Sehr geehrter Herr Schmidt,
weil wir demnächst Nachwuchs erhalten und die Schwester meiner
Frau
zurzeit erheblich Probleme mit dem Verhalten der zweijährigen
Tochter
hat, schauen wir besorgt unserer künftigen Erziehungsweise
entgegen.
Der Ehemann der Schwester umsorgt die Tochter via neuester
Erziehungsmethoden liebevoll, gewährt ihr alles, hätschelt das
Kind
herzzerreißend; wenn das Kind auf den Arm genommen werden
will, wenn es
sitzen will, wenn es wieder auf den Boden will, wenn es
Schokolade will
(Papa, heben - Mama, rauf - Mama, runter - Mama, ..lade - ...
oder
das
Kind schreit) - dem Kind wird vom Vater jeder Wunsch erfüllt,
das
Kind
wird bei Tränenfluss rührendst gedrückt...
- ... Doch jetzt mit 2 Jahren, wenn die Mutter telefoniert oder
ähnliche
Sachen, dann tobt das Kind, zornt, stampft - erpoltert die
Aufmerksamkeit und fordert, fordert unerbittlich ... und plärrt.
Ist da nicht manchmal wieder die alte Erziehung gefragt und ein
mehr
oder weniger starker Klaps auf den Arsch?
Mit freundlichen Grüßen
R.
Lieber angehender Papa,
vielen Dank für Ihre Frage und Ihre Beobachtungen bei Ihrer
Schwägerin.
Zunächst einmal etwas Grundsätzliches: es gibt keine
"neueste" oder "alte"
Kindererziehung! Zu allen Zeiten brauchten und brauchen Kinder
herzlich-liebevolle, großzügige und rücksichtsvolle Eltern,
die sie dabei
unterstützen, ihre natürlichen Begabungen möglichst frei zu
entfalten. Daran
hat sich im Grunde nie etwas geändert. Klappse auf den A...
haben Kinder
noch nie gebraucht. Es gibt schon genug Gewalt in unseren
Familien.
Der Mann Ihrer Schwägerin liebt sein Kindchen offenbar heiss und
innig. Was
stört Sie daran wirklich? Finden Sie, er verwöhnt das Kind? So
wie Sie es
beschreiben, finde ich das nicht. Zweijährige Kinder sind
anspruchsvoll.
Wenn sie einen so aufmerksamen und liebevollen Vater haben:
wunderbar! Es
macht nichts, wenn das Kind lernen muss, dass die Mutter nicht
immer Zeit
hat. Und wenn das Kind dann "plärrt" (ein recht
liebloser Ausdruck von
Ihnen, aus dem ich herauslese, dass Sie aufpassen müssen, nicht
zu schnell
genervt auf Ihr späteres Kind zu reagieren), muss man das mit
liebevoller
Geduld erst hinnehmen und dann mit spielerischer Ablenkung
beenden. Aufregen
sollte man sich darüber nicht, schon gar nicht zu Schlägen
hinreissen. Das
zeigt nur die eigene Überforderung und Lustlosigkeit, sich auf
ein kleines
Kind einzustellen. Ich wünsche Ihrem Kind, dass Sie auch so ein
lieber Papa werden!
Mit freundlichem Gruß, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt