Hallo Hans-Reinhard!

Ich bin 26 Jahre alt, männlich und brauche dringend Hilfe, mein Leben grundlegend umzukrempeln, da es in dieser Form keine Zukunft mehr hat. Zur besseren Beurteilung zunächst einmal eine ausführliche Zusammenfassung meines bisherigen Lebens:

Geboren wurde ich 1978, einen Monat zu früh als lang ersehntes, absolutes Kaiserschnitt-Wunschkind (bis heute Einzelkind) meiner Eltern. Kommentar des damaligen Arztes: "Als Frühgeburt wird er für alles länger brauchen und sich immer ein bißchen später entwickeln als andere." Vermutlich weil sie so lange erfolglos auf ein Kind gehofft hatten, wurde ich vom ersten Tag an von meinen Eltern, ganz besonders aber von meiner Mutter, praktisch mit Liebe überhäuft. Dies äußerte sich häufig derart, dass jede Unanehmlichkeit und Gefahr durch meine Mutter aus falsch verstandener Liebe von mir ferngehalten wurde. Während andere Kinder schon bald selbstständig mit dem Fahrrad zum nächsten Tante Emma-Laden fuhren, um sich Süßigkeiten oder ähnliches zu kaufen, brachte meine Mutter mir die Sachen meistens selber vom Einkaufen mit. Wie man es von einem kleinen Kind natürlich kaum anders erwarten könnte, habe ich sehr bald begonnen, diese für mich sehr bequeme Regelung natürlich auch irgendwie auszunutzen. Ein kurzes "Bringst Du mir was mit?", und meist war die Sache geregelt. So wurde ich immer ziemlich in Watte gepackt und ich kann mich kaum erinnern, als kleines Kind einmal allein weiter von zuhause entfernt gewesen zu sein (z.B. mit dem Fahrrad) als zum nächsten Nachbarhaus.

Dadurch wurde ich natürlich von Anfang an sehr stark auf meine Mutter geprägt. Vermutlich ist das auch mit ein Grund, dass ich schon im Kindergarten als sehr sensibler und etwas unsicherer Mensch nicht so viele Kontakte und wirkliche Freundschaften aufgebaut habe wie andere gleichaltrige Kinder. Obwohl ich sehr gerne in den Kindergarten gegangen bin, war ich eigentlich immer froh, wenn ich mittags wieder nach Hause kam. In dieser Zeit zeigten sich zum ersten Mal beginnende Ängste vor bestimmten Situationen. Stand beispielsweise einmal in der Woche "Turnen" auf dem Kindergartenplan, war ich schon morgens beim Frühstück so aufgeregt und ängstlich, dass ich oft keinen Bissen runterbekam. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich manchen Morgen unsicher fragte: "Mama, haben wir heute turnen?"

Auch später in der Grundschule änderte sich an dieser Entwicklung kaum etwas. Ich konnte nur schwer Kontakte zu anderen herstellen und die zwei oder drei wirklichen Freunde mussten dann fast immer zu uns kommen, anstatt ich zu ihnen, da ich sonst meine vertraute und gewohnte Umgebung hätte verlassen müssen. Ließ sich dies dann aber doch einmal nicht vermeiden, z.B. bei der Einladung zum Kindergeburtstag, war ich teilweise schon ein oder zwei Tage vorher sehr unruhig und sah gegen den Tag an. Das ging irgendwann soweit, dass ich mich einmal auf der Fahrt zum nächsten Kindergeburtstag noch im Auto übergeben musste, vor lauter Angst, später auf der Feier das Essen nicht zu mögen oder nicht ganz aufzubekommen. Dasselbe passierte beispielsweise auch später am Tag meiner Firmung, da ich Angst hatte, meinen Spruch zu vergessen oder in dieser unbekannten Situation irgendetwas falsch zu machen. Nicht selten hörte ich in dieser Zeit von meinen Eltern, eher beiläufig und nicht wirklich böse gemeint, den Satz: "Du bist ein ganz komisches Kind." 

In den folgenden Jahren blieb die Angst vor ungewohnten, unbekannten Situationen erhalten und verstärkte sich sogar weiter. Während meine Klassenkameraden auf dem Gymnasium sich schon auf die nächste Party, Klassenfahrt oder den Sportunterricht freuten, saß ich schon ein oder zwei Tage vorher mit Herzklopfen, Magenproblemen und Übelkeit da und grübelte über das kommende Ereignis herum. So lange der gewohnte, normale Unterricht stattfand, war alles in Ordnung. Sogar vor Arbeiten bzw. Klausuren war ich meist nicht so aufgeregt wie z.B. vor der Sportstunde und meine Noten ließen eigentlich kaum zu wünschen übrig (außer in Sport :-)). War die Schule schließlich vorbei, gings sofort nach Hause, wo ich mich immer hervorragend allein beschäftigen konnte. Langeweile kannte ich praktisch nicht, Aktivitäten mit Gleichaltrigen allerdings auch kaum.

Ungewöhnlich früh, schon im Alter von etwa zehn Jahren, setzte bei mir plötzlich eine recht schwere Form der Akne ein, die häufige und immer wiederkehrende, sehr deutliche Pickel im Gesicht zur Folge hatte, die oft die Größe von Furunkeln erreichten. Nachdem ich anderen gegenüber ohnehin schon ziemlich schüchtern und ängstlich war, verstärkte diese unangenehme und peinliche "Krankheit" meine Hemmungen nachfolgend noch mehr, so dass ich z.B. in der Schule hin und wieder schon den einen oder anderen unangenehmen Kommentar zu hören bekam und etwas in eine (eher unbeachtete als seltener gehänselte) Außenseiterposition geriet. Das ist natürlich auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich nach außen sehr verschließt und kaum Anschluss sucht. So war ich bald der, der beim Wählen der Fußballmannschaft im Sportunterricht von den Klassenkameraden als letzter, zähneknirschend akzeptierter Mitspieler aufgerufen wurde. Umso erlösender und befreiender, wenn ich nach Schulschluss wieder nach Hause konnte, wo ich von meinen Eltern so akzeptiert und geliebt wurde, wie ich wirklich war. Hier konnte ich alle Masken und Hemmungen ablegen und einfach nur ich selbst sein. Irgendwo auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause legte sich automatisch ein Schalter um und ich war ein vollkommen anderer, unbeschwerter Mensch, den meine Schulkollegen mit staunenden Augen und Ohren niemals wiedererkannt hätten. Dieses angenehme und akzeptierte Leben zuhause genoß ich natürlich sehr und während sich die Gleichaltrigen auf Parties und in Diskos trafen und erste Kontakte zum anderen Geschlecht aufbauten, sagte ich meist ab und beschäftigte mich zuhause als Naturfreak viel lieber mit Tierbeobachtungen oder Pflanzen.

Als ich mit 18 schließlich meinen Führerschein machte, geschah dies eher auf Nachdruck meiner Eltern als aus eigenem Interesse. Wo sollte ich denn schon groß hinfahren wollen? Einen großen Freundeskreis hatte ich nicht und sämtliche Einkäufe, Bankgeschäfte und ähnliche organisatorischen Sachen erledigten meine Eltern. So blieb das Lenkrad unseres Autos von mir meist unangetastet. Und wenn schließlich mal eine Fahrt (z.B. zum Arzt) anstand, fühlte ich mich mangels Erfahrung und Übung recht unsicher und war schon Stunden vorher sehr nervös. So kam es, dass ich sogar auf der 60km-Fahrt zu meiner Musterung nicht selbst hinterm Steuer saß, sondern nach längeren Überredungskünsten meiner Mutter von meinem Vater kutschiert wurde.

Nach dem Abitur, welches ich trotz vorheriger, großer Aufregung erstaunlich gut hinter mich brachte, absolvierte ich schließlich meinen 13monatigen Zivildienst in der Altenbetreuung eines örtlichen Pflegeheims, was mir unheimlich viel Spaß machte. Obwohl mir die Umstellung in den ersten drei oder vier Wochen ziemlich schwer gefallen ist, habe ich viele der alten Menschen sehr schnell lieb gewonnen. Als Betreuer war ich hauptsächlich für Einkäufe, Arztbesuche, Hilfe beim Essen usw. zuständig und trotz vieler Unsicherheiten machten mir die selbstständigen Aufgaben bald kaum noch etwas aus. Vor allem die große Dankbarkeit der Heimbewohner für jeden erfüllten Wunsch gab mir das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles und Wichtiges zu tun. Sogar einige weiter entfernte Arztfahrten mit dem Auto habe ich trotz großer Nervosität gemacht, obwohl ich die meisten davon doch an einen speziellen "Fahrdienst-Zivi" abgegeben habe.

Im Oktober 1999 folgte dann ein neuer Lebensabschnitt: Der Beginn eines Studiums in einer immerhin etwa 240 Kilometer entfernten Stadt. Für mich, der bis dahin in einem kleinen 2000 Seelen-Dorf gewohnt hatte, ein Riesenschritt. Nicht nur mir, sondern auch vor allem meiner Mutter fiel dieser Schritt doch recht schwer und beim Abschied in meiner fertig eingerichteten Studentenbude flossen bei ihr doch einige Tränchen, obwohl wir vereinbart hatten, dass ich zumindest in der ersten Zeit noch jedes Wochenende mit der Bahn nach Hause fahren würde. Trotz dieser Erleichterung waren besonders die ersten Monate, eigentlich aber die ganzen ersten drei bis vier Jahre sehr schwer für mich. Der Grund dafür war weniger die Lebensumstellung, da ich ja jedes Wochenende nach Hause fahren konnte (und auch heute noch fahre) und von dort Lebensmittel, Essen, Wäsche usw. mitnehmen konnte. Der wirkliche Horror war das Studium selbst (mathematisch-physikalische Richtung), mit dem ich von Anfang an vollkommen überlastet war, für das ich mich als echter Herzenswunsch aber ausschließlich selbst entschieden hatte! Eine unerträgliche Mischung aus Heimweh, hochkompliziertem und rasend schnellem Lernstoff, mit dem ich überhaupt nicht zurecht kam, und der großen persönlichen Lebensumstellung, brachte mich Tag für Tag zur völligen Verzweiflung, woran auch tägliche Telefongespräche mit den Eltern nichts ändern konnte. In der ganzen Zeit gab es nicht einen einzigen Tag, an dem ich nicht an Studiumsabbruch gedacht habe. Fast jede Nacht plagten mich fürchterliche Albträume, mathematische Formeln rasten mir nur so durch den Kopf und manches Mal wachte ich panikartig auf und irrte unruhig durchs Schlafzimmer. An ein geordnetes, konzentriertes Lernen war so natürlich nicht zu denken, so dass ich in den ersten ein bis zwei Semestern nur damit beschäftigt war, irgendwie mit der Situation zurechtzukommen und stur durchzuhalten. Ein Buch hatte ich fast nie in der Hand, so dass mir wichtige Grundlagen verloren gingen. So dauerte es etwa zwei Jahre, bis ich nach einigen Wiederholungen mit Biegen und Brechen meinen ersten Schein schaffte. Doch der Stoff wurde schwerer und die große Belastung ging weiter. Immer wieder fiel ich durch Prüfungen durch und mit jeder Wiederholung wuchs die Angst, es wieder nicht zu schaffen. Eine Angst, die ich garnicht kannte! Noch nie hatte ich in der Schule irgendwelche Lernprobleme gehabt. Während ich damals mit ergeizigem Lernen alles hatte erreichen können, funktionierte dies nun plötzlich nicht mehr. War ich in den ersten Studiumswochen noch unheimlich stolz darauf gewesen, nach dem Selbstbewusstsein stärkenden Zivildienst plötzlich viel einfacher und erfolgreich Kontakte mit Gleichaltrigen schließen zu können, sah ich diesen neuen Bekanntenkreis nun lernmäßig an mir vorbeiziehen oder auch abbrechen, so dass ich bald wieder relativ allein dastand.

Obwohl ich nach den ersten ein oder zwei bestandenen Prüfungen ein klein bißchen mehr Mut fasste, fehlten mir aus den ersten zwei bis drei "Horrorsemestern" in einigen Bereichen praktisch sämtliche Grundlagen, so dass es trotz guten Willens mit dem weiteren Stoff nicht richtig funktionierte. Ich nahm mir zum Lernen das Buch, verstand schon auf den ersten zwei Seiten kaum etwas und legte das ganze schließlich schon nach wenigen Minuten frustriert wieder an die Seite. Hatte ich dieselben Situationen damals in der Schule mit gnadenlosem, hartnäckigem Büffeln früher oder später immer geschafft, glaubte ich nun einfach nicht mehr richtig an mich und konnte nur zusehen, wie immer mehr Leute an mir vorbeizogen. Plötzlich stellte ich das gesamte Studium und alle bisherigen Lebenspläne in Frage. Es entstand eine Art Lernblockade. Schon beim Gedanken ans Lernen für die nächste Klausur bekam ich Herzklopfen und an konzentriertes Arbeiten war kaum noch zu denken. Ich sah nun auch nicht mehr nur die nächste Prüfung, sondern das ganze, lange Studium, von dem ich nach drei Jahren noch nicht einmal ein Drittel geschafft hatte. Allein drei Jahre lang kämpfte ich um einen einzigen, den schwierigsten Schein des Grundstudiums, bin immer wieder gescheitert und konnte schließlich das ganze Jahr wiederholen, da die Vorlesung nur im Wintersemester angeboten wird. Die Jahre verstrichen, meine Eltern bezahlten und bezahlten, meine ehemaligen Kollegen standen inzwischen vorm Diplom und ich trat endlos auf der Stelle, ohne wirklich weiter zu kommen. Immer wieder neue Ausreden bei Verwandten, warum ich noch immer nicht fertig war, immer mehr Zukunftsängste, immer mehr Selbstzweifel. War ich trotz vieler kleinerer Probleme früher ein wirklich fröhlicher Mensch gewesen, wurde ich nun zunehmend nachdenklicher, unglücklicher, grübelte viel herum und machte mir täglich Sorgen.

Im Frühjahr 2002 geschah dann etwas seltsames. Ganz plötzlich fiel mir eines Tages eine an sich völlig unbedeutende, für mich aber doch peinliche Situation aus meiner Kindheit wieder ein, an die ich mich noch recht gut erinnerte. Im Alter von etwa vier oder fünf Jahren hatte ich damals über ein oder zwei Tage eine Phase, in der mir plötzlich das Wort "Scheide" nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich kam damals erst wieder zur Ruhe, als mir meine Eltern ohne große Beunruhigung und recht locker (z.B. anhand von Fotos) erklärten, was das Wort bedeutete (weibliches Geschlechtsorgan). Obwohl dieselbe Erinnerung in all den vorangegangenen Jahren nie irgendetwas negatives in mir hervorgerufen hatte, ging mir diese Sache nun (2002) plötzlich aus völlig unerklärlichen Gründen nicht mehr aus dem Kopf. Über tagelange Grübeleien, was damals mit mir losgewesen war und ob ein solches Verhalten für einen Vier- oder Fünfjährigen nicht ziemlich unnormal ist, verstrickte ich mich so heftig in dieses Thema, dass ich es nicht mehr aus dem Kopf bekam und schon Angst bekam, psychisch krank zu sein. Schließlich wurde die Belastung durch Nervosität, Herzrasen und Niedergeschlagenheit so groß, dass ich mir nach ein oder zwei Wochen allen Mut zusammen nahm und meine Mutter auf diese peinliche Geschichte ansprach. Erst etwas erstaunt über diese Frage, erzählte sie mir völlig locker und offen, dass das für sie (meine Eltern) damals völlig normal gewesen sei und sie sich darüber überhaupt keine großen Gedanken gemacht hätten. Ich hätte das damals sicherlich nur irgendwo aufgeschnappt. Ich war erleichtert und nur wenige Stunden später ging´s mir wieder gut. Zwar fiel mir das Thema auch danach immer mal wieder ein, doch wunderte ich mich dann kopfschüttelnd jedes Mal nur kurz, warum ich mir  über so unbedeutende Lächerlichkeiten so viele Gedanken gemacht hatte.

Es folgten eineinhalb weitere schwere Jahre an der Uni, in denen ich noch immer nicht wirklich vorankam. Erhebliche Selbstzweifel, Zunkunftsängste und ein kaum noch vorhandenes Selbstbewusstsein knabberten von morgens bis abends an mir herum, wirkliche Erfolgserlebnisse (egal in welchen Bereichen: Studium, Freunde, Freundin usw.) blieben aus. Nur der alljährliche Sommerurlaub mit meinen Eltern in den Bergen ließ mich alles für ein paar Wochen etwas verdrängen. Doch im Oktober begann das nächste Unijahr (das fünfte), in dem ich zum dritten Mal zum letzten und wichtigsten Grundstudiumsschein ansetzte, obwohl fast jede Motivation und jedes bißchen Mut allmählich dahin war. Die erste Semesterwoche war gerade vorbei, als mich ganz plötzlich von einer Stunde auf die nächste die längst überwunden geglaubte Kindheitserinnerung wieder packte. Was mir noch einen Tag zuvor höchstens ein müdes Lächeln hervorgerufen hatte, stürzte mich nun wieder in endloses, lähmendes Gegrübel, noch schlimmer als im Frühjahr 2002. Aus Angst vor der Peinlichkeit, meine Mutter erneut darauf anzusprechen, behielt ich alles für mich und fiel nachfolgend in eine depressive Phase, in der ich zu nichts mehr Lust hatte, nicht mehr richtig lachen konnte und nach drei oder vier Wochen schließlich sogar körperliche Probleme wie Herzrasen, Schwäche, Kopfdruck, Hitzewallungen und Magenprobleme bekam. Unter diesem Druck brach ich schließlich doch wieder mein Schweigen, sprach nochmals mit meiner Mutter darüber und bald danach war wieder Ruhe.

Bis heute gab es noch fünf weitere solcher Phasen. Eine (nur kurze) davon direkt im Urlaub (August 2003), die nächste direkt im Anschluss an eine weitere gescheiterte Klausur am Semesterende, kurz vor der Fahrt in den nächsten anschließenden Urlaub (April 2004). Phase drei begann ebenfalls am Semesterende nach einer dieses Mal bestandenen, mündlichen Prüfung (August 2004). Depressive Phase Nummer vier folgte im Dezember 2004 und die letzte habe ich gerade hinter mir. Drei der fünf "Attacken" klangen erstaunlicherweise dieses Mal ganz von selbst wieder ab, ohne dass ich jemandem davon erzählen musste. Zwei davon schon nach drei oder vier Tagen am Beginn oder mitten im Urlaub. Eine hielt sich wieder zwei oder drei Wochen und war am Heiligabend plötzlich vorbei. Am interessantesten der Verlauf der letzten "Attacke": Im Februar diesen Jahres geschah plötzlich das große Wunder und nach drei erfolglosen Jahren schaffte ich nach sehr ernsten Abbruch-Überlegungen endlich mit allerletzten Kräften den besagten, schwierigen letzten Grundstudiumsschein. Doch anstatt nach diesem unheimlich wichtigen Schritt nun endlich nach all den verzweifelten Jahren in einen wirklich angebrachten, erlösenden Freudentaumel auszubrechen, konnte ich mich nur kurz freuen und versank nur wenige Stunden nach der Ergebnisverkündung wieder in die nächste "Depressions-Phase" mit den altbekannten Grübeleien, emotionaler Lähmung, Lustlosigkeit und körperlichen Symptomen (u.a. auch leichte Helligkeitsempfindlichkeit der Augen). Dieses Mal hielt das ganze sehr lange an und ebbte erst Anfang April innerhalb von zwei Tagen wieder ab (schon wieder im Urlaub!). Das Verrückte: In genau demselben Zeitraum war es mir vor einem Jahr wesentlich besser gegangen, und das nach derselben, damals nicht bestandenen (!) Klausur. Es schien so, als würde mich nun nach dieser Erlösung die ganze Belastung der vorangegangenen Jahre wieder einholen. Als ich nach dem Urlaub dann nun im April ins nächste, Vordiplom vorbereitende Semester startete und am ersten Wochenende wie immer nach Hause fuhr, packte mich das ganze schon wieder und erst nach einem weiteren Gespräch mit meiner Mutter, die meine diesbezüglichen Sorgen nun doch allmählich wirklich lächerlich findet (weil sie tatsächlich auch lächerlich sind!), kam ich vorgestern wieder in die Normalität zurück.

Nach einer ausführlichen Beschreibung meines Lebens und meiner Probleme, bin ich damit nun in der Gegenwart angekommen.

Besonders in den letzten Tagen, eigentlich aber schon über die ganzen letzten Jahre, ist mir allmählich bewusst geworden, dass ich nach nunmehr 26 Jahren, in denen ich viel wertvolle Lebenszeit verschwendet habe, mein Leben und meine Einstellung zu mir selbst grundlegend ändern muss. Durch meine Ängste, Sorgen und Selbstzweifel halte ich mich selbst, ohne wirkliche Ursachen von außen, ständig und überall selbst gefangen, stehe mir und einem lebenswerten, glücklichen Leben permanent im Wege und habe dadurch das Gefühl, dauernd mit angezogener Handbremse, Ohrenstöpseln und Scheuklappen über die Straße des Lebens zu fahren. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich ständig depressiv durch die Gegend laufe. Grundsätzlich bin ich ein unheimlich lebensfroher Mensch mit vielen Träumen und Plänen, aber auch ebenso vielen inneren Blockaden. Dabei weiß ich eigentlich ganz genau, wo die Ursachen dafür liegen. Einerseits ist es meine völlig überzogene Angst und maßlose Aufregung vor fast immer vollkommen harmlosen Situationen, und wenn´s nur die Einkaufsfahrt ins Dorf ist, die schon Stunden vorher mein Herz in die Höhe jagt. Andererseits ist es ein häufig krankhaft schwaches Selbstvertrauen, welches mich oftmals stark blockiert und schon durch einen schiefen Blick meines Gegenübers hoffnungslos ins Kippen geraten kann. Diese zwei Stachel, die ich einfach nicht loswerde, behindern so stark jedes Verhalten in der Öffentlichkeit, dass diese dadurch ein vollkommen falsches Bild von mir bekommt, meist eher zurückhaltend oder irritiert auf mich reagiert und damit natürlich auch wieder negativ auf mich zurückstrahlt. Dabei gibt es immer wieder kurze, lichte Momente, in denen ich mich plötzlich wesentlich stärker fühle, alle Zweifel fallen lasse und aus unerklärlichen Gründen ganz anders auf Menschen zugehen kann. Ich merke dann förmlich wie überrascht diese plötzlich von mir sind, mich garnicht wiedererkennen und viel positiver auf mich eingehen. Es ist so, als wenn zwei vollkommen verschiedene Personen in mir vereint sind, zwischen denen ich, begleitet von heftigen Stimmungsschwankungen immer wieder hin- und herkippe, die eine ist schwach, die andere plötzlich stark. Ich weiß absolut nicht, was diese gravierenden Stimmungsschwankungen, die teils innnerhalb weniger Minuten passieren können, auslöst. Vielleicht sind sogar organische Ursachen wie z.B. eine fehlerhafte Schilddrüsenfunktion dafür verantwortlich, da ich auch häufig unter sehr schnellen und deutlichen Schwankungen der Herzfrequenz, sowie leichter Schwäche oder schnellem Schwitzen bei körperlichen Belastungen leide. Leider treten die oben beschriebenen starken (bzw. für einen gesunden Menschen wahrscheinlich "normalen") Phasen, an denen ich vor Lebensfreude und Selbstbewusstsein nur so durch die Gegend wirbel eher selten und dann auch nur sehr kurz auf (meist 1-2 Tage), bevor ich wieder schnell in die nächste längere schwache Phase zurückfalle. Trotz unzähliger Versuche, schaffe ich es einfach nicht, mich auf einem stabilen, starken Niveau zu halten. Dafür bin ich psychisch anscheinend viel zu labil und es fehlt mir die sprichwörtliche "dicke Haut", die mich zusammen mit einem festen Glauben an mich selbst gegen negative Einflüsse von außen abschirmt.

Ich weiß eigentlich ziemlich genau, wo meine Schwächen und Probleme liegen, aber ich schaffe es anscheinend aus eigener Kraft nicht, mein Leben geordnet umzubauen und diese lähmenden Hindernisse zu überwinden.

Bitte entschuldigen Sie vielmals, dass mein Schreiben am Ende so extrem lang geworden ist, aber letztendlich können Sie meine Probleme natürlich nur verstehen, wenn Sie verstanden haben, wie sie enstanden sind. Daher fand ich es sehr wichtig, dass Sie einen groben Überblick über mein bisheriges Leben bekommen. Ich muss sagen, dass allein schon dieser Text und das Gefühl, endlich einmal etwas zu unternehmen, mir ein bißchen mehr Mut gemacht hat.

Ich hoffe sehr, dass Sie mir vielleicht helfen können, endlich einmal ein gedanklich freier, fest an sich glaubender und starker Mensch zu werden. Das allein ist mein größter Wunsch und ich weiß genau: Ich muss mein Leben ändern!

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Sehr geehrter Herr Schmidt,

die obige, sehr ausführliche Beschreibung meines bisherigen Lebens bzw. meiner Probleme habe ich Ihnen, verbunden mit großen Hoffnungen bereits am 18. Mai zugeschickt, leider versehentlich über die Seite Ihrer Kinder- und Jugendberatung, die dafür nicht vorgesehen ist. Hierfür möchte ich mich zunächst einmal bei Ihnen entschuldigen. Da ich jedoch dringend fachmännischen Rat benötige, versuche ich es hiermit nochmals auf diesem Wege. Falls die Länge des Textes bei der Veröffentlichung auf der Seite Probleme bereiten sollte, bitte ich ebenfalls um Entschuldigung. Ich hielt eine detailierte Auflistung meiner Lebensgeschichte in diesem Fall für eine bessere Beurteilung Ihrerseits aber für unbedingt notwendig!

Zwar hat sich an meiner Situation in den vergangenen Wochen einiges verändert, generell besser geworden ist sie allerdings nicht. Auch der Versuch, meine Stimmungsschwankungen und depressiven Phasen mit pflanzlichen Präparaten (Johanniskraut) zu verbessern, war nicht wirklich erfolgreich. Fast jeden Tag plage ich mich mit Antriebslosigkeit und Schwäche einerseits, mit gleichzeitiger, teils heftiger innerer Unruhe, Herzklopfen und einem ständigen Gedankenchaos sowie Sorgen und Ängsten andererseits herum. Hinzu kommen weitere körperliche Erscheinungen wie Kopfschmerzen (bisher bei mir kaum ein Problem), die sich bis in den Nacken hineinziehen, leichte Helligkeitsempfindlichkeit der Augen, ein schwächerer Kreislauf, zeitweilige Magenprobleme und ein "dumpfes", gedanklich lähmendes Gefühl im Kopf, das an eine beginnende Erkältung erinnert. Außerdem bekomme ich zeitweise kurze Schwindelattacken, die ebenfalls an Kreislaufschwäche erinnern. Am deutlichsten ausgeprägt ist dies vor allem am Morgen und es braucht einiges an Überwindung aufzustehen, während die Symptome am späten Abend und nachts dann manchmal nachlassen. Außerdem weisen die Symptome (vor allem die innere Unruhe) ein leicht "schubartiges" Verhalten auf, mit heftigeren und dann wieder abgeschwächteren Phasen, zwischen denen teils nur einige Minuten liegen. Während ich früher meist um 7 oder 8 Uhr gut gelaunt aus dem Bett gehüpft bin, komme ich nun (sofern es der Tagesplan erlaubt) oft erst um 10 oder 11 Uhr in die Gänge. Aus völlig unerklärlichen Gründen gibt es dann aber einzelne Tage (meist ein oder zwei pro Woche), wo das alles praktisch wie weggeblasen ist. Ich bin absolut gut drauf, für einige Stunden oft sogar förmlich übermütig, sämtliche Grübeleien, Sorgen und Ängste vom Vortag erscheinen mir plötzlich vollkommen lachhaft und nichts und niemand könnte mich aus der Bahn werfen. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Schreiben immer wieder aufgeschoben habe. Doch schon am nächsten Tag kann ein einziger Satz oder auch nur schiefer Blick eines anderen mich wieder in Selbstzweifel stürzen. Ich habe dabei jedes Mal das Gefühl zwischen einer starken, erwachsenen und selbstbewussten Person einerseits und einem unselbstständigen, nicht weiterkommenden, kindlicheren Menschen andererseits hin und her zu kippen. Dabei scheinen die Übergänge so labil zu sein, dass schon verschiedene Kleidungsstücke, die mir mehr oder weniger gefallen, über mein Selbstvertrauen an dem Tag entscheiden können. Erstaunlich gut oder sogar vollkommen normal geht es mir meist, wenn ich die Woche über allein in meiner Unistadt wohne. Sobald ich aber am Wochenende oder in den Semesterferien, beides verbringe ich immer zuhause, zu meinen Eltern fahre, verstärken sich die Symptome erheblich und lassen meist erst wieder nach der Rückfahrt nach. Vermutlich weil ich dann mit einiger Anstrengung bemüht bin, das Bild meines normalerweise immer äußerst fröhlichen Charakters bei meinen Eltern aufrecht zu erhalten, obwohl ich diesen zumindest ansatzweise von meinen Schwierigkeiten erzählt habe. Ich möchte ihnen außerdem auch nicht noch mehr Probleme zumuten, als sie im täglichen Leben ohnehin schon haben (pflegebedürftige Großeltern usw.). Auch jetzt, wo ich nach Beginn der Semesterferien seit ein paar Tagen zuhause bin, quäle ich mich von morgens bis abends unter ziemlichen Belastungen wieder besonders mit den oben genannten Erscheinungen herum. Ich merke förmlich, dass das irgendwie mit meinen Eltern zusammenhängen muss, bei denen ich mich jetzt ja durchgehend aufhalte.

Ich bin immer schon ein Mensch gewesen, der alles peinlich genau und viel zu ernst nimmt. Passiert mir irgendwo ein an sich völlig harmloser Fehler, so beschäftigt mich das viel zu sehr und viel zu lange und beim nächsten Mal gehe ich schon ein wenig unsicherer in dieselbe Situation. Ich mache mir viele Sorgen über die Zukunft und wie ich selbstständig in meinem Leben klarkommen soll. Jedenfalls ist das meistens so. Dann gibt es aber auch immer wieder die oben schon beschriebenen Phasen, in denen mich das alles fast völlig kalt lässt. An solchen Tagen prallt praktisch jeder negative Einfluss von mir ab, ich bin fest von mir überzeugt, glaube an meine (reichlich vorhandenen!) Fähigkeiten, die leicht und locker von der Hand gehen, und würde mir nahezu alles zutrauen. Ich bekomme einfach keine Ruhe, Ordnung und Stabilität in mein Leben. Entschlüsse und Pläne, die ich mir jetzt vornehme, können in einer Stunde schon wieder gestorben sein. Ich freue mich darauf, einige Sachen machen zu können, fange damit an und habe schon wenige Minuten später plötzlich keine Motivation mehr. Das Schlimmste aber: Ich weiß absolut sicher, dass ich zu Sachen fähig wäre, die niemand und auch ich selbst nicht von mir erwarten würde, dass ich seit über zwanzig Jahren permanent an mir selbst (und nicht anderen) scheitere und mich ständig selbst blockiere. Seit vielen vielen Jahren habe ich das ganz starke Gefühl, im unruhigen Zickzack-Kurs mit angezogener, inzwischen schon glühender Handbremse durch´s Leben zu fahren und nicht einmal 50 Prozent von der Energie einsetzen zu können, von der ich absolut sicher weiß, dass ich sie in mir habe! Dadurch fehlt mir aber auch die Kraft, aus der Situation herauszukommen. Ein Teufelskreis, der mich wie angekettet festhält.

Ich merke ganz deutlich, wie ich von Jahr zu Jahr mit meinem unselbstständigen, relativ einsamen Leben immer mehr Probleme bekomme und insgesamt zunehmend unglücklicher werde. Ich weiß, dass ich da sehr sehr vieles (praktisch alles) drastisch ändern müsste. Doch ich bin mittlerweile so "gelähmt", dass ich die Kraft dafür im Moment kaum aufbringe bzw. überhaupt nicht mehr durchblicke, wo man da wie anfangen muss. Auch beim Studium und anderen Sachen komme ich nur noch schleppend vorwärts, da ich praktisch permanent mit mir selbst kämpfen muss. Sogar zu so einfachen Sachen wie dem Aufräumen meines Zimmers kann ich mich kaum noch aufraffen.

Ich habe nur einen einzigen Wunsch: Das mir möglichst schnell jemand hilft, ein normaler, selbstbewusster, selbstständiger, psychisch stabiler und glücklicher Mensch ohne unbegründete Ängste und Sorgen zu werden! Dieses jetzige Leben (wenn es überhaupt noch eines ist) hat keine Zukunft mehr!

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich will es ganz kurz machen: Ich glaube, Sie leiden an einer neurotischen Persönlichkeitsproblematik. Dabei kann Ihnen sehr gut mit einer Psychotherapie geholfen werden. Deshalb rate ich Ihnen zu einer psychoanalytischen oder tiefenpsychologischen Psychotherapie. Suchen Sie einen solchen Psychotherapeuten in Ihrer Umgebung auf und erfragen Sie eine solche Behandlung, die dann Ihre Krankenkasse finanzieren wird.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt