Hallo Herr Schmidt,

schon seit einiger Zeit muß ich feststellen, daß unser Sohn (17) im Umgang mit seinen Kameraden schwindelt um nicht zu sagen unverschämt lügt. Er erzählt Dinge, die einfach nicht stimmen, ihn aber als "tollen Hecht" dastehen lassen (sollen). Ich habe ihn schon öfter darauf angesprochen und ihn gebeten, diese Lügengeschichten zu lassen, Kein Mensch mag ihn deshalb mehr. Er meinte aber sinngemäß, daß er sich gut fühlt, wenn er so tolle Geschichten erzählt...
Zur Vorgeschichte ist noch folgendes zu sagen:
Als er eingeschult wurde sind wir gerade neu in diese Stadt gezogen und er hat es immer schwer gehabt, einen "Platz" in der Klasse zu finden - die anderen Kinder kannten sich schon vom Kindergarten her und er stand immer außen vor. Diese "Probleme" hat er eigentlich die ganze
Schulzeit über in den Klassen gehabt; er hat auch immer gemeint, die anderen Kinder müßten auf ihn zugehen - was aber nicht der Fall war. Er hat das alles kompensiert, indem er immer fleißig lernte und einer der Besten in der Klasse wurde. Irgendwann in der 10. Klasse fing er heimlich an sich mit dieser GOTHIK-Szene zu beschäftigen und hat sowas ähnliches wie eine zweite Identität aufgebaut (aber eine mit einer schwarzen Seele)nach einen heftigen "Ausbruch" eines Abends - ("ich kann nicht mehr, ich könnte die alle killen, ich muß mich so zusammenreißen, ich kann nichts dagegen tun, mein zweites ich ist stärker als ich usw.) hat mein Mann ihn sich vorgenommen in einem Männergespräch und er hat sich von dieser ganzen trübsinnigen Szene langsam entfernt. Ich war bei dem Gespräch nicht dabei aber er muß ihm wohl gesagt haben, daß jeder Mensch auch eine "schwarze" Seite hat aber daß es gilt, die andere Seite, die helle zu unterstützen usw. Kurze Zeit später lernte er dann ein nettes Mädchen kennen, mit dem er bis heute zusammen ist. Er hat zwischenzeitlich einen kleinen Bekanntenkreis und es eigentlich nicht mehr nötig, ständig so aufzuschneiden zu Storys zu erzählen.Es muß glaub ich noch erwähnt werden, daß sein Vater ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann ist, der sich "ebenfalls" sehr gerne in den Mittelpunkt stellt und dann keinen neben sich "duldet" (außer seinen beiden Töchtern vielleicht, die ihm buchstäblich auf dem Kopf rumtanzen können). Er tut sich sehr schwer mit Lob seinem Sohn gegenüber und es fehlt meines Erachtens einfach dieser "herzliche" Draht zueinander. Als sensibilisierte Mutter habe ich den Eindruck, daß mein Sohn nach Anerkennung durch seinen Vater  sucht und auch gelegentlich recht eigene Darstellungen seines Tun´s von sich gibt, um diese dann zu erhalten.
Im Umgang mit mir hält er sich meistens an die Wahrheit, wenn auch manchmal erst nach hartnäckigem Bohren ....
Was kann ich noch machen, damit mein Sohn endlich wieder in die Realität zurückfindet??
Eine ratlose Mutti

Hallo ratlose Mutti,
das seinerzeitige Gespräch zwischen Vater und Sohn scheint ja sehr erfolgreich gewesen zu sein. Wenn nötig, sollte Ihr Mann das bei Gelegenheit wiederholen. Ja, nicht nur das, er sollte sich regelmäßig Zeit für seinen Sohn nehmen und allgemein viel größeren Anteil und Interesse an seiner Entwicklung haben. Und Sie als überbesorgte Mutti sollten sich dann ganz bescheiden im Hintergrund halten. Es scheint wirklich um die männliche Identitätsbildung Ihres Sohnes zu gehen, und da ist in erster Linie der Vater gefragt. Die überbesorgte Mutti kann da nur "nerven". Mutti muss einfach Vertrauen in den Sohn setzen, der seinen (manchmal eben etwas steinigen) Weg schon gehen wird.

Meint jedenfalls
Hans-Reinhard Schmidt