fragte, was passiert denn wenn ich mal da rein falle. Das hört sich jetzt alles ganz schön komisch an, aber das hat sich mit der Zeit dann irgendwann verloren. Jetzt ging er schon sehr lange Zeit "fast" alleine auf die Toilette. Er bestand in letzter Zeit nur darauf, daß ich wartete bis der Anfang gemacht war und dann wollte er, daß ich rausgehe. Er rief mich dann, wenn er fertig war. Das klappte wirklich super. Bis er vor einer Woche plötzlich anfing, zuhause genauso rumzutänzeln wie sonst, wenn er irgendwo anders war. Ich ließ ihn ganz in Ruhe und dachte er würde, wenn er bereit ist, bescheid sagen, wie er das sonst auch tat. Es ging jetzt aber schon einige Male in die Hose (nicht alles, sondern nur ein kleiner Teil, der nicht aufzuhalten war. Er rennt dann von einer Stelle zur anderen, kneift die Pobacken zusammen, drückt sich mit der Hand die Pobacken zusammen und jammert sein Po tut weh. Zur Toilette will er aber nicht. Für mich sieht es so aus als wolle er sein Stinker nicht rauslassen, ja, nicht loslassen. Vergangene Nacht schrieh er dann so jämmerlich und sagte sein Po tut weh. Er wollte wieder nicht gehen, rannte umher, versuchte es einzuhalten und sagte nachdem ich ihn fragte, er habe Angst seinen Stinker zu machen. Nach langem hin und her ging er dann zur Toilette. Er versuchte es aber bis zuletzt festzuhalten und schrieh wie am Spieß. Als dann der Stinker rauskam beruhigte er sich langsam wieder und war auch dann sehr froh und erleichtert (als wäre es für ihn ein Erfolgserlebnis). Ja, nun hoffe ich, daß Sie mir einen Rat geben können, denn ich weiß überhaupt nicht wie ich mich verhalten soll. Soll ich ihn darauf ansprechen, wenn ich bemerke, daß er einen Stinker machen muß. Oder soll ich ihn ganz in Ruhe lassen. Ich habe in einem Buch gelesen, daß man Einnäßkinder z.B. ganz in Ruhe lassen soll, da sie sich sonst so unter Druck gesetzt fühlen. Und,daß mit Vorwürfen und ständigem "geh aufs Klo" nur das Gegenteil erreicht wird. Vorwürfe mache ich ihm keine und ich versuche es locker zu sehen aber ich habe auch Angst etwas falsch zumachen und daß er es sich angewöhnen könnte, wenn er merkt, daß man das duldet. Ich denke halt auch, daß es mir nicht viel bringt zu meinem Kinderarzt zu gehen, denn ich glaube es ist einfach die Angst davor und da kann ich mir gut vorstellen, daß ein Psychologe eher Tipps geben kann, wie man mit dieser Situation zurecht kommt und vorallem wie man ihm die Angst nehmen kann. Ich bitte Sie daher um eine Antwort. Mit freundlichen Grüßen S.K. |
Liebe S.K.
vielen Dank für Ihren lebendigen Bericht über Ihren Sohn und sein "großes Geschäft". Es klingt alles sehr liebevoll und einfühlsam, was Sie schreiben. Ich glaube nicht, dass Sie irgendwelche besonderen erzieherischen Fehler machen. Dass Ihr Sohn Ihnen so plastisch und vertrauensvoll über seine alterstypischen Ängste bei der Sauberkeitserziehung berichtet, spiegelt die gute Beziehung wider, die Sie beide zueinander haben. Machen Sie sich also bitte keine größeren Sorgen. Dass kleine Kinder ihr "großes Geschäft" (ich verwende gern diesen Ausdruck, weil er zum Ausdruck bringt, dass die Sauberkeitserziehung psychologisch betrachtet mit Nehmen und Geben, wie im Geschäftsleben auch, zu tun hat) zeitweise nicht gerne hergeben und angestrengt zurückhalten, kommt nicht selten vor. Sie wollen es behalten und nicht einfach so weggeben. Es gehört sozusagen ihnen allein und nicht der Mutter, die "es haben will" (im übertragenen Sinne, denn Sie wollen ja, dass er es hergibt, zwar ins Clo, aber das ist egal). Wenn das so ist, dann sollten Sie, wie Sie ja selbst vorschlagen, keinen weiteren Erwartungsdruck auf ihn ausüben. Wahrscheinlich tun Sie das sowieso nicht besonders stark. Er soll das Gefühl haben, er allein kann entscheiden, ob er es hergibt oder nicht. Schlagen Sie ihm doch mal das "Geschäft" vor, seinen "Stinker" gegen etwas, was ihm verlockend erscheint, einzutauschen (es soll also ausdrücklich keine Belohnung sein, sondern ein Geschäft, ein Tausch). Er soll dann immer, wenn der Popo anfängt, "weh zu tun" (wenn er also aufs Clo muss), entscheiden, ob er tauschen will, und wenn er das will, wird das "große Geschäft" laufen. Er wird schnell herausfinden, dass es sich immer lohnt, den Tausch zu machen, wenn der Tauschgegenstand (hier ist Ihrer Fantasie freier Lauf gegeben) ihn wirklich lockt. Wenn alles mal schiefgeht (das Geschäft also "in die Hosen geht"), seien Sie dann nicht enttäuscht. Sagen Sie einfach: "Das macht nichts. Nächstes Mal wird es schon klappen!" Machen Sie das Ganze also möglichst zwanglos, humorvoll und ohne allzu großen Ehrgeiz. Und weiterhin mit Geduld und Optimismus. Es wird schon klappen.
Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt