Sehr geehrter Herr Schmidt,   kurz zur Einleitung: Ich bin seit über 11 Jahren mit meiner jetzigen Lebensgefährtin (Wittwe) zusammen. Sie hat zwei Söhne (Halbwaisen), die jetzt 18 Jahre und 15 Jahre alt sind. Wir haben noch eine gemeinsame Tochter, jetzt 10 Jahre alt. Beide Jungs sagen Vati zu mir, da sie ihren leiblichen Vater, er verstarb, als der jetzt 15 jährige, geboren wurde. So nun zu meinen eigentlichen Anliegen: Seit über einem Jahr bereitet uns der 15 jährige allerhand Probleme. Es fing an, das er alle Gameboy-Spiele, seine und die seiner Geschwister verkaufte, obwohl er Taschengeld bzw. wenn er Geld brauchte, bekam. Nicht übermäßig viel, aber soviel das es nach unserer Meinung für den Tag ausreichen würde ( bis 5,- Euro ). Nicht konstant 5,- Euro. Er fing an heimlich zu rauchen, was wir in einem Gespräch versuchten ihm die gesundheitlichen Schäden aufzuzeigen. Erfolglos. Dann bestahl er uns, in dem er Geld aus unseren Geldbörsen entwendete, die Sparbüchse seiner Schwester leerte und wenn der Große schlief, in sein Zimmer schlich und dort Geld nahm. Da läuteten bei mir schon die Alarmglocken und meine Vermutung war, er brauchte das, um sich Drogen zu beschaffen. Und so war es auch, er nahm Cannabis. Obwohl ich mich mit ihm über die Gefahren von Drogenkonsum stundenlang unterhielt. Es war bevor er zum erstenmal Cannabis konsumierte. Er gab immer an, das er das mal nie machen würde, und er machte es doch und weiter. Er wurde deswegen auch schon einmal 3 Tage in eine Klinik eingewiesen. Als er diese verließ, wir holten ihn ab, äußerte er, das möchte er nicht nochmal durchmachen. 1-2 Wochen lief es gut, dann begann das Spiel von vorn. Wenn wir ihn jedesmal auf Drogenkunsum ansprachen, gab er nur zur Antwort, Nein sowas nehme ich nicht mehr, sowas mache ich nicht. Da er aber stark an Gewicht verlor, glaubten wir nicht so richtig daran. Der Zufall wollte es und wir mussten mit ihm zur Kinderärztin. Sie glaubte auch nicht so richtig an diese Antworten und testete ihn, Ergebnis: positiv. Den Test machte er freiwillig, da er der Meinung war, es kann ihn nichts nachgewiesen werden. Wir buchten einen Urlaub auf Rhodos und nahmen ihn mit. Dort lief alles bestens. Er war pünktlich, höflich und hatte seine Freiheit. Wir kamen Sonntag aus dem Urlaub zurück, meine Lebensgfährtin machte sich gleich über die Wäsche her, und er fragte noch anständig, ob er runter darf. Da wir zeitig zu Hause waren, gestattete sie ihm das. Abends kam er wieder nach Hause und stand unter Drogen. Meine Lebensgefährtin musste Montag wieder auf Arbeit und ich hatte Frei, da unsere Tochter noch Schulferien hatte. Der Große war auch schon wieder Arbeiten. An diesen Montag sollte der 15 jährige sich einen Zahnarzttermin holen und sich in der Schule kundig machen, wegen Anfangzeiten, Klassenzimmer usw. Gegen Mittag schlich er sich aus der Wohnung, ich bemerkte dies nicht, da ich in der Küche stand und das Mittagessen zubereitete. Unsere Tochter kam herein und sagte zu mir, S. ist schon vor einer weile gegangen. Naja ich dachte mir nichts weiter dabei. Aber er blieb einfach den Montag weg. Da uns ds noch nie passiert ist, liefen wir die ganze Nacht wie Tiere im Käfig herum und warteten. Ohne Erfolg. Seine Mutter musste Dienstag früh 6.00 Uhr auf Arbeit, was sie auch tat. Ich sollte sie nicht abholen, sondern zu Hause warten, falls unser Sohn wieder auftaucht. Sie kam gegen 15.30 Uhr nach Hause, da standen ein paar     " Kumpels " vor dem Haus. Sie fragte nach S., diese gaben aber zur Antwort, sie wüssten nicht wo er ist. Unsere Tochter schaute aus dem Fenster und sah ihn hinter einer Tonne des gegenüberliegenden Hauses hocken. Sie rief, aber er winkte nur ab und rannte davon. Wir begaben uns nach unten, um ihn hoch zuholen. Er war aber leider wieder verschwunden. Ist auch keine Kunst in einer Großstadt. Wir suchten zwei Stunden, ohne Erfolg. Es wurde unserseits eine Vermißtenanzeige aufgegeben. Am Freitag wurde er von der Polizei aufgegriffen und uns wieder übergeben. Nun suchten wir einen Rat, bei einem e.V. Dort wurden wir von einer Solzialpädagogin beraten. Am Ende war das Ergebnis, das sie den Spruch tätigte: " Das müssen sie so laufen lassen. Da gibt es keine Lösung. " Wir wendeten uns an das Sozialamt, um dort vielleicht eine Lösung oder Hinweis zu erhalten. Meine Lebensgefährtin rief an und schilderte den gesamten Sachverhalt. Dort erhielt sie den Spruch : " Sie haben den Kind wohl gedroht. " Sie verneinte, sagte blos, sie wolle mit ihm dort erscheinen um einen Rat zuholen. Die Dame wieder: " Sie haben den Kind wohl gedroht, wir können nichts machen, solange das Kind nicht freiwillig hier erscheint." Für meine Lebensgefährtin brach eine Welt zusammen. Sie bekam einen Nervenzusammenbruch. In der Zwischenzeit fing der 15 jährige an zu schnüffeln. Er schnüffelte Schuhspray, Deo's und Mischungen mit Leim (Kleber). Weiterhin verletzte er sich selber, fügte sich oberflächliche Schnitte am Arm zu und einen großen Brandfleck. Wir konsultierten unsere Kinderärztin und diese machte eine dringliche Überweisung für einen Kinderpsychologen fertig, mit der Bitte um Einweisung in eine Klinik. Donnerstag, 23.09.2004, hatten wir einen Termin. Auf Anraten der Kinderärztin, sollte erst ein Gespräch zwischen den Eltern und dem Psychologen stattfinden. Nein er wollte uns drei sehen. Leider konnte ich nicht mit, da ich mir ein Muskelriss, einen Tag zuvor, zugezogen hatte. Der 15 jährige ging freiwillig mit. Nach einer halben Stunde Gespräch, im Beisein des Jungen, kam heraus, es sei nur eine Pubertätskrise, er gefährtet sich zwar aber es sei noch nicht so schlimm und so wurde der Einweisungsschein auch ausgestellt. Aber die Klinik hatte noch keine freien Kapazitäten. Freitag nachmittag ging er wieder runter, wollte 21.00 Uhr wieder oben sein und verschwand. Wir warteten das ganze Wochenende, aber er erschien nicht. Am Montag erstatteten wir wieder eine Vermißtenanzeige, riefen den Psychologen an, da wir dachten er hatte sich schon um ein Platz bemüht, antwort: " Ich habe noch garnichts in die Wege geleitet. Konnte mich noch nicht darum kümmern " Wir teilte ihn blos mit, dass S. verschwunden ist. Gestern wurde unser Sohn nach einen Ladendiebstahl, welcher auch nicht der erste war, durch die Polizei nach Hause gebracht. Wir riefen den Psychologen an und teilten mit, das S. wieder da ist und wir bitten doch um eine schnelle Einweisung. Antwort: " Vor Freitag wird es nichts. " Meine Lebensgefährtin äußerte: " ich habe wieder einen Nervenzusammenbruch am Wochende gehabt, so das ich krankengeschrieben bin. " Antwort des Psychologen: " Das ist doch nicht mein Problem." Nun sind wir mit unserem Latein am Ende. Hier wird einen Steine seitens Behörden und anderen Institutionen in den Weg gelegt. Sollte das Kind erst in den Brunnen gefallen sein, dann stehen alle möglichen Behörden auf der Matte und machen die Mutter haftbar. Das kann sie nun nicht mehr verkraften. Außerdem macht er die Familie kaputt, die 10 jährige bekommt ja alles mit und weint schon heimlich im Zimmer,kaut an den Fingernägeln und ist nicht mehr so konzentriert in der Schule,der Große denkt da schon realistischer. Nun wende ich mich an Sie, um vielleicht einen letzten Rat zu erfahren. Ich bedanke mich schon in Voraus bei Ihnen und verbleibe     Mit freundlichen Grüßen  
P

Lieber Herr P.
vielen Dank für Ihren Brief! Na, da machen Sie und Ihre Familie ja eine sehr anstrengende Zeit durch! Und sehr bedauerlich, dass Sie bisher offenbar an recht inkompetente Helfer geraten sind. Bei S. handelt es sich aus meiner Sicht nicht nur um eine Pubertätskrise, sondern schon um ernstere und tiefere seelische Probleme, die schon länger schlummern und in der Pubertät nur noch intensiviert werden bzw. herausbrechen. Worum es sich dabei bei S. handeln mag, kann ich so nicht genau beurteilen. Ob er sich vielleicht in seiner Geschwisterreihe tief drinnen besonders benachteiligt fühlt (nicht materiell, sondern psychisch), weil er das einzige Kind ist, dass seinen leiblichen Vater nie erlebt hat? Seine Geburt ist ja verbunden mit dem Tod seines Vaters, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Ihre Tochter hat Sie als Vater, der große Bruder war schon 3, als der eigene Vater starb. Wie unterscheidet sich die Einstellung seiner Mutter zu ihm von derjenigen seiner Geschwister? Ist er für seine Mutter nicht von Anfang an ein "Sorgenkind" gewesen? Immerhin war es für sie sicher auch eine sehr schwere Zeit mit ihm als Baby, als der Ehemann plötzlich starb.

Ich empfehle Ihnen eine Familientherapie in einer Erziehungsberatungsstelle. Ihre ganze Familie setzt sich dort um einen Tisch und versucht, das Verhalten von S. im familiären Kontext zu verstehen und nach Abhilfe zu suchen. S. sollte dort seine Rolle in der Familie besprechen können, denn ich vermute, dass er sich dort schon lange insgeheim sozusagen als 5. Rad am Wagen fühlt. Womöglich fühlt er sich als einziger seiner Geschwister wirklich wie ein Waisenkind, das viel Trost braucht. Das verunsichert ihn sehr und bringt ihn auf diese "pubertären" Abwege und Ersatzbefriedigungen, die Sie als Hilfeschreie verstehen sollten.

Wenn Sie familientherapeutisch nicht fündig werden, können Sie mir gern nochmals mailen, damit ich Ihnen vielleicht jemanden empfehlen kann. Sie müssten mir dann aber Ihren Wohnort angeben.

Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt