| Hallo, hat ein Weilchen gedauert, bis ich mich nun traue. Weiß nicht was schreiben, fühle mich so unter Druck gesetzt. Steh eigentlich im Leben. 3 fast erw. Kinder, Mann seit 23 Jahren, guter Job, Freunde. Und doch allein. Außen eine andere als innen. Von Nov.98-Sept.01 in Familienberatung gewesen. Irgendwann zum Ende hin festgestellt, dass eine psychoanalytische Therapie 2-3 mal die Woche wichtig wäre. Seitdem die absolute Funktstille - in mir. Will einfach nicht mehr sein. Unsichtbar. Nicht da. Die Welt um mich herum dreht sich und ich stehe... Verstehen Sie, was ich schreib? Ü. |
Liebe Ü.,
ich will es gern versuchen: Ich
glaube, Sie haben sich in Ihrem Leben möglichwerweise von Anfang
an oft einsam und auf sich gestellt gefühlt, weil niemand (Ihre
Eltern?) so richtigen tiefen und innigen seelischen Kontakt mit
Ihnen finden konnte. Ich stelle Sie mir als eine tüchtige,
intelligente und selbständige Frau vor, der es die wenigsten
anmerken, wie sie sich innen drin oft klein und verlassen fühlt,
die glaubt, sich nicht sehen lassen zu können, die tiefsitzende
Selbstzweifel plagen und die Selbsttötungsgedanken hat. Wer so
fühlt wie Sie, liebe Ü, sehnt sich sehr nach Geborgenheit und
warmer, vorbehaltloser Liebe, so wie ein kleines Mädchen, das
von seinem Vater herzlich liebkost wird. Ich habe gerade als
Zuschauer bei einem Fußballspiel an Sie denken müssen (ich
hatte Ihren Brief vorher gelesen und, wie ich es meistens mache,
ihn erst in mir wirken lassen), als ich einen jungen Papa mit
seinem ca. 2jährigen Töchterchen ganz versunken schmusen sah.
Während alle Leute um ihn herum sich nur auf das Fußballspiel
konzentrierten, hatte dieser Papa nur Augen für sein
Töchterchen. Er war bis vor Kurzem selbst aktiver Fußballer und
hatte gerade seine Karriere der jungen Familie zuliebe
aufgegeben. Und das kleine Kind hätten Sie sehen sollen! Es
verdrehte die Augen vor lauter Wonne, kicherte wohlig und
strahlte.
Dies ging mir so durch den Kopf beim Lesen Ihres Briefes. Ich kann gar nicht sagen, ob ich damit richtig liege, denn Sie schreiben ja nichts weiter aus Ihrer Biografie. Aber eine Psychoanalyse könnte Ihnen sicher gut tun, wenn es so ist, wie ich glaube. Damit in Ihnen wieder Leben erwacht, Gefühle von Hass, Liebe, Sehnsucht...Lieben Sie vielleicht klassische Musik? Tschaikowsky? Hören Sie mal (mit guten Kopfhörern schön laut) seine 5. oder 6. Synfonie. Das bringt Sie vielleicht innerlich zum Überlaufen, zum Weinen und Lachen, und macht Sie wieder lebendig.
Mit den besten
Wünschen, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt