Lieber Herr Schmidt,

momentan beschäftigt mich eine Situation, zu der ich gern Ihre Meinung hören würde. Dazu muss ich etwas ausholen und auch meine "familiäre Historie" mit einbeziehen um den Kontext besser zu beschreiben.

Ich bin 40 Jhr., glücklich seit 12 Jahren verheiratet, habe 2 Kinder, 6 und 10 Jhr.

Im Alter von ca. 5 Jhr. beging mein Vater Selbstmord, mit dem meine Mutter sehr schlecht zurechtkam. Sie "flüchtete" meines Erachtens danach mit mir und meiner Schwester (damals 8) in eine andere Stadt. Der Selbstmord wurde tabuisiert und wir Kinder haben uns erst viel später, im Erwachsenenalter gemeinsam damit auseinandergesetzt. Es gab sehr viele familiäre Spannungen, ich war das "weiße", meine Schwester das "schwarze" Schaf der Familie. Meine Mutter hat viele Aggressionen an uns ausgelassen, war jähzornig auf der einen, sehr liebevoll auf der anderen Seite. Ein hochexplosiver Vulkan, von dem man nie recht wusste, wann sie explodierte. Ich war ein sehr introvertiertes, ruhiges, pflichtbewusstes, "braves" Kind, das gut "funktionierte". Ich habe mich sehr darum bemüht meiner Mutter, die den Lebensunterhalt alleine bestreiten musste, in allen Lagen zu unterstützen. Mein Schwester war ein extrovertierter kleiner Wirbelwind, der speziell in der Pubertät nicht mehr funktionieren wollte und damit das "innerfamiliäre" Gleichgewicht zu Recht ins wackeln gebracht hat. Sie hat meine Mutter mit schulischen und pubertären Problemen ständig "beschäftigt", so dass ich oft das Gefühl hatte als "brave" überhaupt nicht mehr bemerkt zu werden. Die beiden stritten ständig und damals habe ich sehr unter der Situation gelitten, es aber nie zum Ausdruck gebracht. Ich habe damals viele Gefühle geschluckt, wohl aus dem Glauben heraus, ich wolle es meiner Mutter nicht noch schwerer machen. Ich entwickelte Tendenzen zur Magersucht, scheinbar wollte ich mich aus der Situation "verdünnisieren". Dies war zur Zeit, als meine Mutter ihren ehrgeizigen Plan alleine ein Haus zu bauen durchsetzte, mit ihrem damaligen Freund Schluss machte (was ich sehr bedauerte, da es ein sehr netter Mann war), gleichzeitig in einem Vollzeit-Job steckte, in dem sie wohl gemobbt wurde, sodass es für sie letztenendes zu viel wurde, ihr die "Sicherung" heraussprang und sie eine schizophrene Psychose entwickelte.

Dies geschah – rückblickend betrachtet – schleichend, die Anzeichen wären für erfahrene Personen sicherlich sofort erkennbar gewesen, für uns Kinder (zu diesem Zeitpunkt ca. 15 und 18 Jhr) zwar merkwürdig aber nicht richtig nachvollziehbar, ich denke wir wollten das auch nicht richtig wahrhaben. Dazu muss ich bemerken, dass meine Mutter so gut wie keine Freunde hatte, denen das auffallen hätte können, als auch keine weitere Familie mehr existent war, bzw. sie den Kontakt (und damit auch den zu uns) schon vor Jahren abgebrochen hatte.

Erst als sie Tabletten schluckte (was man ihr befohlen hatte um uns zu retten), wurde das Ausmaß des Problems deutlich. Sie wurde nach Intensivstation in die Psychiatrie gesteckt, wobei leider bei dem halbjährlichen Aufenthalt die falsche Diagnose Depression gestellt wurde (das lag wohl an der Krankheitsansicht meiner Mutter), wir Kinder mit der Situation komplett auf uns allein gestellt waren und leider nicht auf Beratungsmöglichkeiten vor Ort aufmerksamgemacht wurden. Man hat einmal mit uns gesprochen und wohl den Eindruck erhalten, wir würden schon irgendwie damit zu Recht kommen. Die Psychiatrie war in der nächstgelegenen Stadt und wir hatten große Schwierigkeiten auch nur dorthin zu gelangen. Erst wesentlich später wurde dann die Krankheit bei einem niedergelassenen Nervenarzt richtig diagnostiziert und konnte dann auch richtig behandelt werden. Meine Schwester war zu diesem Zeitpunkt der agierende Part und hat unheimlich viel geleistet in dieser Zeit, nebenbei ihr Abitur gemacht. Ich habe diese Zeit wie ein "Zombie" erlebt und einfach nur irgendwie weitergelebt, weil ich überhaupt nichts verstanden hatte. Mein Magersuchtsproblem war von einem auf den anderen Tag weg – ich war mit "überleben" beschäftigt und habe eigentlich nur irgendwie funktioniert und meine schulischen Angelegenheiten geregelt. Schule war mein damals einziger Halt. Ich war immer noch sehr introvertiert, habe oft überlegt, mit wem ich über diese Situation reden könnte aber irgendwie niemanden gefunden, dem ich mich anvertrauen konnte oder wollte.

So habe ich einfach "weiterfunktioniert" nach dem Motto, da kann dir jetzt halt niemand helfen, da musst du alleine durch.

Mit 17 habe ich meinen ersten Freund kennengelernt, ca. ein Jahr nach dem Selbstmordversuch meiner Mutter. Es war ein ganz lieber sehr einfühlsamer junger Mann, der sich unheimlich um mich bemüht hat. Ich wollte nach kurzer Zeit eigentlich die Beziehung beenden, nicht weil ich ihn nicht sehr gern hatte, sondern aus dem Gefühl heraus, mich eigentlich erst mal um mich selbst zu kümmern sei wichtiger. Ich wollte auch unbedingt die Schule, die viel Energie benötigt hatte gut zu Ende bringen, weil daran ja letztenendes meine berufliche Zukunft, die unter der gegebenen Situation für mich sehr wichtig war darunter hätte leiden können.

Er hat mich dann fast "überredet", die Beziehung nicht zu beenden, weil es für ihn so schrecklich und wir auch gemeinsam in einer Klasse waren. Und weil ich ihn ja auch furchtbar gern hatte habe ich eingewilligt. Aber es war eine sehr schwierige Zeit für mich und ich war sehr oft auch ihm gegenüber schlecht gelaunt, stinkig. Ich konnte nicht richtig auf ihn eingehen, war immer noch sehr introvertiert und seine einfühlende Art hat mir gleichzeitig auch Angst gemacht, davor die Kontrolle über meine Gefühle zu verlieren. Kontrolle war damals zum "funktionieren" wichtig.

Er hatte sein eigenes familiäres Päckchen – er hatte mich z.B. nie seiner Familie außer einmal seiner Mutter vorgestellt, was mich irgendwie auch irritierte, aber ich war zu sehr mit meinen eigenen Problemen beschäftigt um dies weiter zu beachten.

Jedenfalls ging die Beziehung in sehr dramatischer Weise zu Ende, vor allem auch aus meiner Unfähigkeit heraus, meine Gefühle zu offenbaren. Ich war irgendwie in mir "verknopft". Das hatte schon "traumatische" Züge. Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich in gewisser Weise genauso vor der Situation "davongelaufen" bin wie vor vielen Jahren meine Mutter und irgendein familiäres Muster wiederholt habe.

Ich nach der Trennung in ein riesiges Loch gefallen, es war als stürze auf einmal alles auf mich ein. (Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in schulischer Ausbildung) Während der sehr stressigen Prüfungen hatte ich Heulkrämpfe und habe meine Prüfungen unter diesen schlecht aber bestanden.

Meine damalige Dozentin hat mir geraten zu einem Psychologen zu gehen um mir Hilfe zu holen. Es hat dann aber noch etwas gedauert, bis ich in einer Psychologin eine kompetente Hilfe fand, bei der ich mich öffnen konnte. Sie hat mir sehr geholfen mit der damaligen Situation und meinem familiären Hintergrund zurechtzukommen.

Ich bedauere im Nachhinein sehr, dass vorher nie auf Beratungsmöglichkeiten hingewiesen wurde. Es war mir leider vorher nicht klar, dass es wahrscheinlich auch schon früher kompetente Stellen gab, an die ich mich hätte wenden können. Ich glaube, dann hätte ich schon viel früher besser mit der Situation umgehen gelernt.

Anschließend habe ich eine tolle Stelle gefunden, meinen Mann kennen und lieben gelernt, geheiratet, Kinder bekommen, wieder zum arbeiten begonnen. Sogesehen läuft seit Jahren alles bestens. Wir sind mittlerweile wieder in meiner Heimatstadt gelandet, haben ein Haus gekauft, verstehen und auf allen Ebenen prima.

Nun bin ich vor einem Jahr mehr oder weniger zufällig über die Adresse meines damaligen Lebens- und Leidensgefährten, meines ersten Freundes gestolpert.

Da ich immer gerne wissen wollte was aus ihm geworden ist, und weil ich eigentlich auch schon immer furchtbar gerne mal mit ihm geredet hätte, um ihm verständlich zu machen, was in der gemeinsamen Zeit damals in mir vor ging (ich hatte ja damals Probleme meine ganzen Gefühle zu äußern), habe ich ihm einen Brief geschrieben. Ich wollte einfach mal die Gelegenheit nutzen, etwas zu klären, was ich eigentlich schon vor vielen Jahren hätte tun sollen. Er hat darauf reagiert und mir geantwortet, was ich durchaus nicht für selbstverständlich hielt. Er ist mittlerweile auch verheiratet und hat 3 Kinder ist beruflich erfolgreich. Das hat mich unheimlich gefreut.

Das habe ich dann auch meinem Mann berichtet, weil ich es ganz wichtig fand, dies nicht hinter seinem Rücken zu tun, allerdings erst nach der Antwort, weil ich ja nicht wusste ob überhaupt eine kommt.

So, und jetzt wurde es kompliziert:

Was ich nicht wusste war, dass mein Mann seine vorherige Beziehung beendet hatte, nachdem seine damalige Lebensgefährtin ihren Ex-Partner wiedergetroffen hat und mit ihm wieder intim wurde.

Jetzt hatte er unheimlich Angst, dasselbe könne ihm mit mir noch einmal passieren. Er wollte einen Kontakt am liebsten verhindern, und wenn dies aber nicht geht, so solle ich alles transparent machen.

Damit saß ich in der Zwickmühle.

Auf der einen Seite wollte ich gerne etwas lange zurückliegendes klären, von dem ich mir sicher war, dass es auf beiden Seiten Wunden hinterlassen hatte und eine Klärung zur "Wundheilung" sicherlich beitragen könnte.

Auf der anderen Seite wollte ich meinen Mann natürlich nicht verletzen.

Ich habe meinen Mann daher gebeten, meine Briefe nicht zu lesen, da sie die gleiche Funktion wie ein "Zwiegespräch" hätten und ihn um Vertrauen gebeten, das ich auch in keiner Weise missbrauchen wollte.

Nun gut, über den Zeitraum eines Jahres habe ich nun "Aufarbeitungsarbeit" mit meinem damaligen Freund betrieben. Das klingt nach einer langen Zeit, wenn man es aber genauer betrachtet, wurden Briefe und E-mails geschrieben, einige Telefonate geführt, die zeitlich gesehen aneinandergereiht, nicht so viel Zeit in Anspruch genömmen hätten.

Am liebsten wäre mir natürlich gewesen, ich hätte das alles persönlich und "am Stück" klären können, das ging aber nicht, so war das aber für mich aber auch o.k.

Allerdings hat mein Mann alles mögliche hineininterpretiert.

Ich habe also auch mit ihm darüber viel gespochen, damit er in etwa nachvollziehen kann, warum mir das so wichtig ist.

Ich möchte jedenfalls lieber eine direkte Klärung, als wieder irgendwas mit mir weitere Jahre herumzuschleppen, und die direkte Klärung ist mir einfach lieber, und auch aufschlussreicher als mit jemand anderem darüber zu reden.

Jetzt würde ich mir einfach nur wünschen "genehmigt" mit dem alten Freund in Kontakt bleiben zu können, und sich so wie man es auch mit anderen Freunden tut gelegentlich nacheinander zu informieren. Ich will ja nicht mehr. Ich kann auch nach der Klärung sehr offen damit umgehen.

Mein Mann akzeptiert das jetzt zwar, aber er liebt es nicht. Mein Ex-Freund hatte auch mal den konstruktiven Vorschlag gemacht, doch einfach mal mit ihm zu reden, damit er ihn kennenlernen kann, aber das möchte mein Mann nicht. Er bezeichnet sich als "Spielverderber" und hat schon irgendwie ein Problem damit, das wiederum ich nicht so gut verstehen kann, weil ich ja nicht eine "Liebes-Beziehung" zu meinem Ex-Freund suche, sondern lediglich in ihm einen guten Freund wiedergefunden zu haben glaube, auf den ich ungerne komplett wieder verzichten würde.

Und so überlege ich mir gerade, auf welche Art und Weise das wohl für alle akzeptabel sein könnte.

(Meine umfangreiche familäre Historie habe ich hinzugefügt, damit man sich vorstellen kann, wie wichtig der Freund damals für meiner Situation war, auch wenn es langfristig gesehen wahrscheinlich nicht der richtige Partner für mich gewesen wäre. )

Könnten Sie mir Ihre Meinung dazu bitte schildern!

Vielen Dank im Voraus

Traumfrau

Hallo,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief!
Wie Sie selber anmerken, steht Ihr damaliger Freund für eine psychologisch wichtige Situation Ihres Lebens. Ich glaube, Sie haben die traumatisierenden Erlebnisse Ihrer Kindheit aber insgesamt noch nicht restlos psychisch überwunden und versuchen genau dies damit zu erreichen, indem Sie sich mit dem früheren Freund austauschen möchten. Dass Ihrem Mann dies überhaupt nicht gefällt, ist natürlich völlig verständlich.

Wie können Sie also Ihre früheren Traumata überwinden, ohne Ihren Mann unnötig zu beunruhigen? Aus meiner Sicht brauchen Sie dazu den früheren Freund nicht. Diese Beziehung damals war wahrscheinlich beiderseitig insofern gestört, als jeder von Ihnen beiden seine Neurose projektiv und identifikatorisch am Anderen bewältigen wollte. Dass Sie zu ihm oft widerstrebend und abweisend waren, wird so verständlich: Sie spürten insgeheim, dass er Sie zur Bewältigung seiner eigenen psychischen Probleme brauchte, und das hat Sie mit Recht gestört. Ein psychisch gesunder junger Mann hätte sich damals nämlich wahrscheinlich gar nicht für Sie interessiert, weil Sie wohl zu gestört wirkten.

Ich rate Ihnen also zu einer psychoanalytischen oder tiefenpsychologischen Psychotherapie, um die Wunden Ihrer Kindheit und Jugend zum endgültigen Heilen zu bringen. Dazu sollten Sie nicht länger den früheren Freund benutzen. Beenden Sie also den Kontakt mit ihm. Sagen Sie das Ihrem Mann und suchen Sie eine(n) entsprechende(n) Psychotherapeuten(in).

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt