Lieber Herr Schmidt,
Ich bin 33 Jahre, verheiratet seit 1992 -glücklich, und habe einen 6
jährigen Sohn.
Bei meinen Sohn fangen dann aber auch die Probleme an, oder bei
mir, ich weiß es nicht!
Im Vorfeld muß ich aber sagen das mein Sohn ein Wunschkind ist.
Am Anfang war auch alles so schön. Er war ein Kind, wo ich
eigentlich von allen nur beneidet worden bin.
Er schrie selten, schlief viel, schlief mit 5 Wochen auch schon
durch, und lief schon mit 10 Monaten um uns herum.
Alles prima. Es blieb natürlich nicht immer so ruhig, was ja auch
normal ist.
Er war schon ein kleiner Lausbub! Ein Süßer!
Mit ca 3 1/2 Jahren kam das erste Problem, womit wir leider immer
noch zu kämpfen haben. Das Essen!
Da wurde er krank eigentlich nur eine richtige Erkältung mit Fieber
aber er aß nicht. So habe ich im dann also seine Lieblingsgerichte
gekocht. So hatte er wenigstens etwas im Bauch. Die Erkältung
dauerte etwas länger, also habe ich gedacht ich würde im einen
Gefallen, und wahrscheinlich mir auch, damit tun. Mit der Zeit
wurde er dann auch wieder gesund aber anderes Essen hat er
nicht mehr angepackt. Viele Lieblingsgerichte hat er aber nicht.
Und das geht bis jetzt so weiter. Er schaut sich das Essen nur an
und sagt das mag ich nicht. Ich habe schon, soviel versucht ihm
wieder am normalen!
Essen zu kriegen aber mit wenig Erfolg. Außer manchmal da
probiert er aber meistens nur mit Ärger. Er ist dann sauer und ich
auch.  Ach ja, Gemüse packt er eigentlich nicht an, ZB
Blumenkohl oder Kohlrabi kann ich im nur als Kartoffelpüree
verkaufen. So hat er aber wenigstens ein Paar Vitamine im Leib.
Ich habe aber Angst das er so wird wie sein 21 jähriger Couseng
der ißt auch noch längst nicht alles.
Davon hat mein Sohn das sich aber nicht abgeschaut, da wir uns
selten sehen (Entfernung zu groß).
Mit dem Kinderarzt haben wir schon gesprochen, solange er nicht
an Untergewicht leidet kann man nicht sehr viel machen.
Aber es geht ja auch noch weiter mit dem 2 Problem!
Ich weiß das ich als Kind auch nicht besser war wie er, aber er hat
so einen Dickkopf das ist nicht mehr schön.
Ich bin den ganzen Tag eigentlich nur am schimpfen mit
ihm,obwohl ich mir immer vornehme es nicht zu machen.
Aber er bringt mich so auf die Palme das ich es doch mache. Er
meint er kann alles, alles ist richtig was er macht, egal was,
es ist einfach nicht mehr schön mit ihm. Man kann ihm 10 mal was
sagen, nichts hilft (strafen nur eine Zeit lang).
Wir haben den ganzen Tag eigentlich fast nur Streit. Wenn er bei
einen Freund spielen ist, oder bei der Oma ist, ist er immer das
liebste Kind, wirklich man soll es nicht glauben, aber ich weiß
nicht, warum er sich hier so verhält - durch Strafen müßte man
doch eigentlich lernen -, oder? Ich gebe nicht gerne Strafen aber
anders geht es nicht immer.
Ach ja, wenn wir Besuch haben verhält er sich auch so schlimm,
nur woanders nicht.
Hoffentlich werden sie aus meinen Brief schlau, im voraus aber
schon mal vielen Dank. Es wäre schön, wenn sie mir helfen könnten.
Ach ja, ich nenne mich mal Frau Winter
DANKE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Liebe Frau Winter,
haben Sie vielen Dank für die Darstellung Ihrer Sorgen mit Ihrem
Süßen! Es sieht so aus, als wäre der kleine geliebte Lausbub ein
bisschen verwöhnt, sonst nichts. Einerseits lieben Sie ihn heiss und
innig (und das ist wunderschön und muss so bleiben!), andererseits
setzen Sie sich ihm gegenüber wahrscheinlich aber nicht geschickt
genug durch. Geschicktes Durchsetzen: Damit meine ich, dass man
Folgendes dem Kind gegenüber beherrscht:
Immer, wenn das Kind anders will als Sie (natürlich nur, wenn es um
etwas Wichtiges geht, sonst kann man auch Kompromisse finden oder mal
machen, was das Kind will), freundlich-wohlwollend und gleichzeitig
konsequent bleiben (also keinen Streit oder offenen Machtkampf
anfangen, nicht schimpfen, meckern, predigen, sauer werden, schreien,
schlagen, strafen..., aber trotzdem dabei bleiben, dass gemacht werden
soll, was Sie wollen).
Das klingt ganz einfach, liebe Frau Winter, aber wenn Sie es
ausprobieren, werden Sie merken, wie verflucht schwer das sein kann.
Wenn man nämlich freundlich-wohlwollend bleibt, besteht rasch die
Gefahr, nachzugeben und dem Kind seinen Willen zu lassen. Man muss
aber freundlich und konsequent gleichzeitig sein, also wirklich
freundlich, aber dennoch unnachgiebig! Verwöhnte Kinder werden
daraufhin vorübergehend verstärkt versuchen, ihren "Dickkopf"
durchzusetzen. Es wird alles vorübergehend noch schlimmer mit ihnen.
Aber wenn man durchhält und freundlich und konsequent bleibt, merken
sie für alle Zukunft, dass es doch besser ist, nachzugeben. Das fällt
ihnen dann auch gar nicht mehr so schwer. Wenn Sie vorher aber ein
Riesentheater und einen Mordsmachtkampf hatten (also mehr oder meist
weniger konsequent, wütend und recht unfreundlich waren), fällt den
Kindern das Nachgeben natürlich schwer, sie fühlen sich
"kleingekriegt" und gedemütigt, sie sind der Verlierer. Das will ja
keiner sein, nicht wahr?
Konkret sieht das beim Essen zum Beispiel so aus, dass Sie etwas
Leckeres kochen (es muss ja kein Gemüse sein, die meisten Kinder
bevorzugen etwas anderes!), es ihm als schmackhaft und lecker
anpreisen, selbst mit Genuss davon essen, ihn, wenn er nicht essen
will, wiederholt freundlich-lockend auffordern, mitzuessen, vielleicht
dabei eine lustige kleine Geschichte oder sonst ein nettes Gespräch
erzählen (auch wenn er immer noch nichts isst), vielleicht erzählen,
was man nach dem Essen miteinander machen könnte (muss nichts
Besonderes sein, aber es sollte ihn locken)...und immer so
freundlich-genießerisch weiteressen. Und wenn er am Schluss nichts
gegessen hat, sagen Sie vielleicht höchstens etwas wie "Also hat mir
das geschmeckt!!!" und räumen ansonsten kommentarlos die Teller ab.
Und bleiben gut gelaunt. Was anderes gibt´s natürlich danach nicht zu
essen. Bis zur nächsten Mahlzeit muss der Arme hungern! Ojemine, wie
schlimm! Besser, man isst beim nächsten Mal genauso lustig mit, wie
die Mama! Wichtig ist natürlich, dass Sie ihm dies alles nicht
vorspielen oder vorheucheln, sondern es darf Ihnen wirklich nicht so
wichtig sein, ob er isst. Umso leichter fällt es Ihnen, freundlich zu
bleiben, und umso leichter fällt es ihm, mit zu essen.
Diese Methode (freundlich, aber konsequent) hilft auch in anderen
Situationen als beim Essen.
Viel Erfolg und guten Appetit wünscht Ihnen und Ihrem Süßen Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Zurück