Sehr geehrter Herr Schmidt,

mein Sohn hat starkes Übergewicht. Er ist jetzt 16 (im Oktober wird er 17),
ist ca. 1,88 m groß und wieg ca. 195 kg.

Er ist bei mir und meiner Mutter aufgewachsen. Ich bin nach der
Mutterschutzfrist gleich arbeiten gegangen und habe meine Mutter auf ihn
aufpassen lassen. Er wurde von Anfang an sehr verwöhnt und hat viel zu früh
Süßigkeiten, Cola etc. bekommen und ständig zugenommen.
Er wurde später stationär untersucht, ob die Gewichtszunahme körperliche
Ursachen hätte. Es wurde nichts gefunden, also hat sein Übergewicht mit der
Ernährung zu tun.

Als er zur Schule musste, fingen die Probleme richtig an. Nach kurzer Zeit
bereits weigerte er sich, zur Schule zu gehen.
Ich habe versucht, Hilfe zu bekommen (z.B. Schulpsychologin,
Familienfürsorge Jugendamt). Es wurde geraten, ihn in eine Klinik für
Psychiatrie und Psychologie zu bringen. Er war damals 6 Jahre alt und blieb
dort 3 Monate. Anschließend sollte er nach der Schule in eine
Kindertagesbetreuung (für verhaltensauffällige Kinder). Allerdings ging er
schon bald wieder nicht in die Schule und auch zu dieser Betreuungsstätte
wollte er nicht.

Ich fühlte mich völlig machtlos. Mir wurde geraten, mich von meiner Mutter
zu trennen, da dieses Dreierverhältnis (Mutter-Tochter-Kind) schädlich wäre.
Leider habe ich es nicht geschafft.
Auf den Rat des Jugendamtes hin habe ich schließlich einen Antrag auf
Erziehungshilfe in einer Einrichtung gestellt.
Anfang 1996, als mein Sohn 8 Jahre war, kam er daraufhin in ein Heim. Von
dort aus wurde er in eine neue Grundschule eingeschult, wo er die 1. Klasse
wiederholte. Er schloss die Grundschule gut ab.
Als er in eine andere Schule kam (Oberschule, 7. Klasse, Gymnasium), gingen
die Schulprobleme wieder los (evtl. wurde er dort wieder mehr gehänselt
wegen seines Dickseins?) und seine Leistungen wurden schnell schlechter.

Ich war mittlerweile von meiner Mutter weggezogen. Wie ich das geschafft
hatte, ist hier erstmal nicht von Belang.

Ich habe meinen Sohn jede Woche besucht und er wurde für Wochenenden,
Ferien, Feiertagen beurlaubt. Meine Mutter war immer dabei.

Nach 6 Jahren Aufenthalt im Heim, also vor ca. 2 Jahren sagte mir dann das
Jugendamt, dass mein Sohn jetzt zu mir entlassen werden könne.
Ich lebte inzwischen mit einem Mann zusammen. Die Wohnung wäre zu dritt zu
klein. Da aber im Haus nebenan Wohnungen frei waren (vom selben Vermieter),
nahm ich mir davon eine 2-Zimmerwohnung.
In den Osterferien vor 2 Jahren zog dann mein Sohn mit mir in diese neue
Wohnung. Schon sehr bald nach den Ferien aber gingen die Schulprobleme
wieder los. Er ging nicht hin, hatte ständig Bauchschmerzen, konnte nicht
schlafen etc.
Wieder habe ich mir beim Jugendamt Hilfe gesucht. Zuerst einen
Einzelfallhelfer, der leider nichts ausrichten konnte. Dann eine
Familientherapie. Diese läuft immer noch. Allerdings sind auch damit keine
Erfolge zu sehen.
Mein Sohn hat kurze Zeit Hausunterricht erhalten, was aber nun abgelaufen
ist.

Wir waren in diesem Jahr für 8 Wochen in einer Klinik. Für ihn, damit er
abnimmt und sein Selbstwertgefühl steigt. Für mich, damit ich nicht in
Depressionen verfalle.
Mein Sohn hat in dieser Klinik zwar jede Woche ca. 1 kg abgenommen, aber
nur, weil er fast den ganzen Tag lang jeden Tag Bewegung hatte.
Als wir wieder zu Hause waren, war alles genauso wie vorher. Mir selber ging
es noch viel schlechter. Ich nehme an, das liegt daran, weil ich große
Hoffnungen in diesen Kuraufenthalt gesetzt hatte und nichts, absolut nichts
sich geändert hatte.

Mein Sohn hat nun noch nicht einmal die 7. Klasse gemacht. Das erste mal ist
er sitzengeblieben, ein zweiter Versuch ist durch sein Nichtgehen
gescheitert.

Ich habe Ende des letzten Jahres eine Psychotherapie begonnen. Nach einigen
Gesprächen sagte der Psychologe mir immer wieder, dass mein Sohn
passiv-aggressiv wäre und er mich immer wieder scheitern lassen würde. Die
einzige Möglichkeit, die mir bliebe, um nicht Depressionen zu bekommen wäre,
mich von meinem Sohn zu trennen.

Da ich ihn aber nicht wieder in ein Heim geben möchte, sondern ihm helfen
will, damit er bei mir bleiben kann, suche ich nun nach einer Möglichkeit,
wie er seinen Schulabschluss bekommen kann und vor allem auch, wie er
abnehmen kann!

Ich habe immer angenommen, dass er eines Tages selber abnehmen will und dass
es dann einfacher sein würde. Aber diesen Willen hat er bis heute noch
nicht.

Auch suche ich immer noch nach Hilfe, wie ich ihn überhaupt dazu bekomme,
dass er selber auch einen Willen bekommt, einen Schulabschluss zu bekommen.

Mir selber geht es auch immer schlechter, auch mit meinem Freund. Manchmal
kann ich mich nicht mal mehr anfassen lassen. Ich sehne mich manchmal
danach, einfach nur so mal festgehalten zu werden - aber ich kann es einfach
nicht, auch wenn ich es will.

Mit freundlichen Grüßen
C.

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief!
Ihre Beziehung zu Ihrem Sohn scheint mir von Anfang an gestört zu sein. Kann es sein, dass Sie das Kind bekommen haben, weil Sie sich davon eine familiäre Verselbständigung von Ihrer eigenen Mutter versprachen? Ihre zwiespältige Beziehung zu Ihrer Mutter wirkt jedenfalls ziemlich auffallend. Wann haben Sie dies im Rahmen einer eigenen Psychotherapie zu verstehen und zu bewältigen versucht? Wenn man von der eigenen Mutter noch nicht "abgenabelt" ist, kann man seinem eigenen Kind natürlich keine souveräne und selbstsichere Mutter sein.

Ich vermute, dass Ihre eigene psychisch unbewältigte frühkindliche Vernachlässigung durch Ihre Mutter bei Ihrem Sohn sozusagen weiterwuchert. Auch er verhält sich symbiotisch und abhängig wie ein kleines vernachlässigtes Baby. Ihr Sohn und Sie scheinen mir wie Kinder, die nicht richtig satt werden konnten an Mutterliebe und deshalb heute noch so hungrig danach sind. Dass Sie z.B. gemeinsam mit ihm auf Kur gehen und andererseits jahrelang von ihm getrennt leben, weil er im Heim ist, zeigt das verzweifelte Hin- und Herpendeln zwischen erträumter Nähe und realer Ferne Ihrer Mutter-Kind-Beziehung, wie sie es wahrscheinlich selbst als Kind bei Ihrer Mutter erleben mussten. Frühkindliche emotionale Vernachlässigung ist der häufigste Grund für spätere symbiotische Mutter-Kind-Beziehungen.

Väter kommen in Ihrer Beschreibung überhaupt nicht vor. Was das für Sie und vor allem für Ihren Sohn psychisch bedeutet hat, wäre ein weiterer Punkt, den es psychotherapeutisch gründlich aufzuarbeiten gälte.

Ich vermute also, dass Sie Ihre eigene alte und unverarbeitete Mutter-Kind-Beziehungsproblematik unmerklich und chronisch auf die Beziehung zu Ihrem Sohn übertragen, so dass Ihr Sohn ebenfalls passiv-regressiv verharren muss. In keiner Ihrer bisherigen Hilfsprogramme scheint dieser Aspekt bisher gebührend gewürdigt worden zu sein. Dabei halte ich ihn für den wahren Ursprung Ihrer und Ihres Sohnes psychologischer Probleme.

Ihr Sohn und vor allem Sie selbst sollten getrennt voneinander in Psychotherapie, aber nicht wieder in irgendeine! Sondern in eine, in der Sie genau dieses eigene Mutter-Kind-Problem vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Kindheit endlich gezielt bearbeiten können. Klären Sie das im Vorgespräch mit dem Therapeuten. Es muss allerdings ein tiefenpsychologischer oder psychoanalytischer Therapeut sein, weil andere Richtungen solche Muster nicht entsprechend behandeln können oder bei der Krankenkasse nicht zugelassen sind.

Ihr Sohn sollte zu einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, der ebenfalls diesen Aspekt mit ihm bearbeitet (begleitet von einer konsequenten, medizinisch kontrollierten Sport- und Diätbehandlung; eine alleinige Diät- oder Sportbehandlung oder -kur nützt auf Dauer gar nichts, wenn nicht der Schwerpunkt auf der Psychotherapie liegt. Das Problem Ihres Sohnes ist nicht wirklich sein Übergewicht. Dies ist nur ein Symptom für sein dahinterliegendes, von Ihnen "geerbtes" psychisches Problem: Hunger nach Mutterliebe. Erst wenn man davon satt ist, kann man stark und guter Dinge ins Leben hinaus und weiter wachsen.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt