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geehrter Herr Schmidt, unsere Tochter wohnt nach unserer Trennung - während der Schwangerschaft schon- bei mir. Jetzt ist sie sieben und möchte seit einigen Monaten am liebsten zu ihrem Vater ziehen, bei dem sie seit 3 Jahren einmal die Woche übernachtet. Sie sagt ich sei zu streng zu ihr und bei ihm würde alles anders sein. Nachdem ich ihr jedesmal sagte, daß das nicht ginge und ich es schön finde, daß sie bei mir wohnt, habe ich ihr gestern gesagt, sie müsse ihren Vater fragen, ich würde es ihr ihretwegen erlauben, und wiederholte, daß ich mich freue, wenn sie bei mir wohnt. Es gibt keinen zeitlichen oder finanziellen Grund dafür, daß sie nicht auch bei ihm aufwächst. Heute frage ich mich, ob eine solche Antwort, sie nicht zwischen die Stühle gesetzt hat und überfordert, denn ich weiß, daß ihr Vater aus rein persönlichen Gründen (weniger Freiraum) dem nicht zustimmen würde. Meine Frage ist: was würden Sie mir für einen Rat geben, wie ich mit dieser Situation umgehe? Vielen Dank für Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen Lisa |
Sehr geehrte Lisa,
vielen Dank für Ihre interessante Anfrage! Ich finde es sehr
gut, wie
Sie es bisher gemacht haben! Sie verstehen es nicht als gegen Sie
gerichtet, wenn Ihre kleine Tochter zum Vater ziehen will. Die
meisten
Scheidungskinder glauben, beim "Besuchsvater" sei es
wie im
Schlaraffenland, gegen das der Alltag bei der Mutter stark
abfällt.
Natürlich ist das eine Illusion, aber das können kleinere
Kinder eben
noch nicht wissen. Deswegen haben Sie genau das Richtige gesagt:
Sie
haben Ihrer Tochter zu verstehen gegeben, dass Sie sie lieben und
gerne bei sich haben. Sie sind ihr aber auch nicht böse, wenn
sie zum
Vater ziehen will und verbieten es ihr nicht generell. Als Mutter
haben Sie bis hierher erst einmal Ihre Pflicht bestens erfüllt.
Nun wäre der Vater Ihrer Tochter an der Reihe. Nun ist es seine
Aufgabe, sich mit dem Wunsch seiner Tochter auseinander zu setzen
und
ihr kindgerecht zu erklären, dass sie vielleicht nicht bei ihm
wohnen
kann (die meisten Väter von kleineren Kindern können das am
besten mit
ihrer ganztägigen Berufstätigkeit begründen). Vielleicht
bietet er ihr
als Ausgleich einige längere Besuchszeiten oder -wochenenden
oder
dergleichen an?
Oder er vereinbart im Einvernehmen mit Ihnen, dass die Tochter
wirklich zu ihm zieht. Das wäre für Sie vielleicht etwas
schmerzhaft,
aber Sie müssen auf Dauer keinerlei Sorge haben, Ihre Tochter zu
verlieren. Im Gegenteil, sie wird Ihnen dankbar sein, dass Sie
ihr
ermöglicht haben, nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihren
Vater
intensiv im Alltag kennenzulernen und mit ihm zu leben. Damit
könnte
sie familienähnliche Erfahrungen mit beiden Eltern sammeln. Ich
habe
damit gute Erfahrungen in Familien gemacht.
Später kann sie ja wieder zu Ihnen zurückkommen, wenn der
Alltag beim
Vater "ätzend" wird und die Besuchswochenenden bei
Ihnen immer so
schön waren! Dann wäre sie jedenfalls um einige kostbare
Erfahrungen
für ihr Leben reicher.
Egal, wie es sich ergeben mag: Wichtig ist, dass Sie und der
Vater
Ihrer Tochter einvernehmlich entscheiden. Lassen Sie Ihre Tochter
vielleicht nicht ganz allein mit dem Vater über den Umzugswunsch
sprechen. Besser wäre es, Sie vereinbaren ein Dreier-Gespräch:
Sie,
die Tochter und der Vater. In möglichst zwangloser Athmospäre,
freundlich und humorvoll. Ob das möglich ist? Darüber würde
sich Ihre
Tochter sehr freuen.
Alles Gute, Ihr
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt