Sehr geehrter Herr Schmidt,

meine Frau ( 43 Jahre alt ) und ich ( 38 Jahre alt ) sind seit 11 Jahren zusammen und seit acht Jahren verheiratet. Kinder sind keine vorhanden, da meine Frau und ich große Schwierigkeiten hatten Kinder zu bekommen ( Alter und eingeschränkte Zeugungsfähigkeit ), darunter haben wir beide immer sehr gelitten. In all den Jahren seit wir zusammen sind haben wir vieles gemeinsam im Leben gemeistert. Sicher kann ich auch bestätigen, daß meine Frau und ich Gemeinsamkeiten besitzen. In den Augen der Freunden, der Familie usw. werden wir soetwas wie als ein "Musterehepaar" gesehen. Allerdings waren immer zwei Bereiche die mich in meiner Ehe störten. Ich bin jemand der sehr gerne ausgeht, also sich unters Volk mischt, keine Lust hat ständig vor dem Fernseher zu sitzen, das ist der eine Punkt und der andere ist, daß ich ein Mensch bin der seine Sexulität ausleben möchte, d.h. daß ich gerne leidenschaftlichen und häufigen Sex liebe, den ich mit meiner Frau vermisse. Vor genau 2 Jahren habe ich eine Frau in meinem Unternehmen gesehen , die mir auf Anhieb gut gefallen hat, wir beide spürten auch sofort die gemeinsame Anziehungskraft, dennoch bin ich Ihr quasi ein halbes Jahr aus dem Weg gegangen, da ich treu sein wollte. Aber dann konnte ich nicht anders, ich verabredete mich mit ihr und seit dem habe ich ein Verhältnis mit Ihr ( 12 Jahre jünger als ich ). Meine Freundin genießt unser Zusammensein genauso wie ich, mit Haut und Haaren, dennoch litten wir bis heute darunter, daß wir uns ständig verstecken mußten. Vor einem halben Jahr haben wir unsere Beziehung - jeder für sich - unserem Ehepartner gesagt. Für meine Freundin war es quasi befreiend, da sie sich sowieso von Ihrem Mann trennen wollte. Ich habe während der gesamten Beziehung zu meiner Freundin ständig gelitten, mich mit der Frage beschäftigt, Trennung von meiner Frau ja oder nein, ich habe oft geweint. Im März letzten Jahres bin ich aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen um quasi einen "klaren Kopf" zu bekommen. Ich dachte daß ich in einem halben Jahr dies schaffen werde. In der Zwischenzeit habe ich mich heimlich immer mit meiner Freundin getroffen, quasi mehrere Tage die Woche bei Ihr gewohnt. Meine Freundin ist auch ausgezogen und hat sich eine eigene Wohnung genommen. Im November ist meine Frau aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und ich bin wieder eingezogen, da mein Zimmer gekündigt wurde. Meine Frau weiß bis heute nicht, daß ich mich weiterhin mit meiner Freundin treffe, ich habe Ihr gesagt ich hätte Schluß gemacht. In dieser Zeit konnten meine Freundin und ich, konnten wir uns noch näher kennenlernen. Auf der sexuellen Ebene haben wir beide genau das gefunden, was wir uns gewünscht haben, es ist wunderschön. Hinzu kommt - und dieser Punkt läßt mich überhaupt nicht los -, daß ich mir so sehr ein Kind wünsche und dieser Wunsch plötzlich wieder Realität werden kann. Auf der Ebene im sogenannten Alltag, fielen mir folgende Dinge auf: Ich interessiere mich - aufgrund meiner Vorbildung ( Studium ) für viele Bereiche, die meine Freundin überhaupt nicht oder wenig interessiert, im Sport haben wir viele Gemeinsamkeiten, leider können wir den Alltag nicht so ausleben wie wir wollten, da ich mich immer irgendwie davor gedrückt habe mich mit Ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen, ich wollte nicht, daß meine Frau davon erfährt, ich habe Angst davor, daß meine Frau endgültig von sich Schluß macht. Meine Frau kontaktiert mich seit ein paar Wochen regelmäßig telephonisch und möchte nun eine endgültige Entscheidung, sie ist nervlich am Ende und Ihr Beruf leidet auch schon darunter. Seit ein paar Wochen habe ich Zweifel bekommen ob meine Freundin und ich - wegen den bestehenden Unterschieden - überhaupt zusammenpassen. Ich habe auch Angst wegen des bestehenden Altersunterschiedes (12 Jahre. Ich sagte Ihr das auch, es war ein Schock für Sie. Nun sind einerseits meine Freundin und ich - anderseits auch meine Frau zu dem Schluß gekommen, daß es so nicht weitergehen kann. Wir leiden alle darunter, i habe schon gesundheitliche und berufliche Probleme bekommen, ich fühle mich innerlich total zerrissen, ich kann seit Monaten kaum schlafen. Ich kann so nicht mehr weitermachen, ich möchte nicht mehr vor dem "Problem" davonlaufen. Ich spiele jetzt quasi doppeltes Spiel, meine Frau denkt ich komme jetzt wieder langsam zurück und meine Freundin weiß nichts von den Telefonaten mit meiner Frau, meine Freundin denkt aber auch daß ich demnächst zu Ihr ziehe, bzw. ich mich für Sie entschieden habe. In den Treffen mit meiner Frau ist mir aufgefallen, daß wir sehr wenig miteinander sprechen, wir fassen uns fast überhaupt nicht mehr an - obwohl Sie sehr attraktiv aussieht - ich hatte jedesmal Sehnsucht nach meiner Freundin. Was mich so verrückt macht ist, daß die Vernunft ja zu meiner Frau sagt und das Gefühl ja zu meiner Freundin sagt. Wenn ich ganz ehrlich bin fehlt mir auch meine gewohnte Umgebung ( Haus, Nachbarn, Freunde usw., es fällt mir schwer, dieses loszulassen. Wovor habe ich Angst, liebe ich meine Frau noch ? , obwohl ich zu meiner Freundin "ich liebe dich " sage, lasse ich mich blenden von dem Aussehen und dem Alter meiner Freundin ( --> meine Traumprinzessin )und dem gemeinsamen Kinderwunsch, ist es "unfair" meine Sexualität als Lebensthema zu betrachten ?, was steckt dahinter, daß ich mich nicht in der Öffentlichkeit mit meiner Frau blicken lasse, heißt das ich liebe meine Frau doch noch ?, Sie sagt heute, daß Sie mich sehr liebt. Ich hab keine Ahnung wie soll ich mich in den nächsten Wochen verhalten bzw. entscheiden ? Soll ich beiden Frauen gegenüber mit offenen Karten spielen, wenn ich das mache, weiß ich, daß meine Frau mich verlassen wird, das hat sie gesagt. Ich weiß nur, daß ich starke Sehnsucht zu meiner Freundin verspüre und dennoch gleichzeitig das Gefühl habe mir und meiner Frau eine neue Chance zu geben. Soll ich der Beziehung meiner Ehe eine Chance geben, weil meine Frau quasi das "Vorrecht" hat ? Ich möchte meiner Frau dieses Warten auch nicht mehr länger zumuten. Ich weiß nicht mehr was richtig und was falsch ist, ich weine jeden Tag und bin sehr verzweifelt. Ich weiß, daß ich die Entscheidung nur alleine treffen kann und muß ( habe ich sie schon getroffen ?, aber welchen "diplomatischen Weg" der Entscheidungsfindung können Sie mir empfehlen ? ). Meine Frau hat mir jetzt eine Frist von einem Monat gegeben, allenfalls will sie mich verlassen. Meine Frau hat auch schon mit Selbstmord gedroht. Ich möchte auf jeden Fall eine Entscheidung herbeiführen, ich halte den Druck nicht mehr aus, ich brauche wieder Lebenskraft, sonst verlier auch noch alles, auch noch meinen Job. Lieber Herr Schmidt, das ganze zieht sich jetzt schon fast zwei Jahre so dahin, ich weiß nicht mehr weiter. Wie gesagt, seit einigen Wochen eigentlich Monaten plagen mich Zweifel ob ich meine Freundin doch verlassen soll, wegen der Unterschiede, uns verbinden keine großartigen Interessen und ich muß sie sehr oft aufgrund Ihrer Unerfahrenheit im Alltag motivieren, was mich sehr viel Kraft kostet. Aber ich bin nach zwei Jahren nach wie vor von Ihrer Liebe und Zärtlichkeit zu mir angetan. Sie liebt mich aufrichtig, sie hat die Erotik, die mich auch nach zwei Jahren nicht losläßt, sexuell harmonieren wir beide nach wie vor harmonisch, die Leidenschaft hat auch nach zwei Jahren nicht abgenommen. Ich liebe Ihren Liebreiz und Ihren Humor und vor allen Dingen Ihre Zärtlichkeit. Aber mir fehlen die gemeinsamen Interessen mit meiner Frau, die gemeinsamen Rituale, das gemeinsame Zusammenleben usw. Verdammt wie kann ich meine Zerrissenheit auflösen ? Zusätzlich macht mir zu schaffen, daß ich keine von beiden alleine lassen kann. Meine Freundin lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen und hat sehr viel Kraft in unsere Beziehung gesteckt, ich habe Ihr sehr viel Hoffnung gegeben. Hinzu kommt, daß ich es derzeit darauf "ankommen" lasse, daß meine Freundin und ich ein Kind bekommen. Aber mittlerweile habe ich wegen den Zweifeln, Angst ich könnte über eine Schwangerschaft vor vollendeten Tatsachen stehen. Ich möchte selbst eine Entscheidung fällen, verdammt warum kann ich nach zwei Jahren dies nicht tun ? Manchmal habe ich das Gefühl, mir kann man nicht mehr helfen.

Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Vielen Dank im Voraus.

Ihr M

Lieber M,
haben Sie vielen Dank für Ihren anschaulichen Brief! Man muss beim Lesen an den berühmten buridanischen Esel denken, der in der Mitte zwischen zwei Heuhaufen steht und, weil er sich nicht entscheiden kann, zu welchem von beiden er zum Fressen gehen soll, verhungert. Ein anderer spontaner Gedanke, der mir kam, war, dass man Ihnen zuliebe vielleicht wieder die Vielweiberei einführen sollte (vorausgesetzt, Ihre beiden Frauen wären damit einverstanden, woran ich allerdings ernstlich zweifle).

Halbernst beiseite! Sie wissen es selbst genau: Sie müssen sich nun endlich festlegen. Es geht so ja wirklich nicht weiter. Es dauert schon erstaunlich lange. Ihre Frau ist jedenfalls erstaunlich geduldig mit Ihnen. Sie haben beiden Frauen schon erstaunlich lange viel zugemutet. Ist Ihnen das voll bewusst, dass Sie schon zwei Jahre lang mit den beiden Frauen ein recht verantwortungsloses Spiel treiben? Ein Spiel, das Sie aus meiner Sicht irgendwie auch genießen, bei dem Sie Ihre Unentschlossenheit auch irgendwie "pflegen"? Seien Sie mal ehrlich: Ist es nicht ein wunderbares Gefühl für Sie, von zwei Frauen gleichzeitig begehrt zu werden? Hat es nicht einen erheblichen Reiz für Sie, eine Entscheidung hinauszuzögern, damit Sie nicht wieder nur bei einer Frau allein landen? Ihr Problem scheint nicht in der RICHTIGEN Entscheidung zu liegen, sondern darin, dass Sie eine Festlegung überhaupt vermeiden wollen. Aber darum kommen Sie nun nicht mehr herum.

Und Ihre Entscheidung kann Ihnen auch wirklich niemand abnehmen. Sie müssen sie mutig ganz allein und möglichst rasch und dann endgültig treffen. Ihr Problem liegt darin, dass Sie an beiden Frauen Positives und Negatives im gleichen Verhältnis finden. Sie wollen aber von jeder Frau das Positive, von Ihrer Ehefrau das angenehme und vertraute Sicherheitsgefühl einer langjährig gewachsenen Beziehung samt psychosozialer Infrastruktur, von Ihrer Geliebten den Sex und die Zärtlichkeit und den Kinderwunsch. Aber beides gleichzeitig können Sie einfach nicht bekommen.

Wenn Sie das nun endlich einsehen, fällt Ihnen die verantwortungsvolle Festlegung sicher leichter. So oder so: Legen Sie sich nun fest.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt