Lieber Dipl.-Psychologe,
Mein Mann (52), Brite und ich (37), Deutsche sind Eltern eines
Sohnes (4.5)
und erleben derzeit grundlegende Differenzen in Erziehungsfragen,
die zu Spannungen fuehren.

Zur Hintergrundinfo:
Wir arbeiten beide (ich 3 ganze Tage und 2 halbe) , sind beruflich
wie finanziell zufrieden - betrachten einander als gleichwertig, teilen
die Arbeiten rund um den Haushalt miteinander in absolut fairer
Weise und sind auch sonst bei 90% der Dinge ein Team, das sich
zusammenrauft, ueber die meissten Probleme spricht/diskutiert 
und sie gemeinsam loest.
Mein Mann ist das aelteste Kind von 5, wurde recht bald aus dem
'Nest gestossen', hat meiner Meinung nach bis heute seiner Mutter
nicht vergeben, zu viele Kinder gehabt zu haben => dadurch zu
wenig Zeit + finanzielle Mittel
fuer jedes einzelne (sein Vater wollte immer nur 2) und ich bin ein
Einzelkind mit einer Mutter, die sich SEHR auf mich konzentriert(e)
weil ihre Ehe auf psychischer Einsamkeit / Alleingelassenwerdens
basierte und sie mich daher zum Partner, zur Schwester, Mutter
und Freundin machte. Heute noch
haben wir ein sehr enges Verhaeltnis und beide Eltern
verwoehnen/beschenken uns (auch meinen Mann und unseren
Sohn) sehr.

Zum Erziehungsproblem: ich finde, mein Mann sieht viele Dinge bei
unserem Sohn zu streng, erwartet zu viel von einem so jungen
Kind, will dass er schon viel disziplinierter ist, als es sein Alter
zulaesst, denkt dass Buben einfach strenger erzogen werden
muessen. Er hingegen findet, dass ich ihn zu
sehr verwoehne, dass ich nicht oft genug 'hart' durchgreife, oder ihn
diszipliniere, dass ich lieber eine herzliche Beziehung zu ihm habe
und generell in der Erziehung mit unserem Sohen zu weich bin.
Seine Gegenreaktion zu meiner muetterlichen 'Weichheit' ist, oft
scheller boese oder streng mit unserem Sohn zu sein,  was dazu
fuehrt dass mein Sohn weint, oder zu mir
fluechtet weil Papa wieder boese wurde, oder versucht uns
gegeneinander auszuspielen. Ich versuche meisst neutral zu
bleiben, aber immer oefters kommt es zu einer heftigen
Grundsatzdiskussion, in der wir unterschiedliche
Auffassungen haben. Ich aber moechte nicht in einem
"Mutter+Kind gegen Vater" Situation enden.

Einerseits gibt er zu, von seinen Eltern viel zu wenig
Liebe/Aufmerksamkeit /Spielzeug /Buecher bekommen zu haben,
andererseits denke ich, ist er eifersuechtig auf meinen Sohn, der 1.
ihm die Partnerin zum Teil wegnimmt (wir hatten 5 Ehejahre ohne
Kind) und, 2. alles das bekommt, was er als
Kind (und als Erwachsener) vermisst hat.

Wie koennen wir zusammen dieses emotionelle Problem loesen ?
Vielen Dank im Voraus, fuer ihre Ratschlaege. Mit herzlichem
Gruss.

Liebe Diplompsychologin,
(bitte verzeihen Sie diese Anrede, aber erstens weiss ich nicht, wie ich Sie
ansprechen soll, und zweitens haben Sie Ihre Situation psychologisch so gut
dargestellt, dass ich dazu gar nichts Zusätzliches beitragen muss. Sie sehen
die Dinge wahrscheinlich völlig richtig. Was fehlt, ist eine kontinuierliche
fachliche Beratung und Begleitung für Sie und Ihren Mann und die vertiefte
Aufarbeitung der psychischen Zusammenhänge besonders für Ihren Mann. Das
sollten Sie gemeinsam in einer Erziehungsberatungsstelle machen. Dort können
Sie sich beide über einen längeren Zeitraum vertieft mit Ihren so
unterschiedlichen pädagogischen Stilen auseinandersetzen und sich dann
vielleicht irgendwo in der Mitte treffen. Sie erfragen die nächstgelegene
Erziehungsberatungsstelle bei Ihrem Jugendamt.
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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