| Sehr
geehrter Herr Schmidt, seit 16 Jahren lebe ich (36) mit meinem Mann (38) zusammen und seit 6 Jahren sind wir verheiratet. Bis vor 7 Jahren schien es die idealste, perfekte Beziehung zu sein schlecht hin. Alle wichtigen Dinge wie Liebe, Achtung, Treue, Ehrlichkeit, Tolleranz, Gemeinsamkeiten, Sex etc. waren vorhanden. Auch stritten wir nicht oft, selbst wenn wir verschiedene Ansichten hatten - konnten wir uns irgendwie immer einigen. Daß was uns noch zum ganz großen Glück fehlte sollte ein Kind sein. Leider wurde ich damals nicht gleich schwanger. In dieser Zeit (1995) lernte mein damaliger Freund eine Frau kennen. Ich merkte damals gleich, daß er so komisch war und immer am Grübeln also sprach ich ihn nach 2 Wochen an, was mit ihm los sei. Er war ehrlich und erzählte mir, daß er Jemanden kennengelernt hat und er denke, daß dies die große Liebe sei. Von einem One-night-stand sei keine Rede. Er sei verliebt. Es tut ihm so wahnsinnig leid aber er kann es nicht ändern. Ich war wie vor dem Kopf gestoßen. Es hatte doch bis dahin überhaupt nicht gekriselt bei uns oder sollte ich blind gewesen sein. Ja sicher in Punkto Sex war es nun mal nicht mehr ganz so häufig wie die ersten Jahre - aber für mich jedenfalls war das kein größeres Problem. Nachdem ich versucht hatte, mit ihm unzählige Male darüber zu reden kam ich zu dem Entschluß, da er ohnehin im Moment die "Rosarote Brille" aufhatte, nehme ich mir eine eigene Wohnung. Abstand muß jetzt sein. Wer so eine gute Beziehung auf's Spiel setzt, muß auch mal alleine klar kommen können. Also zog ich für 3 Monate aus. Es war nie totale Funkstille. Hin und wieder riefen wir uns an. In dieser Zeit wurde mir immer mehr klar, daß ich ihn eigentlich immer noch liebe und wünschte, daß er sich doch besinne und wiederkommen solle. Ich richtete mich neu ein, ging mit meinen Freundinnen weg und auch in den Urlaub und genoß trotzdem diese Zeit des "Alleinseins". Als ich aus dem Urlaub wiederkam holte er mich vom Flughafen ab. Ich sah in Seine Augen und wußte, daß dieser Alptraum vorbei war. Ab diesem Tag waren wir wieder zusammen. Wir waren glücklich und ich versprach ihm es zu versuchen, daß alles zu verzeihen. Dieses gelang mir auch über die Jahre - nur vergessen konnte ich es nie. Im Überschwang unserer erneuten Verliebtheitsphase heirateten wir 1 Jahr später. Ein weiteres Jahr bekamen wir dann durch künstliche Befruchtung (sehr nervenaufreibende Zeit) unsere Zwillinge, die jetzt 5 Jahre alt werden. Aber so wie in alten Zeiten haben wir auch diese anstrengende Zeit zusammen gemeistert - auch ohne Großeltern (550 km Entfernung). Vor gut 2 Jahren kamen dann neue Probleme auf uns zu beruflicher und finanzieller Art. Die Kinder wurden ihm auch von Tag zu Tag anstrengend. Der Vorwurf an mich. Ich sei nur noch Mutter und nicht mehr Ehefrau und und und. Mit anderen Worten. Er fühlte sich vernachläßigt und ich mich in gewisser Weise auch. Es fehlten kleine Liebesbeweise, Zärtlichkeiten wie auch immer. Aber angesprochen haben wir dieses Thema fast nie. Er ging 2 - 3 Mal die Woche zum Sport, Inlinern, traf sich oft mit Singles und freitags ging er generell mit seinen Kumpels weg. Ich sagte ihm oft, ob das alles denn sein müsse, er hat doch schließlich eine Familie. Ja meinte er, er muß sich abreagieren. Ich könne ja auch weggehen, wenn ich will, dann bliebe er ebend am Abend bei den Kindern. Ich sagte, daß ich es besser fände, wenn wir etwas Gemeinsam unternehmen. Er sagte, wir haben ja Niemanden für die Kinder. Jetzt kam noch dazu, daß er seit 3 Monaten ziemlich depressiv war. Er verlor auch im letzten halben Jahr 12 kg an Gewicht. Eine Untersuchung beim Internisten ergab, daß er Zöliakie/Sprue hat. Das hat ihm wahrscheinlich den Rest gegeben. Eine jahrelange Diät etc. Ich dachte, daß diese Depressionen/Stimmungsschwankungen von der Krankheit rührten, da diese auch ein Symptom sind. Aber leider mußte ich feststellen, daß er im Mai erneut eine Frau kennenlernte (per Zufall) und mit ihr auch mehrmals geschlafen hatte. Und das dies auch der Grund mit für sein verändertes Wesen sei. Er bat mich, daß ich ihn für ein paar Wochen ausziehen lassen würde, damit er sich wieder finden kann. Er möchte für sich wissen a) will ich diese andere Frau oder b) will ich vielleicht alleine leben (ohne Familie und Alltagsstreß - da er eh nicht der geborene Familienmensch ist oder c) ich befinde mich nur in einer Krise. Ich will meine Frau und meine Kinder und hoffe, daß sie mir erneut vergibt. In diesem Dilemma befindet er sich augenblicklich. Ich sagte ihm, was er denn macht, wenn diese Frau abspringt. Immerhin müßtest Du Unterhalt etc. zahlen und hast 2 Kindern. Sie selbst ist auch geschieden aber ohne Kindern. Und ob er sich so sicher ist, daß ich gleich hurra schrei, wenn er vor der Tür steht und mir wieder beteuert, daß es ein Irrtum war. Ich vermute, daß das Thema "Sex" ihm sehr sehr wichtig ist. Er meinte, wenn ich ihn zurückweisen würde hätte er die "A.... karte" gezogen aber wahrscheinlich hätte er die dann auch verdient. Ich weiß nicht ob er von Alleine darauf komm t, daß man auch um etwas kämpfen kann, wenn man liebt. Ich für meinen Teil komme gut zurecht. Ich bin berufstätig (28 h/Woche) und meine Kinder haben noch keinen allzugroßen Schaden erlitten, da wir ihnen gesagt haben, daß er zur Kur ist, was ab nächste Woche auch der Fall ist. Es ist ruhiger und harmonischer. Ich sehe nicht, wann er kommt und wohin er geht. Wir rufen uns öfter mal an und ich weiß, daß es zwischen uns noch irgendetwas vorhanden ist. Er will auch, für den Fall, daß er zurückkommt, nochmals ganz sicher sein, wenn er sich für uns entscheidet. Aus Mitleid oder Verantwortungsbewußtsein will er nicht kommen. Er will es noch einmal tief im Herzen spüren. Noch etwas. Er ist nicht der typische Fremdgeher; immerhin hätte er mir den Vorfall auch verschweigen können. Was raten Sie mir außer Abwarten. Hat meine Ehe noch eine Chance??? Für eine rasche Antwort wäre ich Ihnen sehr verbunden. Vielen Dank und eine gute Woche. M. |
Hallo,
warum soll Ihre Ehe denn keine Chance mehr haben? Sie haben die
früheren Krisen gemeinsam sehr gut bewältigt. also kann es doch
auch dieses Mal wieder gut gehen. Sie scheinen mir ja auch eine
großherzige, starke und sehr liebevolle Frau zu sein, die bereit
zu sein scheint, die "Flausen" und Krisen ihres Mannes
geduldig durchzustehen. Ich glaube, Sie sitzen als Frau (im
Vergleich zu den "Anderen") am längeren Hebel und
müssen sich keine ernsthaften Sorgen um Ihre Ehe machen. Ihr
Mann gehört wohl zu dem Typ Ehemann, der hin und wieder von
stärkeren "Versuchungen" und Zweifeln oder
Torschlusspaniken überfallen wird, aus denen er meist kuriert
hervorgeht und sozusagen "wie neu" zur Ehefrau und zur
Familie zurückkehrt. Solange Sie es schaffen, das zu
"verdauen", sehe ich keine wirkliche Gefahr. Allerdings
müssen Sie natürlich wissen, wo der Moment ist, ab dem Sie
ernsthaftere "Verdauungsprobleme" bekommen. Dann
müssten Sie einen Schlussstrich ziehen. Aber derzeit ist es wohl
noch nicht soweit.
Alles Gute für Sie, Ihre Ehe und Ihre Familie!
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt