Sehr geehrter Herr Schmidt,

meine Tochter heißt Laura und ist 5 Jahre alt. Ich selbt bin 36 und lebe
seit 3 Jahren
getrennt von Laura's Mutter. Wir haben nach der Geburt das gemeinsame
Sorgerecht vereinbart.
Einige Wochen nach der Trennung haben wir begonnen, dieses gemiensame Sorge
auch wahrzunehmen.
Laura war unter der Woche bei ihrer Mutter und an den Wochenenden bei mir -
zuerst Samstag
bis Sonntag, später dann Freitag Nachmittag bis Montag früh. Seit sie vor
1,5 Jahren in den
Kindergarten kam, ist sie im Wechsel 4 Tage bei ihrer Mutter und 4 Tage bei
mir. Wir handhaben
das allerdings flexibel, so das es auch einmal 5 oder 3 Tage sein können.
Ich arbeite seither
nur noch Teilzeit und das funktioniert auch ganz prima!
Von Beginn an hatte Laura leichte Probleme morgens beim Verabschieden im
Kindergarten - viele
Tränen. Als das im Laufe der Zeit zwar besser wurde, aber nicht ganz
aufhörte, hat uns die
Erzieherin geraten, uns an die Frühförderstelle beim zuständigen Jugendamt
zu wenden. Wir nahmen
die 3 Termine wahr, bei denen Laura mit der Pädagogin spielen, malen, usw.
musste.
Beim abschleissenden Elterngespräch teilte die Pädagogin uns mit, dass sie
schockiert über Laura's
Verhalten gewesen sei. Laura wäre unsicher, verkrampft und hätte
Schwierigkeiten sich in einer
fremden und neuen Situation zurechtzufinden. Laura sei zwar sehr intelligent
und sensibel, könne
aber nicht unbeschwert und unbefangen spielen, da sie sich über ihre eigen
Position nicht sicher sei.
Dieses Verhalten führt sie auf das Hin und Her zwischen den beiden Welten
Papa und Mama zurück.
Ich möchte anmerken, dass Laura schon immer, schon vor der Trennung,
schüchtern und zurückhaltend
war, wenn sie sich in einer ihr fremden Situation befunden hat. Jedenfalls
Rät uns nun die Pädagogin
etwas an den Rahmenbedingungen zu ändern, und Laura ein einziges Zuhause zu
geben.
Für mich etwas unverständlich, da Laura sich sowohl bei mir, als auch bei
ihrer Mutter pudelwohl
fühlt und sich für mein Dafürhalten ganz 'normal' entwickelt.

Kurzum - jedenfalls hat Laura's Mutter direkt nach dem Gespräch mit der
Pädagogin beschlossen,
dass Laura ab sofort nur noch bei ihr ist, da das das Beste für sie ist und
Kinder ohnehin zur
Mutter gehören. Nun, ich bin nicht ganz dieser Meinung da ich mir sehr gut
vorstellen kann, dass
Laura bei mir ein festes Zuhause hat und der Besuch/Umgang großzügig und
flexibel geregelt wird.
Ich lebe mit meiner Partnerin im Haus meines Stiefvaters - ein Haus am
Waldrand mit großem Garten
und sehr viel Platz für Kinder. Laura ist damals bei der Trennung von hier
'ausgezogen'.
Meine Mutter wohnt auch im Haus - Omi ist also auch da. Laura's Mutter wohnt
in einem 3-Parteien
Mietshaus im Nachbarort - direkt an der Hauptverkehrsstrasse.
Können Sie mir sagen, was für unser Kind das beste ist? Bewußt kennt sie
doch nur den Zustand
der 2 Zuhause. Ist es so, dass Kinder prinzipiell besser bei den Müttern
aufgehoben sind? Ich
liebe meine Tochter über alles und will nur ihr bestes. Nachdem ich mein
Leben in den letzten
3 Jahren gründlich geändert habe und darüber mehr als glücklich bin, kann
doch eine Degradierung
zum Besuchs-Papa nicht das Ende vom Lied sein? Bis jetzt hatten Laura's
Mutter und ich uns über
so gut wie alles einvernehmlich geeinigt. Das scheint jetzt zu Ende zu sein
...
Das Hauptproblem sehe ich darin, dass Laura's Mutter die Wechsel, also wenn
Laura zu mir kam,
schon immer schwer gefallen sind - mal mehr mal weniger. Jedenfalls hat sie
das Kind ihre Trauer
deutlich spüren lassen und sich auch oft genug an Laura festgeklammert.
Laura mußte also oft den
Trennungschmerz der Mutter mittragen. Ich denke, DAS hat ihr überhaupt nicht
gut getan.

Vielen Dank für Ihre Antwort.

P.

Lieber P.
vielen Dank für Ihren Brief!
Ich glaube, das Entscheidende zum Verständnis Ihres Problems umschreiben Sie im letzten Absatz: Die jahrelange Umgangsregelung für Ihre kleine Tochter scheint Ihre geschiedene Frau emotional recht belastet zu haben. Sie scheint sich von Anfang an in einem Konflikt zu fühlen: Einerseits möchte sie ihre Tochter möglichst ausgiebig zum Vater ins schöne Haus mit Omi lassen, wo sie offenbar geboren wurde und die ersten 2 Jahre gemeinsam mit ihren Eltern lebte; andererseits tut es ihr weh, die Tochter immer so lange zurück zu geben genau an den Ort des enttäuschten eigenen Familien- und Eheglücks. Das mag alles auch noch zusammenhängen mit unverarbeiteten Scheidungsschmerzen bei Ihrer Frau. Sie hat ja im Zusammenhang mit der scheiternden Ehe offenbar das gemeinsame Haus verlassen und unter dem Strich wohl den Verlierer-Part übernehmen müssen. Dass dieser Spagat Ihrer Tochter psychische Probleme bereitet hat, kann ich mir gut vorstellen.

Ich glaube aber nicht, dass es Kindern generell schadet, wenn sie zwei liebevolle Zuhause bei Vater und Mutter haben. So etwas ist nur psychologisch komplizierter für alle Beteiligten, stellt höhere Anforderungen an alle und ist deshalb natürlich auch störanfälliger. Entscheidend ist, ob beide Eltern psychisch voll hinter der Regelung stehen können. Wenn nicht beide Eltern psychisch voll hinter der Regelung stehen können, kann es für ein Kleinkind durchaus problematisch werden. Die Trennungsprobleme Ihrer Tochter im Kindergarten finden so eine mögliche Erklärung. Solche Trennungsprobleme des Kindes spiegeln nicht selten Trennungsprobleme eines Elternteils vom Kind wider, in Ihrem Fall wohl diejenigen Ihrer früheren Frau.

Inzwischen praktizieren Sie aber diese psychisch zwar etwas belastete Zwei-Zuhause-Umgangsregelung seit über 3 Jahren, also weit mehr als das halbe bisherige Leben Ihrer Tochter. Und ich habe den Eindruck, dass Sie und die Mutter Ihrer Tochter es insgesamt unter den gegebenen Verhältnissen sehr gut machen. Deshalb ist die Frage wichtig, ob Sie derzeit nun die leider etwas verunsichernden Anmerkungen der besagten Pädagogin zum Anlass nehmen sollten, das Leben Ihrer Tochter dahingehend zu ändern, dass Sie als Vater in den Hintergrund treten und die Kindesmutter mehr in den Vordergrund. Ob dies Ihrer Tochter gut tut oder schadet, wäre die entscheidende Frage. Ohne weitere Informationen zu haben neige ich eher dazu, dass es schaden könnte. Aber wirklich beurteilen kann ich das aus der Distanz leider nicht.

Ich rate Ihnen aber, sich dem Ansinnen der Kindesmutter erst einmal zu widersetzen. Die Pädagogin hat ja schließlich nicht gesagt, dass das Kind zur Mutter gehört, sondern sie hat von "einem" Zuhause gesprochen. Das könnte ja auch das Zuhause beim Vater sein. Wie gesagt, mein Gefühl sagt mir, dass es das Beste für Ihre Tochter wäre, man würde real gar nichts ändern, aber beide Eltern würden sich in einer Erziehungsberatungsstelle dabei helfen lassen, dass die psychologische Seite der bisherigen Umgangsregelung noch einmal nachgearbeitet wird.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt