Hallo Herr Schmidt,  

wir haben Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen, im Alter von 23 Monaten. Seit geraumer Zeit ist der Junge zu seiner Schwester einfach unerträglich. Vor ca. 4 Monaten fing er damit an seine Schwester zu beißen, wenn sie ihm etwas nicht geben wollte; das hat sich nach einem Monat wieder gelegt. Nichts desto trotz hat er sein Verhalten ihr alles wegnehmen zu müssen beibehalten, auch Dinge, die er selbst gerade weggelegt hatte. Am Anfang bin ich immer eingeschritten und habe die Sachen unserem Sohn weggenommen und dann der Tochter gegeben. Da das auf Dauer nicht fruchtete, bin ich dazu übergegangen unsere Tochter zu animieren, sich die Sachen nicht wegnehmen zu lassen. Das artet jetzt dahingehend aus, daß sich die beiden gegenseitig hauen, auch mit Gegenständen, und im Endeffekt trotzdem der Junge "gewinnt". Auch dem jeweiligen Störenfried eine Auszeit zu erteilen, hat nichts geholfen. Wir wissen uns einfach keinen Rat mehr und erbitten deshalb Ihre Hilfe.   Vielen Dank im voraus, H. und H.J.

 

Liebe H. und H.J.,

herzlichen Glückwunsch zu Ihren Zwillingen! Auch freue ich mich, dass Sie mir beide schreiben.

Nun zu Ihrer Frage: man weiß, dass die Rivalität zwischen Geschwistern um so stärker ist, je geringer der Altersabstand zwischen ihnen ist. Im Durchschnitt sind Geschwister bei uns altersmäßig 3 Jahre auseinander. Wenn sie mehr als 6 Jahre auseinander sind, wachsen sie eher wie zwei Einzelkinder auf. Zwillinge haben sozusagen gar keinen Altersunterschied. Aber bei genauem Hinsehen gibt es natürlich auch bei ihnen Altersunterschiede, die allerdings manchmal nur wenige Minuten betragen. Trotzdem bewirken sie, dass auch Zwillinge voneinander abgegrenzte Geschwisterpositionen zu entwickeln versuchen. Nur haben sie es dabei eben wegen ihres so geringen Altersunterschiedes etwas schwerer als Nicht-Zwillingsgeschwister. Ich denke an Zwillinge, die ich gerade in meiner Erziehungsberatungsstelle habe. Der eine davon ist 18 Minuten älter als der andere, und er betont dies auch: er ist der Ältere, der andere der Jüngere. Dem Jüngeren gefällt das gar nicht, und der Ältere hat es schwer, seine Position immer wieder zu behaupten. Wenn sein Bruder 3 oder mehr Jahre jünger wäre als er selbst, könnte er damit viel cooler fertigwerden. Der jüngere Bruder könnte auch besser einsehen, dass ihm sein großer Bruder einfach ein paar Jahre voraus ist. Aber Zwillinge sind sich eben oft nur Minuten auseinander, das ist praktisch gar nichts... Verstärkte Geschwisterrivalität ist also angesagt!

Davon müssen Sie also grundsätzlich ausgehen. Was Sie aber nach Möglichkeit nicht machen sollten, ist, sich in die Auseinandersetzungen der Kinder allzuoft parteinehmend einzumischen. Wenn sie ihm Sachen wieder wegnehmen, oder wenn sie sie ermuntern, sich nichts wegnehmen zu lassen, oder wenn Sie dem "Störenfried" eine "Auszeit" erteilen, ergreifen sie Partei (für die Tochter) und schüren die Geschwisterrivalität ungewollt nur noch an. Ihre Kinder sind noch zu jung, um verstehen zu können, dass Sie damit für Gerechtigkeit sorgen wollen. Der Sohn wird das als Zurücksetzung erleben (wofür er Rache schwört!), die Tochter auf Dauer als unverdiente Bevorzugung oder Verwöhnung (woraus sie gegenüber dem Bruder Schuldgefühle entwickelt). Aus Ihrer Sicht darf es keinen "Störenfried" geben, sondern nur zwei Kinder, die Streit haben. Sie dürfen nicht denken, der Sohn wäre der "Böse" und die Tochter die "Liebe". Damit würden Sie die Geschwisterrivalität verstärken. Es sind einfach zwei Kinder, die Streit miteinander haben und die es von Natur aus schwer haben, diesen Streit zu regeln.

Was ich also betonen will, ist, dass Sie einerseits sowieso mit besonders ausgeprägter Geschwisterivalität rechnen müssen, die weniger den Kindern schadet als dass sie das Nervenkostüm der Eltern beansprucht. Zum Zweiten sollten Sie sich möglichst wenig parteinehmend "einmischen" und so den Streit mitmachen. Zum Dritten sollten Sie möglichst oft den Streit unterbrechen, indem sie die Kinder spielerisch und fröhlich trennen (einfach so, ohne dass es eine Strafaktion ist). Dafür braucht man dann allerdings zwei Erwachsene, sonst kann man die Kinder ja nicht trennen. Zumindest abends und am Wochenende sind also Vater und Mutter gleichzeitig gefragt. Es geht darum, dass Sie als Eltern den geringen Altersabstand zwischen den Zwillingen immer wieder dadurch vergrößern, dass Sie selbst trennend (d.h. nicht strafend, nicht parteiergreifend) dazwischengehen, jeder mit einem Kind etwas spielt, bis sie sich beruhigt haben und wieder miteinander auskommen. Bis zum nächsten Mal...

Viel Spaß und viel, viel Geduld wünscht Ihnen und Ihrer Familie Ihr

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

P.S. Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie mir doch mal gelegentlich, wie es weitergegangen ist!

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