| Guten Tag
Herr Schmidt, ich lebe seit 4 Jahren getrennt und bin seit 2 Jahren geschieden. Unsere beiden Kinder sind 11 und 8 Jahre alt. Unser Sohn (8) ist schon sehr früh verhaltensauffällig gewesen. Er bekam Hausfrühförderung und danach Ergotherapie. In der Schule gab es ständig Probleme (1. + 2. Klasse). Seit letztem Jahr ist er wieder bei der Ergo und in Psychologischer Behandlung. Der Psychologe sagt, dass unser Sohn Tendenzen von ADS hat und empfiehlt Ritalin zu geben. Meine Exfrau ist oft überfordert und möchte gern, dass er Ritalin bekommt. ich bin strikt dagegen und habe das auch bei der Beratung mit dem Psychologen gesagt. Das war im letzten Jahr. Letzten Sonntag sagte meine Exfrau bei einem Telefonat, dass ich Post vom Jugendamt bekommen werde und dort ein Vermittlungsgespräch stattfinden soll. Sie hat angekündigt notfalls gegen mich klagen zu wollen damit das Ritalin verabreicht werden kann. Ich bin bei der Recherche wegen ADS und gegen Ritalin auf ihre Site gekommen. Hier habe ich einige interessante Dinge gelesen und zu dem heutigen Gespräch mitgenommen um daraus zu zitieren. Ich habe jetzt gefordert, dass der Psychologe eine Diagnose Atestieren soll damit wir wissen ob wir überhaupt von ADS ausgehen können. Wir werden dann wohl noch die Diagnose eines zweiten Facharztes abwarten müssen (beim Gedanken an diese ganzen Tests wird mir schon übel). Weiterhin habe ich vorgeschlagen mit meiner Exfrau an einem Elterntraining teilzunehmen. Ich bitte Sie nun um Ihre Meinung zu unserem Problem und würde gern erfahren wie ich unserem Sohn ohne Ritalin helfen kann. Ob eine Klage meiner Exfrau Aussicht auf Erfolg hätte und ob ich im schlimmsten Fall der Medikation zustimmen müsste oder ob gar über meinen Kopf hinweg entschieden werden könnte. Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen! Gruß |
Guten Tag,
und vielen Dank für Ihren Brief! Was auch immer die genaueren Gründe
für die Verhaltensschwierigkeiten Ihres Sohnes sein mögen: Der
Streit seiner Eltern um sein Wohlbefinden ist sicher einer davon.
Und sicher nicht der Unwichtigste!
Dass in solchen Streitereien ums Kind zu allen möglichen Waffen
gegriffen wird, ist der Grund für solche "ADHS-Diagnosen".
Aus meiner Sicht sind das alles Scheingefechte und
Nebenkriegsschauplätze, die dem Kind nur weiter schaden. Ob Ihr
Kind nun ADHS hat oder nicht: Wer soll das wirklich entscheiden?
Das kann man ja gar nicht wissen. Man kann bei dieser Art
Diagnostik bestenfalls feststellen, dass Ihr Sohn
Verhaltensschwierigkeiten hat, was aber auch so wohl schon
jedermann weiß. Und ob er dann Ritalin schluckt oder nicht,
liegt leider meistens am behandelnden Arzt oder Psychologen und
der Frage, ob er alternative Therapien hat oder vermittelt. An
Ihrer Stelle würde ich auch gegen eine Tablettentherapie sein,
solange nicht ernsthaft gemeinsam versucht worde wäre, das
Grundproblem des elterlichen Kampfes ums Kind zu beheben.
Es geht also nicht
darum, ob Ihr Kind ADHS hat oder nicht. Es geht auch nicht darum,
ob es Ritalin kriegt. Die Kernfrage muss aus der Sicht des
Kindeswohls eine ganz andere sein, nämlich: "Wie können
Papa und Mama freundlich miteinander darüber sprechen und
einvernehmlich entscheiden, wie mir geholfen werden kann?"
Wenn Eltern diese Kernfrage in diesem Sinne angehen, ist das
schon die beste Therapie fürs Kind, und Ritalin braucht man dann
sowieso nur in ganz extremen Fällen.
Ein einfaches Elterntraining greift in Scheidungs- und Trennungsfällen
sowieso zu kurz. Aber in Ihrer Familienberatungsstelle erhalten
Sie und Ihre Exfrau professionelle Unterstützung bei
individuelleren und einvernehmlichen Elterngesprächen zum Wohle
Ihres Sohnes. Das sollten Sie allen Beteiligten vorschlagen.
Voraussetzung für den Erfolg ist aber, wie gesagt, dass sich
beide Elternteile darauf einlassen. Wenn Ihr Sohn mitkriegt, dass
sich seine Eltern freundlich zusammensetzen und sich gemeinsam
liebevoll um ihn kümmern, wird er gesunden.
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt