Hallo,

auch ich habe ein Problem mit meiner Frau. Ich (32) bin mit ihr(29) seit
über sechs Jahren zusammen und seit drei Jahren verheiratet. Inzwischen
erwarten wir das zweite Kind, welches im März kommen soll. Das Problem
ist eigentlich ähnlicher Art, wie ich in Ihrem Forum schon mehrfach lesen
konnte. Wir haben uns voneinander entfernt, sie nörgelt oft, ich hör oftmals
nicht (mehr) richtig zu. Ich bin selbstständig, arbeite also selbst und das
ständig. Oftmals über 60-70 Std. die Woche. Trotzdem wickel ich den Kleinen
morgens und mache ihm Frühstück, komme im Laufe des Tages auch schon mal nach
Hause, und entlaste hierdurch meine Frau etwas vom Kinderstreß. Den Sonntag
nehme ich mir frei, früher habe ich da auch noch gearbeitet. Aber ich will
ja wenigstens einen Tag der Woche was von meiner Familie haben. Meine Frau,
welche bedingt durch eine schlimme Vergangenheit zum Zeitpunkt unseres
Kennenlernens stark an Depressionen litt, ist der (meiner Meinung nach)
agressivere Part in unserer Beziehung. Ihre Depressionen sind durch (glaube ich)
auch meiner Mithilfe nicht mehr so stark ausgeprägt, aber noch da. Daher ist sie
auch derzeit in ärztlicher Behandlung, macht eine Therapie (nicht die erste und
wahrscheinlich auch nicht die letzte). Ich versuche ihr immer mit Verständnis
zu begegnen und ihre gesundheitlichen Probleme zu akzeptieren. Ich mache ihr
z.B. auch nicht zum Vorwurf, das Abends kein Essen auf dem Tisch steht (warum
auch?) oder ich mal wieder nichts zum Anziehen habe, weil sie die Wäsche nicht
gemacht hat. Sie wiederrum macht mir jedoch zum Vorwurf, wenn ich mich
lausig anziehe, mal nicht mehr die Lust hatte, meine dreckigen Klamotten
wegzuräumen etc. Ja, ich bin kein Ordnungsmensch, habe aber mit Hilfe
meiner Frau diverse Sachen schon geändert, so das ich jetzt zumindestens
wesentlich mehr Ordnung halte als früher. Aber hab ich das eine Übel
beseitigt, so findet sie das nächste. Auch ich muß hier sicherlich an mir
arbeiten. Mein Ordnungsproblem rührt daher, das meine Mutter, wie sie wörtlich
mal sagte, mit 12 Jahren aufgab mich zu erziehen. Diese Erziehungslücke hat
mein Problem geschaffen, an das ich arbeiten muß. Eben so, wie kindheitsbedingt
meine Frau Probleme zu bewältigen hat. Ich nehme so gut wie ich kann Rücksicht
auf die Probleme meiner Frau, sie auf meine leider kaum. So z.B.
mit dem rauchen. Ich rauche sehr sehr viel, bin innerlich aber schon fast so
weit, damit aufhören zu wollen. Hierzu fehlt mir noch der letzte Kick zum
Aufhören aus eigenem Antrieb. Diesbezüglich hab ich meine Frau gebeten, mich
nicht zu schickanieren ("Du Kettenraucher etc."), weil ich genau weiß,
das dies mir nicht weiterhift, sondern mich eher bremst. Dann lässt sie mich
mal ein paar Wochen damit in Ruhe, fängt dann aber wieder mit den beleidigenden
Beschimpfungen an. Oftmals hatte ich gerade dann den Mut zum Aufhören verspürt,
durch ihre Aggressivität und damit verbundenen Streitereien, steck ich mir
schon aus Frust wieder eine an. Wenn es nicht ums rauchen geht, so schickaniert
sie mich mit Kleinigkeiten und hört nicht auf zu streiten. Sobald sie mir dann
meine Probleme zum Vorwurf macht, hört bei mir alles auf. Selber kann sie es ja
auch nicht leiden, wenn ich ihre wunden Punkte hervorhole. Ich nehme zu 99%
Rücksicht darauf, selber zeigt sie kaum Verständnis. Wird beleidigend
und persönlich. Sie schreit mich an und starrt mit funkelnden Augen an. Ich hab
oftmals eine Menge Probleme damit, solch eine Situation mit Fassung zu nehmen.
Jeder Streit wird zur Ehekrise, mit Scheidung wird gedroht ! Dabei, so bin ich
mir sicher, liegt unser Problem vielmehr in der enormen Belastung, welche wir
beide auszustehen haben. Berufliche Probleme, kein großes finanzielles Auskommen
und die Schwangerschaft meiner Frau. Ich kann unter diesen Umständen reiberreien
verstehen und akzeptieren, meine Frau nicht. Sie kann es nicht bei einer
Reiberei belassen, bohrt immer weiter und weiter und läßt nicht locker.
Jetzt habe ich natürlich Angst vor einer Trennung, zumal ich doch meine
Frau und meinen Sohn sehr liebe. Wenn ich es derzeit auch nicht zeigen kann.
Ich bin zwar kein Fachmann, doch habe ich die Vermutung, das durch die Tatsache,
das meine Frau niemanden die Meinung direkt ins Gesicht sagen kann, ich diese in
ihr aufgestauten Gefühle doppelt und dreifach abbekomme. Und darunter leide ich,
wenn ich auch nicht wie meine Frau dadurch in mich zusammenklappe, sondern dies
innerlich verdränge ohne es nach aussen hin zu zeigen. Keiner sieht, wie dreckig
es meiner Seele derzeit geht. Ich fasse aber auch immer wieder Mut und hoffe
auf bessere Tage. Ich habe hier ein selbst mir unverständliches
Durchhaltevermögen. Ich bin halt ein Optimist, meine Frau genau das andere
Extrem. Ich kämpfe tagtäglich um unsere Existenz, meine Frau resigniert
mindestens einmal am Tag. Ich will eine Zukunft für unsere Kinder schaffen,
meine Frau auch. Nur sieht sie keine Zukunft, wenn ich mich weiter wie
ein 10-jähriger benehmen würde. Ich benehme mich teilweise tolpattschig
und unsicher, jedoch bedingt durch ihre nörgelei (mach das so !! was machst du
denn da fürn Unsinn ?? etc.) wird das nicht besser. Eigentlich müßte ich meine
selbstständigkeit aufgeben, um das Umfeld zu verbessern. Nur stehen wir hier
in einem starken Abhängigkeitsverhältnis, da ich mir ne Menge Geld von meinen
Eltern geliehen habe, nur um das Geschäft weiter am Leben zu erhalten. Meine
Eltern hatten schon immer eine Gabe dafür, mit Geldspritzen statt mit Vernunft
und Liebe mein Leben zu unterstützen. Nur durch das Geld haben wir nicht schon
vor Jahren das Geschäft aufgegeben. Jetzt haben wir nochmehr Verpflichtungen,
müßen dafür noch Jahre arbeiten um alle Schulden bezahlen zu können. Wenn ich
jetzt alles hinschmeisse, wirds durch die Schulden sicherlich wesentlich
ungemütlicher in unserem sozialem Umfeld. Das kann ich derzeit nicht
verantworten, daran würde die Familie mindestens genauso drunter zuleiden
haben, wenn nicht sogar mehr. Ich weiß da im Moment keinen anderen Ausweg,
als so weiterzumachen, wie bisher. Sind eigentlich nur noch ca. 5 Jahre,
bis wir Schuldenfrei wären (wenn nichts schiefgeht). Dann wären unsere Kinder
so im Einschulalter, dann könnte ich mich vom Geschäft frei machen, könnte
ein richtiges geordnetes Familienleben leben. Ich arbeite mit Hochdruck
an diesem Ziel, meine Frau hätte solche Verhältnisse am Liebsten sofort
geschaffen. Ich kann auch noch 5 Jahre damit leben, das vieles nicht stimmt.
Meine Frau ist dieser Belastung scheinbar nicht gewachsen. Nur ein anderer
Ausweg ist auch ihr nicht eingefallen. Aber wie schaffe ich es nun, meiner
Frau die Unzufriendenheit und Aggressivität zu nehmen ? Sollte man sich scheiden
lassen, damit es wenigstens ihr und den Kinder besser geht ? Eigentlich fehlt
ja nur etwas mehr Harmonie in der Beziehung, etwas mehr Verständnis für den
anderen. Nur bei dem oftmals aggressivem Verhalten mir gegenüber, hab ich
Probleme ihr freundlich entgegenzutreten.
Mit vielen Grüßen
Wuseltier (so nennt sie mich)

Liebes Wuseltier,

vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Wenn Sie schreiben, dass Sie die nächsten 5 Jahre damit leben können, dass vieles nicht stimmt in Ihrer Ehe, Ihre Frau dieser Belastung aber wohl nicht gewachsen ist, dann haben Sie sicher recht. Sie ziehen daraus nur den falschen Schluss. Statt Ihrer Frau dies (und vieles andere) vorzuwerfen und ihr dann so sauer zu sein, dass Sie zum Beispiel weiter rauchen, sollten Sie ernsthaft darüber nachdenken, wie Sie liebevoller und nachsichtiger mit Ihrer Frau umgehen könnten. Ihre Frau hat offensichtlich in der Ehe nicht sehr viel von Ihnen. Sie sind ein Arbeitstier, das sich wahrscheinlich schwer beeinflussen lässt und das wohl auch etwas verwöhnt und ansprüchlich zu sein scheint. Anstatt das Verhältnis zur Partnerin aktiv zu verbessern, bemitleiden (sorry: bejammern) Sie sich ausgiebig. Was soll sich ändern, wenn Sie nicht damit anfangen? Darauf zu warten, dass der andere anfängt, auf einen zuzugehen, hilft selten oder nie.

Also, wie wäre es, wenn Sie über Ihren Schatten springen und Ihrer Frau ab sofort wieder viel Freude machen würden? Bringen Sie ihr regelmäßig Blumen mit, gehen Sie einmal die Woche mit ihr aus, verwöhnen Sie sie, seien Sie zärtlich, hören Sie auf zu rauchen, bitten Sie sie um Nachsicht, dass Ihr Beruf so viel Zeit und Kraft fordert... Ihre Frau ist schließlich schwanger mit dem zweiten Kind, hat eine schlimme Vergangenheit und einen manchmal nicht sehr einfühlsamen Mann.

Nichts für ungut, liebes Wuseltier, aber das wissen Sie doch sicher aus der Berufswelt: Wer nichts investiert, verdient auch nichts. Investieren Sie emotional stärker in Ihre Frau, Sie werden sehen, es zahlt sich für Sie, Ihre Ehe und Ihre Kinder aus.

Alles Gute, Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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