| Sehrgeehrter Herr Schmidt Durch Zufall bin ich auf ihre Seite gestossen und hoffe , sie können uns helfen . Seit etwa einem halben Jahr hat unsere jüngste Tochter ( 10 Jahre , die ältere ist 13) Angst uns durch einen Unfall oder durch Krankheit zu verlieren . Anfans war es so, das sie sehr beunruhigt war sobald mein Mann oder ich das Haus verliessen . Es könnte uns ja was passieren . Erst wenn wir wieder zu Hause waren , war sie beruhigt . Dazu muss ich sagen , daß wir die Kinder nie alleine lassen , sondern einer von uns bei ihnen ist oder aber die Tante oder die Oma . Sie macht sich ständig Sorgen um uns , selbst wenn ich nur Einkaufen fahre oder mein Mann Joggen geht . Sie will dann immer wissen wann wir wieder da sind , wann wir zurück kommen wohin wir gehen und ob es denn wiirklich sein muss , das wir weg müssen oder wollen . Für denjenigen der zu Hause bei ihr bleibt ist es eine regelrechte Tortour sie dann zu beruhigen bis der andere wieder da ist . Manchmal wird sie richtig hüsterisch . Dann verlangt sie , Papa oder Mama über Handy anzurufen was aber nicht immer möglich ist ( beim Joggen ) .Dann will sie wissen wann man kommt und wo man denn bleibt . Sie läuft dann hüsterisch durch die Wohnung von einem Zimmer zum anderen und von einem Fenster zum anderen . Sie weint dann und verlangt loszufahren und den anderen zu suchen . Erst wenn der andere wieder zu Hause ist beruhigt sie sich . Alle leiden wir darunter sie selber auch . Sie kann sich das Ganze selber nicht erklären . Bei Nachfrage warum sie so reagiert , ob vielleicht in der Schule über den Tod gesprochen wurde oder ob sie im Fernsehen etwas gesehen hat das sie beunruhigt verneint sie . Neuerdings sagt sie uns sogar das sie unter Angstgefühlen leidet und hat Probleme einzuschlafen , Beziehungsweise sie wird öfter wach und schaut nach ob wir auch im Bett sind und noch atmen , also noch leben . Danach läuft sie ruhelos durch die Zimmer und keiner kann richtig schlafen . Bis sie in unserem Bett liegt oder sich einer von uns zu ihr legt . Dann dauert es aber immer noch lange bis sie wieder einschläft . Morgens sind alle total gerädert . Nur unsere Grosse bleibt einigermassen verschont Das Ganze bezieht sich hauptsächlich auf meinen Mann und mich . Mitlerweile mag sie noch nichteinmal mehr mit anderen Kindern spielen , geschweige denn bei ihnen übernachten . Dies hat sie früher sehr gerne gemacht und war immer ein fröhliches Mädchen . Die einzige Erklärung die ich hätte , was das ganze ausgelöst haben könnte wäre der Tod der Mutter ihrer besten Freundin der allerdings schon zwei Jahre zurück liegt . Die Mutter ihrer Freundin ist an einem Hirntumor nach langer Krankheit gestorben . Doch unsere Tochter hat danach nie sonderlich viele Fragen darüber gestellt , selbst Wenn wir das Thema ansprachen hatten wir das Gefühl sie interessiere es nicht sonderlich . Auch ihre Freundin scheint den Tod ihrer Mutter ganz gut verarbeitet zu haben . Mit ihrer Freundin hat sie nie darüber gesprochen . Halten sie es für möglich , das sich das Ganze erst nach zwei Jahren auswirkt ? ich hoffe daß sie mir und meinem Mann eine Antwort auf das Ganze geben können . Vielen Dank im Voraus . |
Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ihre Tochter leidet an einer
neurotischen Krise, die sich um Todesangst und Todeswünsche zu
drehen scheint. Sehr vereinfacht gesagt könnte der unbewusste
Hintergrund der Ängste Ihrer Tochter in Todeswünschen gegenüber
Ihnen, den Eltern, wurzeln. Vielleicht war der Tod der Mutter der
Freundin unmerklicher Anlass, sich den Tod der eigenen Mutter
oder des eigenen Vaters zu wünschen. Menschen wünschen anderen
Menschen nicht selten Schlechtes, Unglück und Verderben, weil
sie sich von ihnen stark vernachlässigt oder zutiefst gedemütigt
fühlen. Erwachsene gehen mit solchen Wünschen nicht selten ganz
offen um, was es ihnen leichter macht, den Wunsch nicht in die
Tat umzusetzen. Ein Bekannter sagte z.B. kürzlich zu seiner Frau
über seinen Bruder, der ihn ums väterliche Erbe bringen wollte:
"Am besten, er verreckt, das Schwein!" Kinder können
auch solche Wünsche gegen Familienangehörige haben, können
damit aber nicht offen umgehen, sondern müssen versuchen, sie zu
verdrängen. Der unvollständig verdrängte Wunsch kommt dann
aber sozusagen in anderer Gestalt wieder ins Bewusstsein: Aus dem
Todeswunsch wird heftige Angst vor Tod und Unglück.
Dies erzähle ich Ihnen aber nur, damit sie eine Vorstellung davon haben, wie die innere Psychodynamik der Ängste Ihrer Tochter zu verstehen sein könnte. Dahinter stecken vielleicht ganz normale Aggressionswünsche Ihrer Tochter Ihnen gegenüber, die nur raffiniert verkleidet zum Ausdruck kommen. Auf keinen Fall sollen Sie aber darüber so mit Ihrer Tochter sprechen, weil sie das natürlich überhaupt nicht verstehen würde. Es spielt sich ja unbewusst in ihr ab, so dass sie auf der Bewusstseinsebene dazu direkt nichts sagen könnte.
Ich empfehle Ihnen den Besuch Ihrer Erziehungsberatungsstelle, die sicher auch eine kindertherapeutische Behandlungsmöglichkeit bereithält. Aber inzwischen sollten Sie nicht so überängstlich auf die Ängste der Tochter eingehen. Behandeln Sie die Ängste stattdessen wie eine lästige Unart, für die man die Tochter auch mal tadeln oder schimpfen darf. Geben Sie den Ängsten der Tochter also nicht zuviel Raum, setzen Sie Ihr stattdessen auch mal Grenzen, indem Sie freundlich, aber bestimmt verlangen, dass sie sich beruhigt, nicht so albern aufführt und nicht mehr wie ein Baby im Elternbett schläft. Bleiben Sie dabei hart. Denn wenn Sie zu sehr auf die Ängste eingehen, bestätigen und verstärken Sie sie ungewollt nur noch. Nur wenn Sie unberührt und realistisch bleiben und die Tochter immer wieder liebevoll, aber sehr konsequent mit ihren Ängsten auch mal allein lassen, wird sie sich beruhigen, weil Sie dann angstfreie und starke Eltern sind, die auch mal eine Aggression aushalten können, ohne gleich tot umzufallen. Das scheinbar Paradoxe könnte nämlich darin bestehen, dass sich die Schuldgefühle, die Ihre Tochter wegen der Aggressionen sicher auch hat, mildern werden, wenn Sie in Bezug auf ihre Ängste auch mal etwas streng bzw. stark mit ihr sind.
Aber wenn Ihnen das alleine nicht gelingt, bleibt Ihnen ja die Beratungsstelle.
Mit freundlichem
Gruß,
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt