Sehr geehrter Herr Schmidt,
wir brauchen dringend einen Rat für unseren Sohn.
Er ist jetzt 6 Jahre alt. Nach einer schweren Geburt mit einem Geburtstrauma (wir vermuten heute auch eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt) war unser Sohn im Säuglings- und Kleinkindalter unauffällig. Vielleicht zu unauffällig, wenn wir zurückdenken, denn er war sehr ruhig und nicht so lebendig, wie wir es nun von seiner 2-jährigen Schwester her kennen. Je mehr Zeit verging und wir sahen, wie sich andere Kinder entwickelten, fiel uns auf, dass sich unser Sohn nicht mit der gleichen Geschwindigkeit fortentwickelte, sondern jede Phase später begann als bei anderen Kindern. Im allgemeinen war seine Entwicklung immer etwas hinteran, sowohl in geistiger (Sprache) wie auch in körperlicher Hinsicht (Motorik), wobei anzumerken ist, dass er in körperlicher Hinsicht gut aufgeholt hat. Seit 2 Jahren geht er zur Ergotherapie, da immer deutlicher wurde, dass er sehr ängstlich, zurückhaltend, kontaktscheu, nicht offen neuen Situationen gegenüber und passiv im Verhältnis zu anderen Kindern ist. Mit ein, zwei Kindern kann er wunderbar spielen ( ergreift dort auch teilweise die Initiative), aber in einer Gruppe zieht er sich zurück und wirkt überfordert. Vielen Situationen steht er hilflos gegenüber, traut sich nichts, fragt nicht, spricht wenig über das am Tag erlebte und ist bei jeder Aktivität grundsätzlich immer der letzte (er läßt andere erst mal machen, schaut ab und wird dann aktiv). Mit zunehmendem Alter bemerkten wir auch, dass er praktisch kein Selbstvertrauen besaß (woher sollte das auch kommen?!). Wir machten uns zwar Sorgen, hielten unseren Sohn jedoch nur für einen Spätentwickler. Positiv fiel uns auf, dass er durchaus Begeisterung und Initiative für Tätigkeiten entwickeln kann, er blüht dann regelrecht auf, aber nur im vertrauten Umfeld und wenn er nicht das Gefühl hat unter Leistungsdruck zu stehen bzw. sich mit anderen vergleichen zu müssen. Da die Ergotherapie keine wesentliche Besserung brachte, haben wir im letzten halben Jahr eine Reihe von Tests machen lassen. So trägt er jetzt eine Brille, da seine Augen im Nahbereich bisher überanstrengt wurden und schnell ermüdeten. Sein Malstil hat sich danach leicht verbessert. Eine Messung der Hirnstromaktivitäten ergab keine Auffälligkeiten. Bei einem Hörverarbeitungstest ergab sich jedoch, dass seine Hörverarbeitung dem eines 4-jährigen Kindes entspricht und er unter Wahrnehmungsstörungen leidet. Abschließend wurde ein Intelligenztest (Kaufmann-ABC) vorgenommen, der katastrophal endete. Uns wurde daraufhin eröffnet, unseren Sohn statt auf einer Grundschule direkt bei einer Förderschule anzumelden. Nun steht Anfang nächsten Jahres die Einschulungsuntersuchung an und wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Konkrete - vor allem ineinandergreifende - Hilfen wurden uns bisher nicht angeboten. Wir haben den Eindruck, jeder Arzt werkelt auf seinem Fachgebiet herum umfassende Hilfe unter Beachtung aller Auffälligkeiten findet nicht statt. Wir sind der Meinung, dass unser Sohn Hilfe und Förderung bedarf (vor allem zur sozialen Integration) ohne ihn dabei zu überfordern. Er muss Erfolgserlebnisse haben, die sein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl steigern.
Wir haben nun folgende Fragen:
Wie aussagekräftig ist ein solcher Intelligenztest über ein 6-jähriges Kind?
Einige Testaufgaben haben wir in abgewandelter Form unserem Sohn vorgelegt und das Ergebnis war teilweise wesentlich besser als das beim Psychologen. Dort waren wir während des Tests auch nicht dabei!
Kann die Intelligenz bei einem Kind gesteigert werden und welche Förderungsmöglichkeiten gibt es hierfür ohne ein Kind zu überfordern?
Ganz wichtig erscheint uns, dass sein Sozialverhalten und Selbstvertrauen gestärkt wird. Ohne hier etwas positives zu erreichen, hat ein Schulbesuch von Anfang an keine Aussichtauf Erfolg. Was kann man hier tun und wo können wir kompetente Hilfe in Anspruch nehmen?
Welche Möglichkeiten gibt es, die Hörverarbeitung zu verbessern und welche Einrichtungen können uns dabei unterstützen?
Wir hoffen, Sie können uns helfen.
Mit freundlichem Gruß
Familie I.

Liebe Familie I.,
Ihr Sohnemann scheint etwas entwicklungsverzögert in Folge seiner schwierigen Geburtsumstände zu sein. Sie sollten mit ihm nicht zu einzelnen Fachärzten gehen, sondern ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) aufsuchen. Dort finden Sie ein Team ganz verschiedener Professionen, die Ihren Sohn "rundum" ansehen und fördern können. Sie finden das in Ihrer Wohngegend nächste SPZ unter dieser Adresse:
http://www.dgspj.de/spz.php

Dort sollten Sie Ihren Sohn noch einmal neu und umfassend psychologisch-pädiatrisch untersuchen lassen. Dort kann man Sie dann auch genau beraten und die richtigen Therapien einleiten. Was den Intelligenztest betrifft: Nehmen Sie es nicht allzu ernst, dass Ihr Sohn "versagt" hat. Solche Tests sind sehr beziehungsabhängig. Wenn Ihr Sohn sich in der Testsituation unwohl gefühlt hat oder ängstlich war, besagt das gar nichts über seine Intelligenz. Unter besseren Bedingungen sollte man im SPZ einen neuen Testversuch machen.

Noch einen allgemeinen Rat: Überfordern Sie Ihren Sohn nicht. Lassen Sie ihn sich in Ruhe entwickeln, ohne überängstlichen Leistungsdruck. Sie werden sich damit abfinden müssen, dass er so ist, wie er ist (und er ist sicher gut so, wie er ist!). Er braucht einfach etwas mehr Entwicklungszeit als andere Kinder.Sie müssen ihn seinen Möglichkeiten gemäß fördern und wachsen lassen. Und welche Möglichkeiten er z.B. im Hinblick auf die kommende Einschulung hat, erfahren Sie sicher im SPZ nach genauer psychologischer und pädiatrisch-neurologischer Untersuchung.

Ich wünsche alles Gute!
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt