| Sehr geehrter Herr Schmidt, zunächst einmal vielen Dank, daß Sie die Möglichkeit geschaffen haben, fachlichen Rat über das Netz zu erhalten. Zahlreiche Artikel haben uns sehr geholfen und Ihre Antworten auf die Probleme anderer können auch für einen selbst bereits sehr hilfreich sein. Nun zu mir, ich bin männlich (44) und lebe seit 24 Jahren (davon 14 Jahre verheiratet) mit meiner Frau (43) zusammen. Wir haben zwei Kinder im Alter von 12 und 10 Jahren. Unser Problem besteht darin, daß meine Frau immer noch abhängig von Ihren Eltern ist und eine Loslösung aus Ihrem Elternhaus erst jetzt und unter größten Schwierigkeiten stattfindet. Es begann damit, daß Ihre Eltern in den ersten 10 Jahren bis zu unserer Heirat von mir verlangten Sie zu siezen und mich ansonsten so gut es ging ignorierten. Alle meine Versuche mit meiner Frau darüber zu reden schlugen fehl, unter dem Argument 'Sie sind doch schließlich meine Eltern' . Meine Frau versuchte, sowohl eine Partnerschaft mit mir zu führen, als auch weiterhin als (kindliches) Familienmitglied Ihrer Ursprungsfamilie anzugehören. Ihre Eltern finden das bis heute selbstverständlich. Merkwürdigerweise funktionierte dieses Verhältnis nicht über Zuneigung, Zuwendung und Liebe, sondern über Ablehnung, Zurückweisung und ständiges Unterdrücken meiner Frau und das auch noch gleichermaßen von Ihrer Mutter und von Ihrem Vater. Meine Frau war immer bemüht Ihnen alles Recht zu machen und erhoffte sich dadurch Ihre Zuneigung. Das trat jedoch niemals ein, je mehr Sie tat, um so mehr wurde Sie zurückgewiesen, allerdings immer unter dem Motto das Sie noch zu wenig getan hätten. Wie meine Frau mir erzählte, war Ihre Jugend auch nicht gerade rosig. Auf Sie wurde niemals eingegangen, Ihre Mutter durchsuchte Ihre Post, laß Ihr Tagebuch, ließ keine Freunde zu und verlangte totale Unterordnung. Das Verhalten schwankte allerdings zwischen Kontrolle und Unterdrückung zu einen und totalem Desinteresse andererseits. In der Woche wurde sie kontrolliert und durfte nichts unternehmen und am Wochenende fuhren Ihre Eltern zu Ihrem Wochenendhaus und meine Frau konnte alleine völlig unkontrolliert zu Hause bleiben wenn Sie wollte. Also ein total gegensätzliches Verhalten, das ich nie begriffen habe, weil es sich völlig widersprach. Ihre Eltern habe ich damals auch so kennengelernt. Für mich als Außenstehenden erschien diese Familie als abgekapselt und nur auf sich fixiert. Es war auch kein Verhältnis zwischen Vater und Mutter erkennbar, keine Zuneigung oder Liebe. Meine Frau hatte damals auch größte Schwierigkeiten sich überhaupt auf eine Beziehung zu mir einzulassen. Sie mißtraute jeder Zuneigung und hatte fast kein Selbstbewußtsein. Selbst als sie bereits 18 war, haben es ihre Eltern noch fertig gebracht Nachts um 1 Uhr in meiner Wohnung anzurufen und von Ihrer Tochter zu verlangen sofort nach Hause zu kommen, obwohl meine Frau Ihnen vorher angekündigt hatte, daß Sie bei mir übernachten wird. Dem ist sie dann leider auch nachgekommen, obwohl Sie noch 1 Stunde mit der Bahn fahren mußte. Als Sie bei Ihren Eltern ankam, schliefen diese bereits. Sobald meine Frau 19 wurde und Ihre Ausbildung geendet hatte, sind wir dann zusammengezogen. Als wir dann einmal im Urlaub Ihren Eltern die Schlüssel unseres Hauses zum gießen der Blumen überlassen hatten, habe ich vorher auf jede Tür unserer Schränke und Kleiderschränke nicht sichtbar einen kleinen Knopf gelegt. Meine Frau fand dieses Mißtrauen empörend. Als wie aus dem Urlaub zurückkamen, lagen alle Knöpfe in einer Schale in der Küche. Ihre Eltern hatten alle Schränke geöffnet und sich hinterher gewundert, wo all die Knöpfe auf dem Fußboden herkamen. Außerdem hatte Ihre Mutter alle Küchenschränke umgeräumt. Solche und ähnliche Ereignisse kamen öfters vor und ich habe mich immer bemüht meiner Frau Stück für Stück klar zu machen, wie sich Ihre Eltern eigentlich uns bzw. Ihr gegenüber verhalten. Unsere Hochzeit durften wir dann selbst bezahlen, wenn ich einmal den großzügigen Zuschuß von 300 DM außer Acht lasse, den wir von Ihren Eltern erhalten haben. Im Gegenzug wollten dann Ihre Eltern eigene Bekannte mit einladen. Zu diesem Zeitpunkt lebten wir schon 10 Jahre zusammen. Zuwendungen gleich welcher Art haben wir ebenfalls niemals erhalten. Wir haben unser Leben völlig allein aufgebaut (Haus, Kinder, Firma etc.), Hilfe, egal welcher Art haben wir niemals erhalten. Nach der Hochzeit haben sie mir dann das Du angeboten, weil es allmählich lächerlich wurde und ich mich inzwischen mit allen anderen Verwandten schon seit Jahren duzte. Im laufe der Zeit kam meine Frau immer weniger mit dem 'Spagat' zwischen mir und Ihren Eltern zurecht. Seit der Geburt unserer Kinder, versuchten Ihre Eltern nunmehr auf diese Einfluß zu bekommen. Bei der Geburt unseres Sohnes hielten sie sich in Ihrem Ferienhaus auf, wo sie telefonisch nicht zu erreichen waren. Ich rief dort eine Nachbarin an, die mir sagte das sie Sie gleich informieren wird. Ich solle warten, meine Schwiegereltern würden gleich zurückrufen. Das taten sie natürlich nicht, sie feierten erst einmal mit Bekannten, daß sie Großeltern geworden waren und fuhren am nächsten Tag zu meiner Frau ins Krankenhaus, ohne mich überhaupt gesprochen zu haben. Die Fahrt von Ferienhaus zum Krankenhaus führt übrigens direkt an unserem Haus vorbei, angehalten haben Sie natürlich auch nicht. Hinterher wurde dann erzählt, wie ähnlich unser Sohn dem Vater meiner Frau doch sieht und es kam auch später noch zu verbalen Entgleisungen, als die Mutter meiner Frau zu unserem Sohn z.B. sagte 'Geh doch mal zu Vati', dabei aber meinen Schwiegervater meinte. Meiner Frau wurde dann auch Hilfe angeboten. Ihre Mutter sagte Ihr, daß sie die Kinder mit zu sich nehmen würde, damit meine Frau dann ungestört im Haushalt arbeiten kann (zu der Zeit hat Sie noch gestillt ?!?!). Wie gesagt, unser Leben ist voll von solchen Ereignissen. Später brachte Ihre Mutter dann z.B. bei einem Besuch eine Dose Thunfisch mit, was ja schon merkwürdig genug ist. Durch Zufall bemerkte mein Frau später, daß das Verfallsdatum bereits seit 10 Jahren !!! abgelaufen war. Hätte Sie diese Dose verwendet, wären wir wohl alle im Krankenhaus gelandet. Darauf angesprochen lachte Ihre Mutter am Telefon nur und meinte das Sie wohl Ihre Brille nicht aufgehabt hätte. Bei der Beerdigung meines eigenen Vaters welche ich organisiert hatte, tauchten dann Ihre Eltern plötzlich auf, obwohl es zuvor nie einen Kontakt zwischen unseren Eltern gab und sie auch nicht eingeladen waren. Sie wollten dann mit zur Trauerfeier und ich konnte Sie nur sehr massiv von der Feier fernhalten. Das Verhalten meiner Frau wurde zwar zunehmend distanzierter Ihren Eltern gegenüber, aber Sie war noch immer gefangen in Ihren alten Verhaltensweisen. Wenn meine Frau z.B. neben Ihrem Vater saß, kam es mir so vor als würde Sie nichts mehr wahrnehmen. Alle verbalen Attacken hat Sie zunächst gar nicht wahrgenommen und erst am nächsten Tag darauf reagiert. Unsere Ehe litt über die Jahre immer mehr unter diesem Konflikt, da ich ständig das Gefühl hatte, daß sie nicht hinter mir und unserer eigenen Familie stand. Dieses Jahr kam es im Laufe einer der üblichen verbalen Herabsetzungen durch Ihre Eltern dann aber doch endlich zum offenen Bruch mit Ihnen. Meine Frau teilte Ihnen mit, daß Sie vorerst keinen Kontakt mehr wünscht. Inzwischen ist Sie wegen jetzt einsetzender mittelschwerer Depressionen mit Angststörungen und psychosomatischen Begleitsymptomen in ärztlicher Behandlung. Dabei wurde auch eine bereits seit der Pubertät bestehende leichte Depression festgestellt. Sie befindet sich jetzt durch die Einnahme von Antidepressiva auf dem Wege der Besserung. Wir haben dann sofort eine Woche Urlaub in einem Ferienhaus gebucht und dort in langen Gesprächen unsere Beziehung zueinander geklärt und sehen jetzt, was die Mißverständnisse betrifft, die zum Teil durch die Depression und zum Teil auf die Abhängigkeit meiner Frau von Ihren Eltern entstanden war, einiges klarer. Wir haben sozusagen in letzter Minute vor einer Trennung noch 'die Kurve gekriegt'. Damit können wir beide inzwischen gut leben, eigentlich besser als jemals vorher. Meine Frau sagte zu mir, daß Sie sich erst jetzt zwischen mir und Ihren Eltern 'entschieden' hätte, na ja, besser spät als gar nicht, aber doch irgendwie sehr befremdlich für mich. Ich hatte in den 24 Jahren ja miterlebt, wie Sie sich weiterentwickelt hatte und wie Ihr Selbstbewußtsein gestiegen war. Dies hatte ich immer unterstützt. Meine Frau hat Ihre Freiheiten, geht auch wenn Sie es möchte mit Bekannten mal Abends alleine aus, oder besucht Volkshochschulkurse. Sie ist auch in der Schule unserer Kinder als Klassenelternsprecherin aktiv. Jeder von uns hat seine eigenen Freiheiten abseits unserer gemeinsamen Hobbys. Da ich selbständig bin und meine Büros in unserem Haus liegen, kann ich es so einrichten, in diesen Zeiten die Kinderbetreuung zu übernehmen. Unser Leben ist so geregelt, daß ich die Firma habe und mich um den Lebensunterhalt kümmere und Sie sich als gelernte Buchhalterin um alle finanziellen Dinge kümmert, aus denen ich mich wiederum total heraushalte und den Haushalt versorgt. Um so mehr war ich über den 'Zusammenbruch' meiner Frau überrascht, da Sie ja inzwischen selbstbewußt und selbständig mit allen anderen Dingen und Menschen umgehen konnte. (Nur eben mit Ihren Eltern nicht). Ich habe mich dann über Bücher und das Internet mit soviel Informationen versorgt, wie möglich um das Problem und die Krankheit zu verstehen und habe Ihr geraten es mit einer tiefenpsychologischen Therapie zu versuchen. Eine erste tiefenpsychologische Psychotherapie ist dann leider gescheitert, weil die Therapeutin gegen den ausdrücklichen mehrfachen Willen meiner Frau als Ziel der Therapie einen zukünftigen positiven Kontakt zu Ihren Eltern festlegen wollte. Gleichzeitig wurde Ihr von der Therapeutin vorgeworfen von mir abhängig zu sein und das nur, weil ich meine zu diesem Zeitpunkt schwer depressive Frau zu den ersten beiden Sitzungen mit dem Auto hingefahren hatte, weil Sie selbst dazu gar nicht in der Lage war. Aber genau das wurde Ihr dort dann zum Vorwurf gemacht. Medikamente sollte Sie ebenfalls nicht nehmen, das wäre nicht gut. Nach 5 Stunden hat meine Frau die Therapie beendet und Ihrer Therapeutin die Gründe schriftlich detailliert mitgeteilt. Sie hat dann einen Neurologen und Psychotherapeuten aufgesucht, der Ihr als allererstes Antidepressiva (Paroxetin 40 mg) verschrieben hat. Laut seiner Aussage hat eine Therapie erst nach dem Abklingen der akuten Depressions Symtome einen Sinn, obwohl er der Meinung ist, daß eine Therapie eventuell bei dieser Art der langanhaltenden (ca. 30 Jahre) leichten Depression nichts nützen würde. Das Medikament schlägt inzwischen (nach 6 Wochen) sehr gut an. Leider existiert aber noch immer das Problem mit Ihren Eltern. Meine Frau hat nach wie vor keinen Kontakt mit Ihnen und hat auch über Ihrer Krankheit nichts gesagt. Ihre Eltern versuchen aber immer noch durch Anrufe, Briefe an Sie und an die Kinder den Kontakt auf alter Basis wieder herzustellen. Die Briefe sind alle im vorwurfsvollem Ton gehalten, von Einsicht keine Spur. Ihre Eltern sprechen noch immer davon, daß Sie doch schließlich eine Familie sind (Sie, meine Frau und die Kinder). Auch einen 'spontanen' Besuch Ihrer Eltern haben wir schon hinter uns. Ich habe sie allerdings nicht ins Haus gelassen, sondern ihnen an der Tür höflich aber bestimmt immer wieder gesagt, daß es die Entscheidung meiner Frau ist, keine Kontakt zu wollen und das Sie dies zu respektieren hätten. Wenn Sie wieder Kontakt möchte, werde Sie sich schon bei ihnen melden. Das wurde allerdings nicht akzeptiert. Mir wurde vorgeworfen, das Ihre Tochter ja nicht normal wäre und ich solle sie doch nun endlich mal zur Vernunft bringen. Außerdem hätten Sie ein Recht auf Ihre Enkel. Meine Frau wäre im übrigen bereits als Kind immer so gewesen usw. usw.. Ich denke uns werden noch mehrere Besuche dieser Art bevorstehen, Weihnachten läßt grüßen... Nun meine Frage an Sie : Ist es überhaupt möglich, daß meine Frau je wieder Kontakt mit Ihren Eltern aufnimmt und in welcher Form kann das überhaupt noch geschehen ? Entstehen die gleichen Konflikte dann wieder aufs neue, denn von einer Einsicht Ihrer Eltern können wir wohl nicht mehr ausgehen. Vielmehr werden Sie immer wieder ihre 'alte' Familie beschwören, die es ja nun einmal nicht mehr gibt. Mir scheint es so, daß Ihre Eltern (beide ???) an irgendeiner Störung leiden, aber woran? Gibt es Beratungsstellen für diese Art von Familienproblemen und den daraus entstehenden persönlichen Problemen ? Mit freundlichen Grüßen M |
Lieber M.,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief! Ich kann nur
staunen, mit welcher Engelsgeduld Sie all die Jahre ertragen
haben, dass Ihre Frau es so schwer gemacht bekam, sich von ihren
Eltern frei zu schwimmen und innerlich vorbehaltlos zu Ihnen und
Ihren Kindern zu finden. Sie scheinen ein sehr einfühlsamer und
großzügiger Mensch zu sein, wenig besitzergreifend oder
egozentrisch, ganz im Gegensatz zu Ihren Schwiegereltern.
Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, wenn Sie schon viel
früher Ihren Schwiegereltern deutlichere Grenzen gesetzt und
nicht so konfliktscheu und allzu rücksichtsvoll so viele
psychische Übergriffe und Grenzverletzungen passiv hingenommen
hätten. Hatten Sie vielleicht die Sorge, Ihre Frau zu verlieren,
wenn Sie schon früher deutlicher gegenüber Ihren
Schwiegereltern aufgetreten wären?
Die derzeitige Familienkrise kann jedenfalls sehr heilsam für alle Beteiligten sein. Wichtig ist, dass Sie und Ihre Frau ab sofort die Bedingungen, unter denen Sie in Zukunft Kontakt mit den Eltern aufnehmen möchten, ganz allein bestimmen. Ab sofort bestimmen Sie und Ihre Frau ganz allein darüber, nicht mehr die Eltern. Und wenn Ihre Frau bis auf Weiteres gar keinen Kontakt mehr möchte, dann muss eben der Kontakt bis auf Weiteres unterbrochen werden. Ihre Frau sollte dies ihren Eltern am Besten schreiben. Sie sollte zum Ausdruck bringen, dass die Beziehung zwischen ihr und ihren Eltern bisher viel zu eng und ausschließlich nach deren Bedürfnissen abgelaufen sei, wesewgen sie bis heute nicht richtig selbständig und seelisch erwachsen werden konnte. Und dies müsse sich ab sofort ändern, wobei den Eltern in Zukunft eine neue Rolle, ein veränderter Stellenwert zukommen müsse. Und um diesen zu finden, müsse es so sein, dass bis auf Weiteres nur noch sie (Ihre Frau) mit Ihnen zusammen entscheiden, wie, wann und wo man Kontakt habe. Langfristik kann dann Ihre Frau durchaus wieder Kontakt mit ihren Eltern pflegen, aber dann eben unter ihren Bedingungen und so, wie Sie beide es erträglich und normal finden. Daran müssen sich die Eltern gewöhnen, und das dient auch ihrer Persönlichkeitsentwicklung.
Dabei sollten Sie und Ihre Frau sich in einer
Ehe- oder Familienberatungsstelle fachlich unterstützen lassen.
Solche Stellen sind für derartige Familienkonflikte ideal. In
der Regel ist das Angebot kostenfrei. Ihre Frau scheint wie ein
ungeliebtes Kind aufgewachsen zu sein und hat sicher noch
persönlich daran zu arbeiten, damit fertig zu werden. Aber sie
hat ja eine eigene Familie und einen Ehemann, der ihr sehr tapfer
zur Seite steht.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute, viel
Selbständigkeit und einen gesunden Egoismus!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt