Sehr geehrter Herr Schmidt,

mein Sohn hat Probleme Freundschaften zu halten.
Er (7Jahre) hat von frühster Kindheit den unweigerlichen Drang im
Mittelpunkt zu stehen und alles muss auf sein Kommando hören!
Zuhause hat er dadurch keine Vorteile. Bei seinen Freunden artet es so aus,
das er sie anschreit oder ziemlich unsanft behandelt wenn sie nicht so
spielen wollen wie er. Wenn er dann ausgeschlossen wird ist er naturlich
aggressiv.
Vor anderen Erwachsenen lässt er sich auch nichts sagen, wird gleich bockig,
ich muss ihn dann immer in einen anderen Raum bringen, um an ihn heran zu
kommen. Mit anderen Erwachsenen in der Betreuung klappt es nur, wenn die
Erwachsenen sehr konsequent sind. Mit anderen macht er was er will bis
diese mit den Nerven am Ende sind. Zuhause habe ich keine Probleme mit ihm.

Vielleicht gibt es einen Buchtip?

Mit freundlichen Grüßen
Frau B.

 

Liebe Frau B.

Ihr Sohn ist ganz normal, so wie alle Kinder: sie wollen alle von Anfang an im Mittelpunkt stehen. Sie wollen alle, dass alles auf Ihr Kommando hört (wollen wir das nicht alle ein bisschen, wenn Sie ehrlich sind?). Das ist sozusagen angeboren bei uns Menschen. Es ist sogar lebenswichtig, denn wenn ein Baby nicht irgendwie im Mittelpunkt stünde, würde es bald sterben. Für Eltern dreht sich ja auch alles um ihr neugeborenes Kind. Nur: im Laufe des Lebens wird dieser Drang immer schwächer. Je älter Menschen werden, umso weniger haben sie es nötig, ständig im Mittelpunkt stehen oder das Kommando führen zu müssen. Sie fühlen sich dann auch ohne dies selbstsicher. Es muss sich nicht mehr alles nur um sie drehen (von Ausnahmen abgesehen!)

Wenn bei Kindern dieser normale Drang nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten (wie bei Ihrem Sohn) nachlässt, dann liegt das meistens daran, dass sie einfach noch nicht genug auf ihre Kosten gekommen sind. Ihr Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, das "Kommando" zu führen und dass sich alles nur um sie drehen soll, ist nicht gestillt worden. Deshalb müssen sie es immer wieder zu erzwingen versuchen, was viel Tränen und Verzweiflung mit sich bringt, wenn es immer weiter versagt bleibt.

Liebe Frau B., ich lese in Ihrem Brief "zwischen den Zeilen", dass Sie und/oder Ihr Mann in der Erziehung zu streng sind. Sie lassen Ihrem Sohn zu selten das wundervolle Gefühl, dass sich alles um ihn dreht. Sie verbieten wahrscheinlich zu viel, bestrafen zu streng. Er hat einfach zu wenig das herrliche Gefühl, dass Sie ihn lieb haben und es ganz toll finden, wie er ist und was er macht! Und das macht ihn ganz rasend und deshalb will er verzweifelt und ungeschickt alle anderen zwingen, ihn zu lieben und in den emotionalen Mittelpunkt zu rücken. Leider erlebt er damit immer wieder bittere Enttäuschungen, weil alle ihn missverstehen müssen (sie finden ihn frech oder aggressiv) und ihm einen Dämpfer verpassen.

Liebe Frau B., ich vermute, dass Ihnen meine Ratschläge etwas absonderlich vorkommen. Wenn ich da richtig liegen sollte, müssten Sie und Ihr Mann im Rahmen einer Familientherapie in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle Ihrer Region gründlicher besprechen und üben, als es hier möglich ist, wie Sie Ihr erzieherisches Verhalten ändern. So etwas geht nicht von heute auf morgen. (Suchen Sie auf dieser website nach "bke". Dort finden Sie ein bundesweites Adressenverzeichnis von Beratungsstellen. Oder fragen Sie bei Ihrer Stadtverwaltung nach der nächstliegenden Erziehungsberatungsstelle). Denn das dies sinnvoll und hilfreich wäre, davon ist überzeugt, Ihr

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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