Sehr geehrter Herr Schmidt,   ich bin verheiratet, habe zwei Söhne im Alter von sieben und neun Jahren. Wir haben zwar dauernd irgendwelche Probleme, und momentan macht mir das Verhalten meines jüngsten Sorgen. Marcel ist eigentlich ein fröhliches Kind, eher unkompliziert und ein lieber Zeitgenosse. Schon in der Kindergartenzeit sagte man von ihm, das er ein lieber Junge sei. Ich muß hier ausholen: Seit frühester Kindheit kämpfte der Junge immer wieder mal mit schweren Mittelohrentzündungen. Eines Tages, einige Monate vor dem Einschulungstest, sagte die Kindergärtnerin uns, das Marcel wohl nicht so gut hört. Nun, wir wußten allerdings auch um Marcels Sturheit, wenn ihm etwas nicht passte, hörte er einfach nicht zu, und spielte ungerührt weiter. Dann bemerkte ich auch, das er schlechter hört, denn seine Sprache hatte inzwischen auch gelitten.Seine Aussprache war schlecht zu verstehen.Der HNO-Arzt untersuchte ihn, und ein Paukenerguß wurde festgestellt.Marcel lief also ein Dreivierteljahr von allen unbemerkt damit herum. Es wurde eine OP gemacht, sehr erfolgreich, sein Gehör funktionierte wieder, seine Sprache hinkte noch hinterher.

Wir konsultierten dann eine Logopädin, und langsam besserte sich etwas seine Sprache. Sein Einschulungstest ging zuerst daneben, weil Marcel zu scheu war, und plötzlich standen mehrere Erwachsene um ihn herum, sodaß er nun sich ganz weigerte zu reden.Ich kämpfte mit meinem Mann dafür, das er eine zweite Chance bekam, denn für Anmeldungen in anderen Einrichtungen war es zu spät, und da noch ein paar Wochen Zeit bis zur zweiten Chance war, konnte ich Marcel auch mental in etwa vorbereiten, was da auf ihn zukommt. Diesmal klappte es auch. Im Laufe des ersten Schuljahres machte er ständig auch in seiner Sprache Fortschritte, sodaß er irgendwann sagte:" Mama, ich brauch keine Logopädin mehr.Ich geh lieber raus spielen." Er ging auch nicht mehr hin zur Logopädin, und hatte von nun an einige Kameraden zum Spielen, seine Aussprache ist zwar noch etwas verwaschen, aber man versteht ihn, auch sein Wortschatz ist kaum von den anderen zu unterscheiden.Vorher hatte er nur ein Mädchen zum Spielen, auf die war er bis zur Einschulung sehr fixiert.Seit dieses Mädchen in seiner Klasse ist und ihn zu sehr bemuttert hat, was ihm auf die Nerven ging, nabelte er sich von ihr ab und suchte sich zum ersten Mal selbst Anschluß, sowohl in der Schule,Klasse und auch zu Hause. Er war sich wohl vorher einfach seines "Andersseins-" bewußt und klammerte sich an mich. All das hatte auf natürliche Weise nachgelassen im ersten Schuljahr.Die Klassenlehrerin bemerkte schon im ersten Schuljahr, das Marcel dazu neigte, Fehler zu machen vor allem im Lesen und Rechnen. Er kam aber durch die erste Klasse.    

Jetzt in der zweiten sieht das so aus: Die Klassenlehrerin(dieselbe wie im ersten), fehlte wegen Krankheit vom ersten Schultag nach Sommerferien bis zu den Herbstferien.In der Zeit wechselten sich drei oder vier Lehrer ab mit Unterricht.Schon eine Umstellung. Kaum war die Klassenlehrerin wieder da, ging es nun los mit mehr Hausaufgaben, mehr Stunden( vorher hatten die Kinder an fast jeden Tag erst um 10 Schule), und einer Portion Strenge. Neulich beim Elternsprechtag mußte mein Mann erfahren, das Marcel sich derart verschlechtert hatte, das nun schon im November darüber geredet wird, ob er die zweite Klasse nicht lieber wiederholen sollte. Er hätte einige Lücken. Das hatte mich umgehauen.Marcel sagte nämlich keinen Ton, das er irgendwelche Probleme habe.Die Leherin erzählte, sie habe Marcel oft schimpfen müssen, weil er die Hausaufgaben unvollständig machte, oder weil er ihr nicht zuhört.Von den Ohren her hat sie den Eindruck, die sind ok.Außerdem leistet er ihr keine Folge.Ich war also zu Recht bestürzt, denn ich hatte einen anderen Eindruck von Marcel.Ich will Ihnen auch sagen, warum: Ich bin eine knapp 35 Jährige Frau, mit einem supernetten Mann verheiratet, gehe nicht arbeiten,also Hausfrau, und sitze jeden Mittag bei unseren Söhnen am Tisch, und schaue,ob sie Hausaufgaben machen.Ich präsentiere ihnen selbstverständlich keine Lösung, aber wenn sie Fragen haben, gebe ich gern Tipps und bin einfach da.Ich kontrolliere auch Hausaufgaben, weil der Ältere schon oft gelogen hat, er habe keine auf, und dann hatte er sie doch auf.Ich gebe vor allem zu, das ich streng bin, wenn es um Hausaufgaben geht. Das heißt, sie werden gemacht, bevor sie rausdürfen, denn ich habe rausgefunden, das es so besser ist, denn abends sind die müde .Ich bin also streng in dieser Angelegenheit, versuche auch geduldig zu sein, und zu helfen, wo ich kann.

Marcel machte auch gut mit bei den Hausaufgaben.Natürlich hat der mal wie jedes Kind "einen seiner Tage" und keine Lust, aber ich bin hartnäckig.   Weiter gebe ich zu, daß meine Söhne es sicher nicht leicht mit mir haben. Ich bin nämlich so gut wie taub, beherrsche allerdings meine Sprache recht gut.Ich bin vollständig auf Lippenablesen angewiesen.Seit drei Jahren bekomme ich ständig Hörstürze, denn ich bin mit hoher Wahrscheinlichkeit überfordert.Der Ältere Sohn probt den Aufstand, diskutiert, schreit, will verhandeln, und ich will das nicht mehr, so endet das Ganze oft im Geschrei und ich fühle mich ausgelaugt. Marcel der Jüngere, behauptet plötzlich von sich, er schaffe das mit der Schule sowieso nicht mehr und redet ständig von Wiederholung.Ihm ist das egal. Er malt plötzlich kriegerische Bilder mit Strichmännchen ,die sich gegenseitig erschießen mit Pfeilen, und rote Farbe an seinen  vielen Strichmännchen, was wohl Blut sein soll.Spricht man ihn auf die Schule an, mauert er und resigniert irgendwie. Ich versuchte, ihn zu unterstützen, so gut es geht.Aber es ermüdet mich zunehmend, weil ich nicht weiß, wie ich ihm noch helfen kann.Ich hatte ihm einmal in einer anderen Angelegenheit Dummheit vorgeworfen, und dieses Wort benutzt er nun für seine in der Tat schlechte Leistung.Denn zu Hause macht seine Sache gut durchschnittlich, in der Schule dagegen aufeinmal massenhaft Fehler, obwohl die Aufgaben an und für sich nicht neu sind.  

Offenbar hat Marcel auch Komplexe, eine Sache machte mich stutzig. Im Oktober bekam mein Mann Diabetes und mußte ins Krankenhaus.Nachdem ich entsetzt war über diese Diagnose, mußte ich zunächst viel weinen, was leider auch die Kinder mitbekommen hatten. Hier erwies sich Marcel als Aufmunterer. Er holte ein paar Slapsticks von Stan Laurel aus seinem Zauberhut und machte bestimmte Handbewegungen,die man aus so Stummfilmen erkennt, und brachte mich so zum Lachen,seither macht er das dauernd, wenn ich traurig bin(obwohl ich vermeide,das zu zeigen, gelingt es mir nicht immer). Dann war das Martinsfeuer im Dorf und wir gingen gemeinsam hin. Leider fiel Marcel mit der Hand in die Glut, und er sagte nichts. Ich trank mit den Erwachsenen Glühwein und redete mit ihnen, ich war ewig nicht draußen. Dann gingen wir nach Hause und Marcel schreit und weint aufeinmal,kaum hatte ich die Tür aufgeschlossen.Er zeigte mir die Hand und bestimmt zehn Brandblasen waren zu sehen. Ich fragte bestürzt, warum er mir denn nichts gesagt hätte, da meinte er, er wollte sich nicht blamieren.Was für ein Quatsch, sagte ich.Aber ich war nachdenklich. Diese Tapferkeit fand ich zu schmerzlich. Mein Mann ist ein netter Mann, wie ich sagte. So jemand wie ihn kann man sich nur wünschen. Er versucht, ein guter Vater zu sein, und er haßt es, wenn er anfängt, zu schreien.Mein älterer Sohn "hört" schlecht, und befolgt Anweisungen entweder trotzig, ungern oder eben gar nicht.Mein Mann ist der Mittlere von drei Söhnen.

Die Erziehung hat er sich durch Zuschauen selbst angeeignet, denn der erste Bruder und der jüngere hatten den meisten Ärger mit dem Vater, sodaß der Mittlere sich immer anpassen konnte und ruhig war. Übrigens: Der Vater meines Mannes ist ein Philosoph, er behauptet selbst von sich, er sei beruflich deformiert----und das geht natürlich auch ins private recht unter die Gürtellinie. Seine Mutter ist gestorben. Ich selbst bin wie gesagt, taub und recht autoritär erzogen worden.Einerseits versuche ich schon streng zu sein, ohne Disziplin geht manches nicht, andererseits sehe ich manches nicht so eng, wie es seinerzeit mein Vater getan hat.Mein Vater ist gestorben.Ich selbst bin die älteste von drei Geschwistern habe noch zwei Brüder.   Sehen Sie, es scheint so und es ist so: Ich habe große Sorgen: Ich möchte so gern, daß aus meinen Söhnen etwas Vernünftiges wird. Es liegt leider daran: Ich konnte noch die mittlere Reife schaffen, danach schaffte ich selbst nichts mehr(abgebrochene Lehre, vorher kaputte Beziehung,Psychotherapie). An mich hatten viele eine hohe Erwartungshaltung. Mein Mann hat als einziger von seinen Brüdern sein Studium abgebrochen, was sein Vater ihm heute noch vorwirft. Er arbeitet seit einigen Jahren in einer Firma. Ich möchte, das sie das alles auch allein schaffen eines Tages. Einerseits möchte ich meinen Kindern doch helfen, muß aber festelllen, das ich an Grenzen komme.Mein Mann meint, das Marcel therapeutische Hilfe braucht.Er hat abends neuerdings Angst einzuschlafen.

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich finde, Sie sind eine sehr gute Mutter, und Sie und Ihr Mann ein gutes Team für Ihre Kinder. Natürlich haben Sie es in der Familie mit einigen Erschwernissen zu tun: Ihre Taubheit, die Krankheit Ihres Mannes, die Hör- und Sprachentwicklungs-Probleme Ihres Jüngsten und die gewissen erzieherischen "Hypotheken", die Sie und Ihr Mann wohl aus der eigenen Herkunftsfamilie mitgebracht haben (autoritäre Erziehung und unerfüllte eigene Schul- bzw. Karrierewünsche; sowohl Sie als auch Ihr Mann waren ja "Abbrecher". Eltern, die tief drinnen befürchten, Sie wären schulisch selbst "Versager" gewesen, neigen manchmal dazu, die Schulkarriere ihrer Kinder überängstlich-verkrampft zu belasten. Wenn Ihr Jüngster sich selbst für dumm erklärt, rührt er unmerklich wahrscheinlich damit immer an ein unerledigtes seelisches Problem, das Sie und Ihr Mann noch mit Ihren eigenen "missratenen" Ausbildungsgeschichten haben).
Ihr Brief hat in mir ein Mitgefühl mit Ihnen ausgelöst: eine tüchtige, aber taube Mutter von zwei lebendigen Söhnen, die es wohl manchmal nicht leicht hat. Ihren Söhnen könnte es wie mir gehen. Sie fühlen sich vielleicht manchmal auch belastet durch die Vorstellung, dass sie Ihnen keine zusätzlichen Sorgen machen wollen, dies aber natürlich unmöglich ist. Dass Ihr Sohn Sie mit Stummfilmszenen zum Lachen bringt, finde ich sehr aufschlussreich. Es zeigt, was in Ihrer Familie wahrscheinlich zu oft fehlt: Fröhlichkeit, Unbeschwertheit, Lockerheit. Ihre Söhne wollen keine traurige, überbesorgte Mutter und keinen leidenden Vater. Zu Hause soll es fröhlich zugehen.
Ich rate Ihnen, gemeinsam mit Mann und Söhnen eine Familientherapie in einer Erziehungsberatungsstelle zu machen, um gemeinsam zu beraten, wie das Familienleben entspannter und fröhlicher gemacht werden kann und wie Sie als Eltern besonders dem Jüngsten wieder Selbstvertrauen und Erfolgserlebnisse vermitteln können. Sie und Ihr Mann gehen wahrscheinlich auch kaum mal aus und unter Leute. Sie scheinen stattdessen ganz auf die Söhne fixiert zu sein, und das ist nicht gut.

Ich wünsche schon mal alles Gute!
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt