Mit meinem Dasein als Versagerin


Sehr geehrter Herr Schmidt,

Ich schreibe Ihnen, weil ich unter sehr großer Not leide und einfach mich gerne "auskotzen" möchte und mir einen Rat von Ihnen erhoffe. Um mich und mein Leben zu verstehen ist es notwendig es von Anfang an zu kennen, da schon seit meiner frühesten Kindheit einiges schief gelaufen ist. Ich wurde 1982 als Wunschkind geboren. Allerdings ändert dies nichts daran das schon meine ersten Lebensjahre hoch dramatisch verlaufen sind. Mein Vater war Alkoholiker, weshalb Er sowohl auf physischer wie auch auf verbaler Ebene meiner Mutter gegenüber extrem grob und gewalttätig war. Aus diesem Grunde kam es schon in meinem vierten Lebensjahr zur Trennung meiner Eltern. Kurze Zeit später verstarb mein Bruder an der schwersten Form von Multibler Sklerose, weshalb ich schon früh sehr massive Trennungstraumata erlebte. Ich entwickelte mich in dieser Zeit zu einem ängstlichen und schüchternen Mädchen. Zeitweise stellte ich in mich gekehrt, das sprechen vollständig ein. Erst in einer Schule für Hör und Sprachbehinderte, fand ich wieder langsam ins Leben zurück. An meiner Ängstlichkeit und Schüchternheit änderte sich aber nichts, weshalb ich schnell im Klassenverband isoliert war. Dies verstärkte sich massiv, als ich mit etwa elf Jahren begann eine Hochbegabung herauszubilden. Ich konnte mich zu diesem Zeitpunkt wie eine Erwachsene artikulieren, beschäftigte mich mit Spezialinteressen wie Geschichte, Politik und Städteplanung und suchte immer den Kontakt zu Erwachsenen die ich als Gesprächspartner eindeutig meinen Altersgenossen vorzog. Dies alles wurde mir letztendlich zum Verhängnis! Meine Begabungen wurden von Lehrern, dem Schulpsychologen und letztlich auch dem Jugendamt mit großen Argwohn betrachtet. Da ich ja auch noch schüchtern,ängstlich und verträumt war, beschloss man mich aus meiner geliebten und harmonischen Familie (meine Mutter heiratete neu) raus zu reißen und mich zur Förderung meiner sozialen Fertigkeiten in ein christliches Kinderheim zu stecken. Was nun begann war die schlimmste Zeit meines Lebens! Ich wurde dort von den Erziehern körperlich wie psychisch misshandelt und gedemütigt (im Jahr 1997!!!). Das schlimmste war jedoch die Trennung von meinem Zuhause und meiner geliebten Mutter. Zu diesem Zeitpunkt entwickelte ich massive Depressionen und meine ersten Suizidgedanken. Jeden Tag dachte ich mir bring dich doch um, dann hast du es wenigstens hinter dir! Ich war gerade 14 als ich diesen (nie abgeklungenen) Sterbewunsch entwickelte. Doch niemand hatte Mitleid mit mir. Ich wurde sogar für meine Suizidalität verspottet. Ich wurde nun auch immer schlechter in der Schule, litt unter chronischen Konzentrationsproblemen und verlor jeden Lebenswillen. Als ich im Jahre 2000 aus dem Heim entlassen wurde, war ich gezeichnet für den Rest meines bisherigen Lebens. Ich leide seitdem unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (F43.1), einer Andauernden Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung (F62.0) und unter einer Emotional Instabilen Persönlichkeitsstörung. Da ich mich nicht mehr auf den Schulstoff konzentrieren konnte, absolvierte ich nur gerade so die Hauptschule und konnte nie auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden (dank der "Fürsorge" die ich in all den Jahren erleiden musste). Im Januar 2010 wurde ich massiv retraumatisiert. Nach einer gescheiterten Beziehung verletzte ich mich mit einem Cuttermesser am rechten Unterarm, was dafür sorgte das ich brutal von der Polizei überwältigt wurde. Als ich fixiert ins Krankenhaus gebracht wurde, wurde mein Arm, entgegen meines in einer Patientenverfügung festgelegten Willens genäht. Natürlich wurde ich in die Psychiatrie verschleppt und dort für eine Nacht gegen meinen Willen festgehalten. All das war extrem traumatisierend! ich fühlte mich wieder wie in dem Kinderheim. Bevor all dies geschah, versuchte ich zumindest irgendwie noch weiter zu leben. Nach dieser "Fürsorglichen Zurückhaltung" wie es der Psychiater in seinem Entlassbericht nannte, wollte ich nur noch sterben! So kam es seit diesem 05. Januar 2010 zu insgesamt 6!!!! Suizidversuchen. Mein Leben empfinde ich nur noch als Qual und vegetiere vor mich hin. Im November 2010 machte ich bei meinem damaligen Therapeuten den Mehrfach- Wortschatz-Intelligenztest (MWT-A) und erreichte einen IQ von 128. Trotzdem bin ich eine Versagerin, der man nur zutraut in einer WFBM zu arbeiten! Ich fühle mich derart entwürdigt und erlebe mich als so gescheitert, das ich keine Kraft mehr habe. Ich möchte aus dem System WFB raus und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Doch Niemand unterstützt mich dabei. Ich weiß nicht mehr was für einen Sinn mein Dasein haben soll?
Ich hoffe Sie haben Verständnis für mich und meine Situation und erleben mich nicht als Wehleidig. Haben Sie vielleicht einen Rat für mich, wie ich mit meinen Traumata zum einen und mit meinem Dasein als Versagerin klarkommen soll? Ich würde mich Sehr über eine Antwort von ihnen freuen.

Liebe Grüße
M. D.


Liebe M.D.,
Sie sind keine Versagerin, Sie fühlen sich nur so! Obwohl Sie nichts in Ihrem Leben gemacht haben, was den Vorwurf einer Versagerin objektiv begründen könnte, sind Sie anscheinend überzeugt, eine Versagerin zu sein. Wie erklären Sie sich das? Sie sind ein begabter Mensch, der sich nichts zuschulden hat kommen lassen, aber Sie fühlen sich dennoch als Versagerin. Ich glaube, tief innen drin glauben Sie, selber schuld zu sein an all den Unglücken, die Sie erleben mussten. Kleine Kinder glauben z.B. nicht selten, schuld daran zu sein, wenn die Eltern unglücklich sind. Wer aber glaubt, schuld zu sein, der hat Strafe verdient. Selbstmord ist die strengste Form einer Selbstbestrafung. Gleichzeitig wollen Sie natürlich auch Ihre Umwelt für all das Unglück bestrafen, dass Ihnen widerfahren ist. Dass Ihre geliebte Mutter Sie in dieses Kinderheim gegeben hat, haben Sie wahrscheinlich auch noch nicht "verdaut".

Das klingt jetzt sicher alles ein wenig einfach oder weit hergeholt für Sie. Aber es wäre an Ihrer Stelle meine Grundannahme zur Erklärung meines Verhaltens. Um dem Ganzen emotional auf die Spur zu kommen, empfehle ich Ihnen eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Das bietet die methodische Möglichkeit, tiefer herauszufinden, ob es sich so verhält, wie ich vermute. Wenn dem so wäre, überwinden Sie damit Ihre Selbst- und Fremdbestrafungswünsche und befreien sich vom Unglück Ihres bisherigen Lebens.

Dabei wünscht Ihnen viel Erfolg und alles erdenklich Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans Reinhard Schmidt