Sehr geehrter Herr Schmidt,
aus gegebenem Anlass habe ich Infos im Internet gesucht und bin dabei auf Ihre Seite gestossen. Seit unserer 7-jähriger Sohn in die Schule gekommen ist, baut sich ein Problem auf, dem wir relativ hilflos gegenüberstehen. Er ist ein Nachzügler (unser anderer Sohn ist 20 Jahre). Dadurch bekommt er sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Im häusslichen Umfeld ist er ein aufgewecktes umgängliches Kind, was sich ohne Probleme lange alleine beschäftigen kann und ,zwar temperamentvoll aber ohne Auffälligkeiten einfach lieb ist.

Um so mehr sind wir besorgt, weil er in der Schule immer stärker den Klassenclown spielt, sich nicht oder ungern an Regeln hält und den Unterricht stört. Er lässt sich von unruhigen Mitschülern motivieren und „setzt dann noch eins drauf“. Das hat aber zur Folge, das er als der eigentliche Störenfried gilt und Gefahr läuft abgestempelt zu werden. Eindringliche Gespräche und die Androhung von Strafen (wovon ich allerdings nicht viel halte) haben nichts bewirkt. Als besorgter Vater frage ich nun, was wir tun können.
Viele Grüsse H.B.

Hallo,
Sie umschreiben ja selbst, wo der Hase im Pfeffer zu liegen scheint: Die häusliche Sonderrolle Ihres Sohnes fällt für ihn in der Schule natürlich weg, und das erlebt er als Frustration und als schwer erträglich. Deshalb will er sich wieder eine Sonderrolle verschaffen, auch wenn sie mit Ärger verbunden ist. Lieber unangenehm auffallen, als gar nicht. Nach diesem unbewussten Motto handeln dann solche Kinder, die den Unterschied zwischen ihrer Rolle zu Hause und in der Schule zu spüren bekommen.

In einer Erziehungsberatungsstelle können Sie sich dabei begleiten lassen, wie Sie die häusliche Sonderrolle Ihres Sohnes abbauen können. Das bedeutet eine Änderung Ihres Erziehungsstils, die auf beiden Seiten, also sowohl bei Ihnen als auch bei Ihrem Sohn, nicht ohne kurzfristig schmerzliche Phasen abgehen wird. Aber der langfristige Erfolg einer realistischeren Integration in die Klassengemeinschaft lockt.

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt