Guten Tag,
Ich brauche dringend einen Rat. Es geht um meine 7 Jährige Tochter , sie geht in eine Betreute Grundschule.
Ich bin berufstätig 43 Jahre und arbeite 9 Nächte im Monat -
Kurz zur Situation. Als sie 2,5 war, habe ich mich von meinem Mann getrennt, der anfangs die kleine regelmäßig abholte, doch leider nur ein halbes Jahr, dann unregelmäßig und seit Ihrem 4.ten Geb. nicht mehr. Da sagte er ihr ich komme nächstes Wochenende wieder und war nie mehr gesehen ???
Kein Anruf nichts, die kleine war damit total überfordert und auch ich habe es nicht verstanden....ich habe ihm niemals die Besuche verboten sondern immer gesagt du kannst kommen so oft Du willst!!!
Dann fing alles an. Sie bekam Essstörungen, d.h. Sie konnte im Kindergarten nichts essen, weinte nur oder hat sich am Essenstisch im KITA übergeben.
Es war furchtbar, wurde jähzornig und hatte schlimme träume , schrie wenn man sie dann anfasste noch mehr und wenn sie dann wach war, war sie schweiss gebadet aber konnte sich an nichts erinnern.
Ich suchte dann Rat bei einem Kinderpsychologen, der mir dann als wir 3 Monate auf den Termin gewartet hatten und ich meine Tochter schon einigermaßen hin bekommen habe, sagte Sie kommen wunderbar mit ihr zurecht, dann war Sie 2 mal dort damit er sie beim Spiel beobachtet hat und als “” geheilt “” entlassen hat.?!?
Nun durch mich ging es ihr auch wieder besser, aber das ganze kam immer wieder.
Als wir umgezogen sind, fing alles wieder von vorne an, neuer KITA neue Umgebung und wieder Essstörungen.....da war es dann ganz schlimm.
Nächster Termin wieder 3 Mon. Warten in einer Kinderpsychologischen Klinik, dort erhielt sie dann 1 mal die Woche eine Spieltherapie wo sie auch gern hin ging, Alter zu dieser Zeit fast 5 Jahre. Ich glaube das ganze ging so 5 Mon. Therapie dann war sie wieder fit.
Dann mit dem 6.ten Geb. wieder Umzug und wieder das gleiche, diesmal habe ich selbst das ganze behoben, nun ist sie 7 Jahre im April geworden, aber zeitweilig taucht dieses Symptom immer wieder auf.
Das letzte mal gestern.
Ich habe seit dem 3.ten Lebensjahr einen neuen Partner, den sie super lieb hat und sogar aus freien Stücken – mein neuer Papa – nennt. Ich weiß dass das ganze mit der Trennung zusammen hängt und sie ihren richtigen Papa vermisst, sie sagt es ja mittlerweile selber, ich rede auch mit ihr darüber.
Gestern meinte sie, sie wolle ihn mal anrufen, auf der anderen Seite sagt sie dann belügt er mich wieder.....und weint ziemlich heftig, dann fragte ich sie ob sie vielleicht glaubt das ich ihrem Papa verboten habe zu kommen????
Dieses bejahte sie.....ich erklärte ihr das ich ihr schwöre so was nie gesagt zu haben und meinte dann zu ihr, wenn er nicht kommt, dann ist das so weil er das nicht will. Ich habe noch eine Tochter von 23 Jahren und ich sagte zu der Kleinen, sie solle sie  morgen anrufen und fragen ob das stimmt, die weiß es auch!!!
Leider ist es so, er ist verlogen und hat das während der Ehe mit mir auch gemacht.
So ganz weiß ich nicht was ich machen soll, sie tut mir unsagbar leid, ich denke wenn ich das zulasse und sie ihn anruft, womöglich kommt er auch 2-8 mal und dann glänzt er wieder mit Abwesenheit , ich denke das wäre noch schlimmer......
Noch zur Info, ich werde wieder heiraten und mein Nesthäckchen freut sich sehr darüber, sie will es sogar , ich denke sie braucht dieses Gefühl eine “ Familie “ zu sein, möchte sogar das ihr neuer Papa sie adoptiert....

Wir haben ihr erklärt was das heißt und für sie ist es ok. Ihr leiblicher Vater hat dem schon über den Anwalt zustimmen lassen.
Ich weiß nicht genau was ich von dem allen halten soll, manchmal denke ich sie macht das absichtlich...??
Ich brauche Ihren Rat ganz dringend, mein Latein ist am Ende. Ich denke sie muss noch mal in Therapie, aber keine Spieltherapie...
Ich wohne in O, vielleicht können Sie mir jemanden empfehlen wo ich kompetente Hilfe erhalten kann.

Ich wäre überaus dankbar für eine Antwort.
Gruß Birgit

Hallo,

vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube nicht, dass Ihre Tochter Therapie braucht. Eher die Erwachsenen. Ihre Tochter leidet erheblich unter der nachhaltig gestörten Beziehung ihrer Eltern. Das ist ihr reales Problem, und das bekommt man ja nicht durch eine Kindertherapie weg. Ihr Exmann ist wahrscheinlich nachhaltig gekränkt, weil Sie ihn verlassen haben. Leider kann er wahrscheinlich dabei nicht trennen zwischen dem Beziehungsproblem der Erwachsenen und seiner Rolle als Vater bei seiner kleinen Tochter. Dabei müssten Sie ihm intensiv helfen, aber das haben Sie wahrscheinlich auch nie versucht, jedenfalls schreiben Sie darüber kein Wort. Sie scheinen als Eltern wohl nur noch anwaltlich miteinander zu verkehren, statt dass die seelischen Probleme Ihrer Tochter Anlass wäre, sich verantwortungsbewusst an einen Tisch zu setzen und gemeinsam nach Lösungen für das Kind zu suchen.

Die Verhaltensschwierigkeiten von Scheidungskindern haben meist eine recht einfache Erklärung: Die Kinder brauchen Einvernehmen zwischen Vater und Mutter, auch wenn diese geschieden sind. Eltern bleiben Eltern, auch bei Trennung und Scheidung. Sie leiden unter einem chronischen Zerwürfnis zwischen Vater und Mutter. Wahrscheinlich verübelt Ihnen Ihre Tochter (genauso wie ihr Vater), dass Sie sich getrennt haben und damit aus der Sicht des Kindes alles Unheil ausgelöst haben.

Ich rate Ihnen, Ihrem Exmann von den seelischen Problemen der Tochter zu berichten und ihn zu einer gemeinsamen Trennungs- und Scheidungsberatung in einer Erziehungsberatungsstelle einzuladen. Appellieren Sie an Ihre gemeinsame Verantwortung als Eltern Ihrer gemeinsamen Tochter. Sie sollten sich nun endlich zusammensetzen und gemeinsam beraten, wie Sie der Tochter helfen können. Regelmäßiger und liebevoller Kontakt zwischen Vater und Tochter muss von beiden Elternteilen intensiv gefördert und gepflegt werden. Eine Adoption durch Ihren Partner sollte unbedingt unterbleiben. Das würde für das Kind nur festschreiben, dass der "echte" Papa sie nicht liebt, woran ich noch lange nicht glaube. Und Ihre Tochter erst recht nicht. Dass Sie auf diese abwegige Adoptionsidee überhaupt kommen, scheint mir zu bestätigen, dass Sie bisher nicht genügend unternommen haben, den Vater für das Kind wieder zu gewinnen. Das ist nämlich die "Therapie", die Ihre Tochter braucht. Sind Sie vielleicht sogar froh, wenn er ganz aus dem Leben des Kindes verschwinden würde?

Fragen sich Ihre Tochter und ich.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt