Sehr geehrter Herr Schmidt,
ich bin 34, habe zwei Kinder und lebe seit 3 Jahren mit meinem Lebensgefährten zusammen. Seit 5 Jahren sind wir ein Paar. Seitdem steht mein Partner für mich so sehr im Vordergrund, dass sich daraus viele Probleme ergeben. Er ist ein sehr angenehmer, gut aussehender und erfolgreicher Mann, und als unsere Liebe anfing, habe ich das auch von mir selbst geglaubt. Inzwischen fühle ich mich aber nicht mehr so gut. Ich habe sozusagen ständig an dieser Liebe "herumgearbeitet". Anfangs war er nicht zufrieden, weil er mich zu überlegen fand. Da habe ich mich bemüht, ihm entgegenzukommen, hab versucht, sanfter und liebevoller zu sein, damit er glücklich mit mir sein kann. Dann war ich ihm zu unordentlich. Also versuchte ich, eine bessere Hausfrau zu werden, schließlich verdient er das Geld. Meine Kinder waren Ziemlich schwierig. Ich habe versucht, zwischen allen zu vermitteln, damit es schön wird bei uns. Dann hatten wir eine Art zu streiten, die wir nicht aushalten konnten. Wir sind beide ziemlich temperamentvoll, inzwischen ist nurmehr mein Partner cholerisch. Ich spreche immer alles schnell an, das macht ihn regelmäßig rasend. Danach zieht er sich tagelang zurück. Und ich leide. Dass ich mich so angepasst habe. Ich versuchte immer, rational zu entscheiden, wie ich mich verhalte, wenn es Stress gab. Aber ich glaube, das war Quatsch, denn eigentlich stand immer seine Drohung dahinter, dass er mich jederzeit verlassen könne. Wir haben auch viele schöne Dinge erlebt. In wichtigen Situationen hat er mir (meist finanziell) beigestanden, jedenfalls zu mir gehalten. Mit meiner eigenen Entwickluhng (zumindest beruflich) bin ich ganz ins Hintertreffen geraten. Ich habe spät angefangen zu studieren, nachdem ich schon einen Beruf hatte. Solange ich mit meinen Kindern allein war, habe ich mich auch sehr engagiert, allerdings hätte ich es finanziell nicht durchgestanden, wenn mein Partner mir nicht geholfen hätte. Obwohl die objektiven Bedingungen besser wurden, bin ich ganz eingeknickt. Es macht keinen Spaß mehr, ich dümple so alleine vor mich hin, um es zu Ende zu bringen. Es ist auch bald soweit. Aber alles ohne Esprit.
Jetzt bin ich auch noch eifersüchtig geworden. Mein Partner trifft gern andre Frauen aus seinem Freundeskreis, mit denen er sich gut versteht. Manchmal wird da auch ausufernd gefeiert, meist bin ich der Kinder wegen nicht mit dabei.  Er liebt es, so eine Art Studentenleben zu führen. Und er erzählt nicht viel darüber, was so abgeht, ich sollte auch besser nicht fragen. Allerdings sei ihm Treue auch wichtig.
So bin ich irgendwie mit allem unzufrieden. Und komme gar nicht mehr so richtig zu mir selbst. Eigentlich lebe ich auch ganz gern ein bißchen unkonventionell, bin aber sozusagen die Vernunftszicke geworden, die dauernd irgendwas nachfragt. Ich möchte gern auch wieder erfolgreich sein (das erwartet auch mein Partner von mir)irgendwie will ich mich wieder frei fühlen,fröhlich sein,  nicht so ewig belastet.  Unsere Familie ist mir so wichtig, weil ich selbst keine Familie mehr habe. Meine Eltern sind leider früh verstorben. Ich habe einige sehr gute und enge Freundschaften aber keinen großen Bekanntenkreis, wie mein Partner. Ich hätte gern wieder Power und Spaß an den Kindern, dem Studium, meinen Hobbies. Wie kann ich ihn mehr  loslassen? Wie kann ichs schaffen, mich mehr auf mich zu konzentrieren? Mir fällt leider nicht mehr viel ein. Ich hätte daher gerne Ihren Rat.
D.

Liebe D.,
Vielen Dank für Ihren Brief! Ich habe den Eindruck, Sie haben sich im Laufe der Jahre aus Liebe zu Ihrem Mann sehr bemüht, sich an seine Vorstellungen und an seine Lebensweise anzupassen. Das ist ja auch sehr gut so, aber es scheint, als hätte Ihr Mann dies von seiner Seite nicht ebenso gemacht. Er verlangt von Ihnen mehr Anpassung an ihn, als er offenbar bereit ist, sich auf Sie einzustellen. Sie investieren auf diese Weise vielleicht mehr in die Beziehung als er. Aber was bekommen Sie für Ihre Investition zurück? Innere Lehre und zunehmende Depressionen? So klingt es jedenfalls.
Und was dazu zu kommen scheint: Sie sind so rücksichtsvoll, ihn Ihre Unzufriedenheit nicht merken zu lassen, oder? Wie so viele Männer kriegt er vielleicht gar nichts von Ihrer Seelenlage mit. Sie sind ja vielleicht so dankbar, dass dieser wunderbare, erfolgreiche Mann Sie geheiratet hat, dass Sie ihn mit Ihren "Macken" nicht stressen wollen?

Sie merken schon, worauf ich hinaus will: Sie sollten Ihren Mann zu einer gründlichen Aussprache bitten. Lassen Sie ihn vielleicht diese Beratung lesen. Setzen Sie sich beide einen Abend (und die halbe oder ganze Nacht) einmal bei einer Flasche Wein in Ruhe zusammen und ziehen Sie mal ein Resumee Ihrer bisherigen Ehe. Das empfehle ich übrigens allen Eheleuten ab und zu. So, wie man sein Auto alle 2 Jahre zum TÜV bringt, sollte man sich auch regelmäßig einmal Rechenschaft ablegen über die gemeinsame Zeit und Beziehung. Das ganze soll aber kein Streit sein, sondern eine liebevolle, aber ehrliche Aussprache. Dabei müssen Sie ihm deutlich machen, wie Sie darunter leiden, ins Hintertreffen zu geraten in der Ehe, einen zu hohen Preis zu zahlen, und dass er mit Ihnen überlegen sollte, wie Sie Abhilfe schaffen. Vielleicht sollte er auf seine dates mit anderen Frauen und sein "Studentenleben" endlich verzichten und diese Zeit lieber mit Ihnen verbringen? Vielleicht sollte er endlich erwachsen und weniger egoistisch werden und sich mehr auf seine anpassungsfähige und kostbare Frau konzentrieren? Ist er ein liebevoller Vater, der Zeit für seine Kinder hat?
Sie werden schon Wege finden, wie Sie wieder mehr das Gefühl bekommen, erfolgreich zu sein. Voraussetzung ist diese ehrliche Aussprache, bei der Sie Gehör finden bei ihm.
Finden Sie kein Gehör, endet alles doch in Streit, empfehle ich Ihnen beiden eine Ehetherapie. Sie können sich dafür an eine Eheberatungsstelle eines freien Trägers wenden, die kostenfrei ist. Erfragen Sie solch eine Stelle in Ihrem Jugendamt. Aber ich hoffe natürlich, dass Sie und Ihr Mann ohne therapeutische Hilfe aufeinander zu gehen können und Sie wieder zufriedener werden, wenn Ihr Mann sich mehr um Sie kümmert und es mit Ihnen wieder aufwärts geht.
Das wünscht Ihnen und Ihrer Familie Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt