Sehr geehrter Herr Schmidt,

ich bin seit 20 Jahren glücklich verheiratet und habe liebe 3 Töchter im Alter von 21, 19 und 16 Jahren.
Ich habe in den letzten Jahren immer stärker und auch ausschließlicher ein Gefühl der Sinnleere und Freudlosigkeit, was mir echt zu schaffen macht. Es fällt mir sehr schwer, auf Leute zuzugehen und wir haben auch nur einen sehr kleinen Bekanntenkreis. Mein Mann ist selbständig und beruflich sehr stark engagiert. Ich habe mich in meinem vor 19 Jahren erlernten Beruf nicht wohl gefühlt (obwohl er aus einem Hobby entstanden war) und ihn schon lange aufgegeben. In den letzten Jahren habe ich meinem Mann in seiner Firma geholfen.
1998 erkrankte meine Jüngste an Krebs. Sie erhielt Chemotherapie, Bestrahlung und wurde operiert. Sie wurde wieder gesund. Ich wagte 2000 noch mal einen beruflichen Neustart, machte mich in einem anderen Bereich selbständig.
2003 gab ich auf, da die Ergebnisse unwirtschaftlich waren.
2004 gab es die nächste Belastungsprobe in meiner Familie. Unsere älteste Tochter litt zum zweiten Mal an einer schweren Depression und unternahm (am zweiten Tag ihres stat. Aufenthaltes) einen ernst gemeinten Suizidversuch, den sie schwer verletzt überlebte. Ich vermute, dass sie an einer biploaren Erkrankung leidet (familiäre Vorbelastung). Nach einigen Monaten, in denen sie sich körperlich erholte und es ihr auch psychisch besser ging (evtl. hypomane Phase?), befindet sie sich nun seit 4 oder 5 Monaten erneut in einer Depression. Sie hat keine Hoffnung, dass ihr jemand helfen kann. Sie schafft es nicht, sich zu öffnen, nicht in der ambulanten PT, nicht bei Gleichaltrigen, nicht in unserer Familie (Wir haben eigentlich ein gutes Verhältnis). Sie ist seit kurzem in einer stationären Therapie, kann sich aber dort in der Gruppentherapie auch kaum öffnen.
Ich habe solche Angst um sie. Täglich denke ich, dass sie sich wieder etwas antun könnte. Ich selbst schaffe es einfach kaum, mich abzulenken. Frühere Hobbies begeistern mich kaum noch, ich freu mich auf nichts, über nichts.Ich leide seit Jahren unter Schlafstörungen, bin unkonzentriert, schnell müde, wenig belastbar.
Ich spüre, dass ich etwas für mich tun muss, aber irgendwie fehlt mir die Kraft, der Mut, der Sinn, es anzugehen.
Haben Sie einen Rat für mich? Vielen Dank und liebe Grüße.

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Über Ihrer Schilderung liegt so eine Traurigkeit und so ein Endzeitgefühl, das einen unruhig macht. Ich stelle Sie mir als eine sehr liebevolle, duldsame und starke Person vor. Da scheint mir aber in den einzelnen Familienmitgliedern viel verdrängt zu werden an Leid, Wut und Unzufriedenheit, was einmal heraus müsste, um zu neuen Ufern gelangen zu können, um wieder Hoffnung, Aufregung, Spannung, Lust und Freude zu gewinnen. Welche Rolle spielen dabei Beziehungsprobleme zwischen Ihnen und Ihrem Mann? Vernachlässigt er seine Frauen in der Familie nicht zu sehr? Ich kann das alles nur vermuten, weil ich dazu natürlich viel zu wenig über Ihre Familie weiß. Mein Rat: Machen Sie mit Ihrer Familie eine gute Familientherapie. Dabei könnte man den seelischen Hintergründen der familiären Störung auf die Spur kommen und neue Horizonte erarbeiten. Wenn Sie mir mailen, wo Sie wohnen, kann ich Ihnen vielleicht eine geeignete Adresse für eine gute Familientherapie empfehlen (natürlich ohne Veröffentlichung hier).

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt