hallo herr schmidt,

mich beschäftigt seit wochen eine frage.wie kann ich meiner tochter helfen!

folgendes: meine tochter hat seit ihrem 13 lebensjahr einen freund,dieser
kann nicht lesen und schreiben,meine tochter ist schon soweit gesunken dass
sie das gymnasium verlassen musste und nun die realschule besucht.sie will
sogar auf die hauptschule damit sie schnell von der schule kann.

sie ist mit ihrem freund circa ein jahr zusammen,es wurde viel getrunken und
sie kam zu spät nach hause,manchmal gar nicht.
wir haben uns ans jugendamt gewendet und sie auch in eine kinder u.
jugendpsychiatrie gebracht.weil sie ein vollkommen gestörtes sozialverhalten hatte
und auch drohte alkoholsüchtig zu werden.

nacdem sie nach neun wochen entlassen wurde ging alles ziemlich gut mit
ihr.sie ist mit ihrem freund noch zusammen gewesen.
wir halten gar nichts von ihm,da er sich schon einmal mit gewalt zutritt in
unsere wohnung verschaffte um unsere tochter rauszuholen. ich gab ihr für
einen tag hausarrest,war das erste mal.ging auch voll daneben.er schaffte es
sich sie mit gewalt gegen mich bei uns aus der wohnung zu holen.

nun hab ich folgendes problem,seit einiger zeit wird sie von ihm gedemütigt
und wurde schon dreimal von ihm ziemlich übelst verprügelt.jedesmal machte
sie schluss und wir gingen auch zur polizei und zum arzt.
es liegen also strafanträge vor,das letzte mal als er sie massiv schlug war
vor einer woche,da ging sie allein zur polizei um eine anzeige gegen ihn zu
machen,sie hatte auch starke schmerzen und musste auch zum arzt gehen.

was ich nicht verstehe ist,sie geht immer wieder zu diesem menschen
zurück.er ist 18 jahre alt meine tochter jetzt 14 jahre.
wie kann ich ihr noch begreifbar machen dass man sich sowas niemals gefallen
lassen sollte?
ich versteh das nicht! er brauch ihr nur begegnen oder sie anrufen und alles
was vorher war ist vergessen.wie kann sie nur so wenig ehre und stolz
besitzen? in unserer familie herrscht keine gewaltbereitschaft,ich würde mich
schuldig fühlen,würde mein mann mich schlagen und ich trotz allem bei ihm
bleiben,aber so ist es bei uns ja nicht.also was kann ich tun damit sie es begreift
sich von diesem gewaltbereiten menschen zu trennen?

er hat eine eigene wohnung,die ihm meine tochter besorgt hat,da er ja nicht
schreiben und lesen kann.
sie hat versucht ihm einiges an schreiben und lesen zu lernen,was wohl auch
einigermaßen klappte.
da sie immer noch ihre sachen in der wohnung hat und das auch bei jeder
gewaltaktion,hat sie keine chance sich von ihm zu trennen.geht sie nämlich nach
einer woche zu dem und will ihre sachen aus seiner wohnung haben,wird sie
wieder schwach.ich weiß nicht was der ihr alles erzählt dass sie so reagiert.muss
denn erst noch schlimmeres passieren? ich sehe sie schon mit ausgeschlagenen
zähnen oder auch im krankenhaus in meinen gedanken.vielleicht auch
schlimmeres.man brauch ja nur mal dumm fallen wenn man geschuppt wird.all das sind
schreckliche bilder die in meinem kopf entstehen.

wie kann ich ihr helfen?

ich hoffe sehr sie haben einen rat für mich wie ich sie da rausholen
kann.sie hat nicht sehr viele freundinnen,ich denke das ist auch ein
hauptproblem.freundschaften wurden ihr von ihm auch verboten.

ich danke ihnen für ihre antwort.

mit freundlichen grüßen j.

Hallo,
vielen Dank für Ihren Brief! Ich glaube, Sie haben bisher zu wenig verstanden, was womöglich schon seit langer Zeit psychologisch mit Ihrer Tochter los ist. Die Kernfrage, die Sie interessieren sollte ist, wie es kommen konnte, dass Ihre Tochter den Umgang mit ihrem Freund so verlockend findet, dass sie sich sogar gegen ihre Familie stellt. Was mag da in der Familie schief gegangen sein, dass Ihre Tochter so ein geringes Selbstwertgefühl hat oder vielleicht auch Mitleid mit dem Freund, dass sie sich so für ihn verantwortlich fühlt? Machen Sie sich in Bezug auf Ihre bisherige Erziehung Ihrer Tochter nicht doch vielleicht etwas vor? Jugendliche, die sich wie Ihre Tochter verhalten, fühlen sich nicht selten in ihrer Familie chronisch seelisch vernachlässigt, so dass sie sich einen hilfsbedürftigen oder bedauernswerten Partner suchen, an dem sie stellvertretend die ganze Fürsorge und Liebe ausleben können, die sie selber vermissen. Möglicherweise beklagt sich Ihre Tochter bei dem Freund über ihre Eltern, so dass dann der Freund sich aufgerufen fühlt, sie dort "ritterlich" herauszuhauen.

Bisher haben Sie leider offenbar nichts unternommen, um die seelischen Nöte Ihrer Tochter zu verstehen. Dazu würde unbedingt gehören, selbstkritisch die eigene Erziehung und das eigene Familienleben zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit Sie Ihre Tochter bisher seelisch vernachlässigt haben könnten. Alles auf diesen Freund zu schieben ist sicher zu einfach. Die Tochter in die Psychiatrie zu stecken, zum Arzt oder zur Polizei zu gehen, führt ja alles auch nicht weiter. Das wirkt sehr hilflos und damit machen Sie alles nur noch schlimmer, weil es die Konfrontation zwischen Ihnen und der Tochter nur noch verstärkt, statt dass Sie verstehen lernen, was sie tief innerlich seelisch umtreibt.

Ich rate Ihnen deshalb, gemeinsam mit der Tochter eine Familientherapie in einer Erziehungsberatungsstelle zu machen.

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt