Am Bodenzerstört muß ich mich an Sie wenden. Ich sehe momentan keinen Ausweg aus meiner jetztigen Situation:
Ich bin 21 Jahre und seit fast 10 Jahren hat meine Mutter ein Alkohol-Problem, das mit den Jahren immer schlimmer wurde, bis letzte Nacht. Meine Mutter liegt weinend in ihren Zimmer. Schon seit ca. 4 Wochen ist sie aus dem Elternschlafzimmer ausgezogen u. schläft im alten Kinderzimmer meines Bruders. Sie weint so bitterlich u. laut, daß es mir schon das Herz
zerbricht. Sie hat sich eingeschlossen u. will mir die Tür zuerst gar nicht öffnen bis ich zu ihr sage, daß ich solange vor der Tür warte bis sie öffnet. Es ist schon nach 24 Uhr. Nach langem warten u. betteln öffnet sie total verweint die Tür. Ich nehme sie in den Arm u. frage was los ist. Doch wie immer kommt die Antwort: NICHTS!!! Sie bittet mich in mein Bett
schlafen zu gehen u. ich soll mir keine Gedanken machen. Nachdem ich sie lange in den Arm genommen habe u. ihr sage, daß ich sie lieb habe, lächelt sie mich an. Für mich schon eine große Erleichterung. Aber, wie ich jetzt weiß alles nur ein
Schauspiel. Eine halbe Stunde später stürmt mein Vater in mein Zimmer u. erzählt mir, daß er einen Abschiedsbrief gefunden hat u. eine leere Dose Beruhigungsmittel. Ihr Zimmer ist abgeschlossen u. obwohl ich u. Papa laut nach ihr rufen u. sie bitten die Tür zu öffnen gibt es keine Reaktion mehr.
Mein Vater bricht die Tür auf u. meine Mutter liegt bewußtlos in ihrem Bett. Sie sieht aus, als wäre sie tot. Als ich sie zu mir drehe, öffnet sie ein klein wenig die Augen, sie versucht mir was zu sagen, aber ich verstehe es nicht. Papa trägt sie ins Bad u. ich versuche sie zum Erbrechen zu bringen, aber ohne Erfolg. Papa bringt sie auf die Couch ins Wohnzimmer u. ruft den
Krankenwagen. Ich versuche sie wach zu halten, ich streichel sie, drück sie u. sage ihr wie sehr ich sie liebe u. brauche. Sie fängt an zu weinen u. sagt ganz undeutlich u. vernebelt: ICH WILL STERBEN!!! Ich schreie sie
an u. fühle mich so hilflos, weil ich nichts machen kann außer warten. Nach einer "halben Ewigkeit" kommt dann endlich der Krankenwagen (u. die Polizei). Sie nehmen meine Mutter mit. Die Polizei quätscht auf eine erniedrigende Art u. Weise
meinen Vater aus u. wecken in ihm Schuldgefühle.
Als wir ins Krankenhaus kommen, bekommt meine Mutter gerade den Magen ausgespühlt. Sie weint so sehr u. hat solche Schmerzen, die auf mich u. meinen Vater überspringen. Sie versucht sich den Schlauch aus dem Hals zu ziehen. ich kann nicht  mehr hinsehen. Ich fühle mich so schlecht. Solche Schmerzen u. so eine Hilflosigkeit! Gott sei Dank ist mein Bruder bei seiner Freundin u. bekommt dies alles nicht mit Dann wird sie auf die Intensiv-Station gebracht. Sie weint so bitterlich u.
wenn sie irgendwelche Worte über die Lippen bringt, dann nur: ICH WILL STERBEN!!! Es zerreißt mich, wäre doch alles nur ein böser Traum. Nach einer halben Stunde werden wir nach Hause geschickt. Es ist Schon 4 Uhr. Zu Hause kommen dann noch soviele Gedanken auf: Wie soll es weiter gehen? Wird jetzt wieder alles besser? Wie soll ich mich ihr gegenüber
jetzt verhalten? Hat sie uns denn gar nicht lieb, daß sie uns soetwas antut? Bin ich es etwa sogar schuld? Wird soetwas wieder passieren? kann ich es verhindern?
Soviele Fragen u. keine Antworten!!!
Heute abend ist schon wieder auf eigene Gefahr aus dem Krankenhaus. Sie ist so schwach u. immer noch so traurig! Verdammt, wie kann ich ihr nur helfen? Ich trau mich nicht zu schlafen, aus angst es würde wieder was passieren.   Wer wird bei ihr sein, wenn meinBruder, mein Vater u. ich arbeiten sind? Keine Anworten! ich könnte platzen vor Wut über mich selbst u. meinen Scheiß Hilflosigkeit. Ich weiß nicht wie es weiter gehen soll u. umso mehr Gedanken
ich mir mache umso ratloser werde ich.
Bitte helfen sie mir u. meiner Familie, ich sehe nämlich keinen Ausweg mehr! Ich hoffe sie können mir totz der knappen Schilderung ohne irgendwelche Hintergründe erläutert zu haben helfen. BITTE!!!

Hallo,
vielen Dank für Ihre Anfrage! In der gefährlichen Situation, in der sich
Ihre Mutter befindet, ist konkrete und massive Hilfe notwendig. Sie und Ihr
Vater müssen diese Hilfe jetzt organisieren. Am Sinnvollsten wäre es, wenn
Ihre Mutter in eine Suchtklinik für eine Langzeittherapie ginge, um ihr
Alkoholproblem und ihre Depression zu überwinden. Da so etwas nicht von
heute auf morgen zu verwirklichen ist und Ihre Mutter dazu vielleicht auch
nicht motiviert ist (das wäre Voraussetzung für die Aufnahme in einer
solchen Spezialklinik), sollten Sie kurzfristig eine Einweisung in die
nächstgelegene stationäre Psychiatrie (Psychiatrische Klinik der Universität
oder ein Landeskrankenhaus für Psychiatrie oder dergl.) mit Hilfe Ihres
Hausarztes erreichen, wenn Ihre Mutter erneut Anstalten zum Selbstmord
macht. Eine solche Einweisung kann der Arzt auch gegen den Willen Ihrer
Mutter erzwingen (wegen akuter Selbstgefährdung). In der Psychiatrie
bestünde die Möglichkeit, Ihre Mutter länger zu behalten und zu einer
anschließenden Langzeitkur in einer Suchtklinik zu bewegen. Ihr Vater und
Sie, wenn möglich auch andere Familienmitglieder, müssen aber ab sofort ganz
hart von Ihrer Mutter verlangen, dass sie sich auf diese Weise behandeln
lässt, notfalls, wie gesagt, machen Sie es gegen ihren Willen. Erkundigen
Sie sich in Ihrem Gesundheitsamt nach einem Sozialpsychiatrischen Dienst. Es
wäre gut, wenn auch jemand ausserhalb der Familie Ihre Mutter besucht und
das Gespräch mit ihr sucht. Wenden Sie sich an Ihre regionale Erziehungs-
und Familienberatungsstelle (dort dürfen Sie sich selbst anmelden und werden
kostenfrei fachkundig beraten) und verlangen Sie einen Notfall-Termin (damit
kommen Sie sofort dran, ohne Wartezeit). Lassen Sie sich dort dann gründlich
beraten, was Sie noch tun können. Ihr Vater sollte mit dort hin gehen.
Vielleicht schaffen es die Berater, auch Ihre Mutter zu bewegen, die
Beratungsstelle zu besuchen, damit man ins Gespräch kommt, damit Ihre Mutter
nicht mehr sagt "Nichts" sei los... Damit wäre sehr viel gewonnen.
Informieren Sie Ihre Mutter über alle Schritte, die Sie so unternehmen,
damit sie merkt, dass es ernst wird, dass Sie und Ihr Vater nicht hilflos
zusehen, wenn sie sich etwas antun will. Dass muss sie ganz deutlich merken.
Alles Gute in dieser für Sie sehr schweren Zeit. Bleiben Sie tapfer und
werden Sie knallhart zu Ihrer Mutter, damit sie sich endlich ernsthaft
behandeln lässt!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

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