Lieber Herr Schmidt, mein Mann möchte sich von mir scheiden lassen. ich möchte unsere Beziehung retten, dringe aber nicht zu ihm durch. Ich bin sehr verletzt und wenn ich unsere Beziehungsgeschichte betrachte frage ich mich, wieso ich noch so daran hänge.   Wir sind seit 3 Jahren verheiratet, seit 9 Jahren zusammen (wir sind 38 Jahre). Mein Mann lernte mich als fröhliche, erfolgreiche, attraktive Frau kennen. Es gab nach dem ca. ersten Jahr der Beziehung meinerseits Job-Probleme, die mich in eine tiefe Krise stürzten. Mein Mann wollte mir in Diskussionen helfen. Ich sagte ihm mal, dass ich keine Problemlösung wolle. Ich wollte von ihm eine starke Schulter, auftanken und dann meine Probleme selbst lösen.  Dies hat er nie verstanden und wirft mir noch heute vor, dass ich meine Probleme nicht lösen wolle, keine Verantwortung für mein Leben übernehme.   Zur beruflichen Krise kam dann die Partnerschaftliche: kein Sex (du bist 2 kg zu dick), Respektlosigkeit, Streitereien, kurze Trennung. Aus dem tiefen Tal der Tränen kämpfte ich mich wieder heraus, als ich merkte, dass  ich nicht mehr ich war, sondern nur noch eine bemitleidenswerte Hülle. Ich wurde wieder ich selbst, allerdings ein wenig härter und kämpferischer. Unsere Beziehung wurde etwas besser, aber Sex gab es bis heute kaum, was mich weiter sehr verletzt.   Eine Krankheit war für mich das Zeichen beruflich auszusteigen und mich anders zu orientieren. Meinem Leben Raum für andere Werte (im Gegensatz zu: Erfolg, Anerkennung, finanzieller Wohlstand) wie Familie, Zeit, Natur, Frieden zu geben. Wir zogen um, ich arbeitete nicht mehr und wir heirateten. Überrascht? Ja, ich heute auch. Ich träumte davon angekommen zu sein, eine feste (und schöne) Partnerschaft war immer mein Lebenstraum. Mein Mann sagt heute, dass er hoffte, dass mir diese Sicherheit der Ehe die Möglichkeit gab, mich zu ändern - in eine fröhliche, zufriedene Frau. Dass nur eine Ehe die liebevoll ist, zum Glück beitragen kann, vergaß er dabei.   Ich habe mir inzwischen eine selbständige Tätigkeit aufgebaut, habe mehr Zeit und könnte das Leben so richtig genießen. Wenn nicht unsere Beziehung kaputt wäre. Wir erleben sehr selten "Fenster", wo wir glücklich miteinander sind. Diese dauern meist nur 2 Tage, bis es zum nächsten Streit kommt. Hier läuft immer dasselbe Muster ab: ich mache irgendeine Bemerkung, die durchaus als launisch anzusehen ist (vielleicht ärgere ich mich gerade darüber, dass mein Mann mir irgendwie eine Respektlosigkeit gezeigt hat, bin unzufrieden, das wir keinen Sex haben, dass ich nie etwas nettes von ihm höre). Daraufhin schneidet mich mein Mann und redet mehrere Tage kein Wort mit mir, bestraft mich mit Liebesentzug, versucht mich vor anderen lächerlich zu machen, droht mir, das gemeinsam geplante Wochenende in den Bergen, alleine zu verbringen, seit 2 Jahren auch immer öfter mit Scheidung. Ich finde mein Verhalten nicht so schlimm, meist bin ich nach 5 Minuten wieder ok, ich denke, dass kein Mensch immer gut gelaunt sein kann. Mein Mann erwartet dieses aber explizit von mir. Ich habe mich schon gebessert, aber ganz kann ich mich da wohl nicht verändern. Ich bin ein emotionaler Mensch und das hat positive, aber auch negative Seiten. (meine Warmherzigkeit war eigentlich das, was mein Mann so sehr an mir schätzte)   Nach 1 Woche frage ich dann was los ist, oder wie das weitergehen soll, wir unterhalten uns, jeder beharrt auf seiner Sicht, machen uns Vorwürfe, nur gelegentlich merke ich, dass ich etwas gesagt habe, was ihn berührt hat und ihn zum nachdenken bringt. Mein Mann hat die Vorstellung, dass ich keine Verantwortung für mich übernehme (Schuld haben immer andere), dass ich prinzipiell unzufrieden sei, eine nörgelnde Ehefrau (damit meint er jegliche Kritik an seiner Person), nicht lebenstauglich, sowieso untauglich als Mutter. Auf die Frage, was er eigentlich an mir mag/mochte: sagte er, dass er dass eigentlich nicht wisse. Super!   Er erwartet von mir, dass ich nie wieder nörgele, immer eine fröhliche Stimme habe, ihm jeden Gefallen tue, spontan auf seine Vorschläge eingehe, selbstsicher und stark bin und 3 Kinder erziehe wärend er durch die Welt jettet und erfolgreich ist. Ich möchte ihn am liebsten wachrütteln und ihm begreiflich machen, dass er sich auch mal in die Gefühle anderer hineinversetzt, dass er keinen glücklichen Menschen vor sich haben kann, wenn er ihn gerade zuvor verletzt hat. Dass ich nicht für sein Glück zuständig bin, sondern er auch etwas tun muß, dass eine Beziehung nur durch das tun beider zusammenwachsen kann. Dass er einsehen muss, dass er nicht von mir erwarten kann, mich wie der glücklichste Mensch zu benehmen, wenn in unserer Beziehung nichts stimmt. Dass er auch etwas tun muss. Mal nett sein, mal lachen, mal etwas unternehmen, positiv über mich denken, mich respektieren. Ja ich glaube ich möchte fast schon verzweifelt von ihm respektiert werden. Seine Mutter hat übrigens ein ähnliches Verhältnis zu ihrem Mann, der sehr dominant, teilweise kalt ist, den mein Mann früher sehr ablehnte, aber dem er sehr ähnlich ist.   Warum ist mir sein Respekt so wichtig? Selbst seine Familie zu der er ein sehr Freundschaftliches Verhältnis hat, bezeichnet ihn als autistisch. Meine Freundin und Eltern raten mir die Beziehung zu beenden. Ich hänge an den wenigen kleinen Momenten, wo ich in seinen Augen sehe, dass da noch Liebe ist, hoffe immer noch. Natürlich habe ich auch Angst. Ich weiß zwar, dass ich mein Leben auch selbst in den Griff kriege. Am größten ist wohl die Angst, dass der Lebenstraum schöne Partnerschaft und vielleicht auch Kinder nun schon rein altersbedingt ausgeträumt ist.   Herzlichen Dank für Ihren Rat, eine sehr Traurige 

Liebe Frau S.,

vielen Dank für Ihre ausführliche Schilderung! Es ist schwierig, differenzierte Beziehungsprobleme online mit einer einzigen Beratung zu erfassen. Deshalb möchte ich Ihnen hier einige Gedanken und Vermutungen anbieten, die mir beim Lesen Ihres Briefes in den Sinn kamen. Sie sollen Ihnen helfen, eine erste Orientierung zu finden, in welche Richtung Sie gehen könnten. Ich gewinne von Ihnen das Bild einer selbstbewussten, intelligenten und auch leistungsorientierten Frau, die von sich und anderen viel fordert und nicht ganz leicht zufrieden zu stellen ist. Wenn man Karriere machen oder im Geschäftsleben Erfolg haben will, ist dies ja auch eine sehr gute Ausgangsposition. Aber im zwischenmenschlichen Bereich sieht dies nicht ganz so einfach aus (obwohl es auch keine schlechte Ausgangsposition ist). Fordern kann man da eigentlich kaum etwas. Man kann nur geben, und das nennt man dann Liebe. Wenn die Liebe erwidert wird (wenn also der Partner auch aus Liebe, nicht aus Forderung heraus gibt), ist das Glück perfekt! Das klingt so einfach, vielleicht auch naiv, aber ich glaube wirklich, dass es so und nicht anders funktioniert. Nun zu Ihnen: Möglicherweise geben Sie viel und Ihr Mann zu wenig. Möglicherweise geben Sie aber auch beide zu wenig und fordern stattdessen sehr viel voneinander. Ihre Schilderung wirkt auf mich so. Wenn Sie beide schon ein oder besser zwei Kinder hätten, wäre dies wahrscheinlich alles etwas abgemilderter und abgeklärter. Ihr Mann und Sie fordern zu viel an Liebe voneinander, geben aber vielleicht zu wenig. Wenn dies so ist, was wäre dann zu ändern? Nun, natürlich muss jeder Partner bei sich selbst anfangen, und eben nicht die notwendigen Veränderungen wieder vom andern einfordern. Das bedeutet für Sie, dass Sie die Kritik und die Vorwürfe Ihres Mannes sehr ernst nehmen sollten und ganz emotionslos dahingehend überprüfen, ob er nicht oft recht hat. Selbsterkenntnis ist auch hier der beste Weg. Wenn Sie Ihre Ehe verbessern wollen, müssen Sie noch einmal so richtig in sie investieren! Seien Sie liebevoll, zärtlich und aufmerksam zu Ihrem Mann. Verführen Sie ihn, versuchen Sie es. Wann haben Sie ihm das letzte Mal gesagt, dass Sie ihn lieben? Fordern Sie nicht mehr so viel von ihm. Seien Sie ihm nicht böse, wenn er gekränkt ist, wenn Sie an ihm herummäkeln. Hören Sie ganz einfach auf, an ihm herumzumäkeln! Lieben Sie ihn, denn ich glaube, dass tun Sie, aber Sie zeigen es viel, viel zu selten, weil Sie glauben, er müsse den ersten Schritt machen. Machen Sie ab sofort die ersten Schritte.

Viel Glück wünscht Ihnen Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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