Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich lernte meinen Freund (28) vor 3 Jahren kennen. Ich selbst bin 32 Jahre
und habe einen 8-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung. Wir haben uns
sehr schnell ineinander verliebt und sind nach ca. 1 Jahr zusammen gezogen.
Unsere Liebe war für uns beide sehr einzigartig, ehrlich und tief. Bereits
kurz nach unserem Zusammenziehen fingen jedoch die ersten Streitigkeiten an.
Mal ging es um Haushalt, mal um den Job (wir arbeiten freiberuflich
zusammen), mal um die Kindererziehung. Halt all die kleinen Alltagssorgen.
Grundsätzlich finde ich das auch nicht schlimm, wenn mal weiss, wie man mit
diesen Situationen umgeht. Mein Freund ist jedoch sehr harmoniebedürftig.
Bei jeder kleinen Meinungsverschiedenheit wollte er das Thema bis zum
bitteren Ende diskutieren, was in einer solchen Situation immer dazu geführt
hat, dass wir letztendlich viel grösseren Streit hatten, als es eigentlich
hätte geben müssen. Das hielt jedoch nie lange an. Meist haben wir uns vor
dem zu Bett gehen wieder vertragen. Einer hat dann halt immer nachgegeben
und seine Fehler eingesehen.

Das eigentliche Problem lag aber ganz anderswo. Mein Freund leidet seit 8
Jahren an chronischem Tinnitus. Dieser hat sich im Laufe der Zeit sehr
verschlimmert. Hinzugekommen sind weiter psychische Symthome, wie
Angstzustände, Depressionen, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, negative Gedanken
und Zukunftsängst. Schon früher hat mein Freund hieran zeitweilig gelitten
(bevor wir uns kennengelernt haben). Aus diesen Gründen war ihm Harmonie,
sehr viel Nähe und Zärtlichkeit auch immer sehr wichtig. Er war der Ansicht,
dass es ihm dann gesundheitlich besser geht. Das konnte ich zwar auch
nachvollziehen, aber aufgrund meiner eigenen Geschichte (die ich zur Zeit
zum ersten Mal sehr klar sehe) habe ich nicht die Möglichkeit gehabt, ihm
mehr zu geben, als ich getan habe. Obwohl ich gerne hätte. Aber irgendwie
hat sich das leider zu einer immer grösseren Spirale entwickelt. Er hat
immer mehr gefordert, und je mehr er gefordert hat, umso mehr habe ich mich
zurückgezogen bzw. ihn sogar zurückgewiesen. Das hat ihn sehr verletzt. Ich
habe versucht ihm zu erklären, dass ich als Kind und als Mensch so oft
enttäuscht wurde und soviele schlimme Dinge im Leben erfahren habe, dass ich
Zeit brauche, um ihm grundlegend zu vertrauen und mich so zu geben, wie ich
gerne würde. Nicht so kalt und abweisend, wie ich oft gewesen bin. Das alles
ist mir leider erst sehr spät bewusst geworden.

Tatsache ist auch, dass wir immer sehr viel gearbeitet haben und wenig Zeit
füreinander geblieben ist. Gleichzeitig habe ich ihm gegenüber oft
geäussert, dass ich mich überlastet fühle, Fulltime-Job, Kind, Haushalt,
Partner. Das war eigentlich die Reihenfolge, die ich gelebt habe und da
blieb meist nicht mehr viel für meinen Freund an Energie übrig. Das war
jedoch nicht nur bei mir so. Auch er ist sehr gestresst und angespannt,
arbeitet viel und hat wenig Zeit. Die Zeit, die er hat, wollte er jedoch in
vollen Zügen mit mir geniessen. Leider hat da oft die zeitliche Anpassung
nicht gestimmt. Das klingt verrückt, aber leider war das so.

Vor 1/2 Jahr hat mein Freund zum ersten Mal unsere Beziehung beendet, weil
er sagte, dass er so nicht weiterleben könne. Wir haben dann viel gesprochen
und uns entschlossen, dass ich für mich eine Therapie mache und an mir
arbeite, weil es mir selbst ein Bedürfnis war, mit mir selbst ins Reine zu
kommen. Leider habe ich nicht sofort einen festen Therapieplatz bekommen und
wurde zunächst auf Warteliste gestellt.
Im April hat sich die Lage dann weiter zugespitzt und mein Freund ist für 3
Tage ausgezogen. Nach diesen 3 Tagen ist er wieder gekommen und sagte, dass
wir zusammen kämpfen müssen, um unsere Beziehung, die uns beiden sehr viel
wert ist, zu erhalten. Er sagte, dass er so sehr verletzt wurde durch mein
oft abweisendes, kühle Verhalten ihm gegenüber, dass er einfach sieht, dass
er nicht mehr lange die Kraft hat, das durchzuhalten. Er sagte auch, dass er
meinen Sohn und mich über alles liebt und unbedingt einen Weg finden will,
wie wir zusammen aus dieser Krise wieder herauskommen. Wir haben uns dann
gemeinsam entschlossen, eine Paarberatung aufzusuchen. Zwei Wochen später
hatten wir unseren ersten Termin. Während dieser einen Stunde, hat mein
Freund fast ausschliesslich geweint (das tut er sehr schnell, da er sehr
sensibel und verletzlich ist). Beim zweiten Termin zwei Wochen später hatten
wir kurz vorher einen Streit gehabt (mal wieder wegen einer Nichtigkeit).
Während des Termins hat mein Freund wieder fast ausschliesslich geweint.
Gleichzeitig haben wir uns gegenseitig gesagt, was uns aneinander stört. Ich
habe gesagt, dass es mich stört, dass er mir keine Zeit gibt, von mir aus
das Bedürfnis nach Nähe zu entwickeln, weil er es immer wieder so stark
einfordert, dass mich das sehr unter Druck setzt. Er hat gesagt, dass ihm
seine Krankheit keine andere Wahl lasse auch wenn er gerne würde. Aber er
braucht Frieden, Ruhe und Harmonie, Geborgenheit, viel Wärme und Zuneigung.
Weiterhin sagte er, dass er sich sehr unter Druck gesetzt fühlt, weil ich
immer mehr von ihm verlange (Aufteilung Hausarbeit, Kindererziehung, etc.)
und nie zufrieden bin. Ich habe ihm erklärt, dass das daran liegt, dass ich
mich selbst völlig überfordert fühle, obwohl ich weiss, dass er alles
erdenkliche tut, um mir Arbeiten und Sorgen abzunehmen (hier bricht der Text leider ab).

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief (der nicht ganz vollständig gesendet wurde, aber wohl das Wichtigste aussagt).
Ich musste Ihren Brief mehrmals lesen, weil ich an einer ganz bestimmten Stelle immer dachte, ich hätte mich verlesen: Als Sie nämlich für sich eine Psychotherapie suchten. An dieser Stelle dachte ich, das kann doch nicht stimmen, sie hat sicher eine Therapie für ihren Partner gesucht, aber doch nicht für sich! Man bekommt nämlich den deutlichen Eindruck, dass nicht Sie, sondern Ihr Partner seelisch sehr labil und neurotisch zu sein scheint.
Ich habe wirklich den Eindruck, als benötige Ihr Partner eine Psychotherapie. Wenn ein erwachsener Mann dermaßen harmoniesüchtig und konfliktscheu wirkt, stimmt mit ihm etwas nicht. Ich glaube nicht, dass eine Paartherapie für Sie beide das Richtige ist, außer, Ihnen wird dabei noch klarer als bisher, dass Ihr Partner seelisch zu labil zu sein scheint. Vielleicht wird auch ihm dies in der Paartherapie selbst deutlich? Dann sollte er für sich allein eine Psychotherapie terminieren.
Und Sie selbst sollten sich nicht mehr so unter psychischen Druck setzen lassen. Ich glaube nicht, dass er Sie mit psychischem Druck ändern darf und kann. Vielleicht wiederholt er in der Beziehung zu Ihnen eine frühere innerfamiliäre Beziehungsstörung (zu seiner Mutter?), aber das sollte Sie nicht länger in Schuldgefühle verstricken. Sein Tinnitus kann auch seelische (Mit-)Ursachen haben.

Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt